Weltraumradar in Werthhoven Wissenschaftler beobachten von Wachtberg aus den ISS-Weltraumschrott

Wachtberg · Seit Montag macht das Fraunhofer-Institut FHR in Wachtberg Messungen zu dem Trümmerteil der ISS. Zweimal am Tag ist das Batteriemodul für das Radar zu sehen. Wie hoch schätzen die Wissenschaftler die Wahrscheinlichkeit, dass die Trümmerteile auf deutschem Boden aufkommen?

 Jens Fiege, Pressesprecher des Fraunhofer FHR, vor dem Radom in Wachtberg.

Jens Fiege, Pressesprecher des Fraunhofer FHR, vor dem Radom in Wachtberg.

Foto: Axel Vogel

Die Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR) in Wachtberg haben das Trümmerteil der ISS seit Montag immer wieder auf dem Schirm. „Das Objekt ist von der Geometrie so, dass wir zwei Bahnen sehen, die zweimal pro Tag in unserem Sichtbereich sind“, erklärt Jens Fiege, Pressesprecher des Fraunhofer FHR. Und zwar am Nachmittag und am Abend.

In Wachtberg steht das Weltraumbeobachtungsradar Tira, ein in Europa einzigartiges System mit dem weltweit größten Radom. Unter der weißen, 56,5 Meter hohen Hülle verbirgt sich eine empfindliche Antenne mit einem Durchmesser von 34 Metern, die Radarwellen aussendet und so auch das kleinste Objekt in Hunderten und Tausenden Kilometern erkennen und abbilden kann. Die Wachtberger Wissenschaftler haben einen Auftrag vom Deutschen Weltraumlagezentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Bundeswehr in Uedem bekommen, weil es sich um ein größeres Objekt handelt, bei dem man davon ausgeht, dass auch Trümmerteile den Boden erreichen könnten. „Im Weltraumlagezentrum sind die Behörden, die die Daten sammeln und die Lage bewerten. Wir sind ein Sensor, der Daten liefert“, erklärt Fiege.

Bei den aktuellen Weltraum-Trümmerteilen handele es sich laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) um Batteriepakete der Internationalen Raumstation ISS, die ein Volumen von zwölf Kubikmetern haben und etwa 2,6 Tonnen wiegen. Der Schrott wurde nach Angaben des deutschen Weltraumlagezentrums bereits am 21. März 2021 von der ISS abgetrennt und bewegt sich seitdem auf die Erde zu. Und warum dauert das so lange? „Auf 400 Kilometern Höhe sind die Erdanziehungskraft und die Reibung der Atmosphäre noch sehr gering. Erst in Bereichen unter 200 Kilometern sinkt das Objekt schneller ab“, erklärt Fiege. Auch Weltraumwetter, Position zur Sonne und Sonnenwetter spielten eine Rolle.

Das Trümmerteil der ISS ist laut Fiege kompakt und „nicht so klein“. Die Wahrscheinlichkeit, dass Teile in Deutschland auftreffen, sei trotzdem äußerst gering. „Eine Prognose über den genauen Absturzzeitpunkt und den Absturzort ist sehr schwierig, weil es so viele Faktoren gibt“, so Fiege. Er geht von „heute 18 Uhr plus/minus 2,5 Stunden“ aus. „Ein Objekt, das so nah ist, fliegt in 90 Minuten einmal um die Erde. In fünf Stunden fliegt es eventuell noch dreimal um die Erde.“ Es fliege am Nachmittag über Nordrhein-Westfalen und sei etwa so groß wie ein Auto, aber so klein, dass es mit dem Auge auf seiner Bahn nicht zu erkennen sei.

Eindrücke von der Internationalen Raumstation ISS
7 Bilder

Eindrücke von der Internationalen Raumstation ISS

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Foto: dpa/-

Im Radom in Wachtberg gibt es immer viel zu tun, weil Weltraumschrott zum Beispiel auch die aktiven Satelliten bedrohen kann. „Um die Weltrauminfrastruktur zu sichern, muss die Weltraumlage kontinuierlich und möglichst vollständig und präzise erfasst werden“, so der Pressesprecher. Es komme fast jeden Tag vor, „dass irgendein Objekt in die Atomsphäre eintritt und niemand merkt es, weil die meisten ganz verglühen.“