Bücherfreunde diskutieren beim Lesetreff in Wachtberg Warum „Der Salzpfad“ einen in den Bann zieht

Wachtberg-Niederbachem · Der Lesetreff in Niederbachem hebt sich von anderen Zirkeln ab. Denn es fehlt der Zwang, zu einem bestimmten Termin ein Buch gelesen zu haben. Die Abende sind dadurch nicht minder spannend und interessant.

Beim Lesetreff: (v.l.) Georg und Martha Winter, Elisabeth Luhmer, Anke Scherfose, Brigitte Witsch und Inge Steinhauer.

Beim Lesetreff: (v.l.) Georg und Martha Winter, Elisabeth Luhmer, Anke Scherfose, Brigitte Witsch und Inge Steinhauer.

Foto: Alfred Schmelzeisen

Eigentlich sind Lesezirkel – also Gruppen, die sich zur Diskussion gemeinsam ausgewählter und gelesener Bücher treffen – eine schöne Idee. Allerdings hapert es bisweilen daran, dass man sich auf eine gemeinsame Lektüre einigen und diese dann auch individuell vorbereiten muss. Eine Alternative dazu bietet der Lesetreff der KöB Niederbachem (Katholische öffentliche Bücherei). Dabei handelt es sich eben nicht um einen Lesezirkel, sondern „um eine Vorstellrunde,“ wie Jutta Kretschmann, eine der freiwilligen Büchereimitarbeiterinnen, erklärt: Man bringt Bücher mit, die man schon gelesen hat, und stellt sie den anderen Teilnehmern vor.

Beim Treffen an diesem warmen und frühlingshaften Donnerstagabend merkt man schnell, dass es hier sehr entspannt zugeht. Alle Teilnehmer, auch die neuen, sind eingeladen, Bücher vorzustellen. „Das ist aber kein Muss“, wie die Anwesenden betonen. Man könne auch einfach nur zuhören. Genau das wollen einige Teilnehmer.

Das bedeutet aber nicht, passiv bleiben zu müssen. Jeder kann sich einbringen, Fragen stellen und seine Meinung sagen. Zum Beispiel kommt es immer wieder vor, dass Zuhörer zu Büchern, die sie selbst schon gelesen haben, ihre eigenen Eindrücke mitteilen. Wer über die Zeit dann doch noch Lust bekommt, sich spontan mit einem eigenen Beitrag einzubringen, kann auch das gerne tun.

Bezüglich der Bücherauswahl gibt es Kretschmann zufolge eine Vorliebe für fiktive Erzählliteratur. Und auch diesmal gehören die meisten der vorgestellten Bücher zu dieser Gattung. Besprochen wird zum Beispiel der Roman „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah, der die Geschichte von zwei Schwestern im besetzten Frankreich während des zweiten Weltkriegs erzählt.

Dazu berichtet Anke Scherfose, die das Buch vorstellt, dass ihr das bewegende Thema und die packende Erzählweise viel Vergnügen bereitet habe. Die Leidensgeschichte sei für sie aber auch verstörenden gewesen und habe sie zum Nachdenken gebracht.

Ein bisschen unzufrieden

Überwiegend kritisch ist eine Besprechung zum Roman „Als Großmutter im Regen tanzte“, in dem die Krimiautorin Trude Teige die Erfahrungen einer Norwegerin beschreibt, die am Ende des Zweiten Weltkriegs einem deutschen Besatzungssoldaten in die Heimat folgt. Ihre Unzufriedenheit begründet die Teilnehmerin/Rezensentin Inge Steinhauer mit dem bedrückenden realen historischen Hintergrund und dessen Ähnlichkeit mit aktuellen weltpolitischen Krisen. „Dann lieber einen saftigen Krimi mit tausend Leichen, wo ich weiß: Das ist ein Roman“, resümiert sie.

Jede Art von Buch ist willkommen, „auch wenn es Micky Mouse ist“, bekräftigt eine Besucherin. Einmal stellte etwa jemand ein Kochbuch vor. An diesem Abend geht es dann noch um „Der Salzpfad“, eine autobiografische Erzählung der Britin Raynor Winn. Sie handelt von einer Wanderung entlang der englischen Südwestküste, die Winn mit ihrem Mann unternimmt, nachdem die gemeinsame Lebensgrundlage plötzlichen zusammengebrochen ist.

Buch zieht sie in den Bann

Trotz ihrer grundsätzlichen Abneigung gegen solche Bücher, habe sie das Buch durch seine meditative Erzählweise und seine Einsichten in der Verbundenheit und Kraft, die aus einer solchen gemeinsam gemeisterten Herausforderung erwachsen können, schnell in seinen Bann gezogen, so Martha Winter.

Natürlich gibt es auch schon mal freundlichen Widerspruch. „Ist doch fürchterlich, wenn alle denselben Geschmack haben“, merkt eine Teilnehmerin an. „Da gäbe es nichts zu erzählen.“ Tatsächlich ist das Ergebnis keine starre Vortragsreihe, sondern ein lebendiger, gemütlicher Austausch, der die Teilnehmer auch noch mit Hinweisen auf interessante und unterhaltsame Lektüre belohnt, die ihnen sonst entgangen wäre.

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