"Wachtberg für Einsteiger", Teil 3 Zu Besuch beim Sprachkursus für Asylbewerber

WACHTBERG · 20.200 Menschen leben aktuell in den 13 Orten der Gemeinde Wachtberg - ein Großteil von ihnen zog über die Jahre wegen der schönen Landschaft ins Ländchen. Für 31 junge Männer zwischen 19 und 28 Jahren und eine siebenköpfige Familie aus Serbien endete die Reise jedoch zufällig in Wachtberg, genauer gesagt in Fritzdorf oder Berkum. Dort hat die Gemeinde derzeit ihre Asylbewerber untergebracht.

Ein spannendes Thema: Wie lebt es sich nach Jahren der Flucht in einer Gemeinde, die viele ihrer Bewohner als "Flecken vom Paradies" bezeichnen? Auf Einladung von Kurt Zimmermann vom ökumenischen Arbeitskreis, der mich mit denen bekannt machen möchte, die in Wachtberg "gestrandet" sind, besuchte ich einen Sprachkursus für Asylbewerber im Köllenhof. Auf Initiative des Arbeitskreises bietet die Volkshochschule seit Ende 2013 diese Möglichkeit an, die Kosten von rund 4000 Euro für den auf 200 Stunden ausgelegten Kursus werden durch den Lions Club mitgetragen.

Soweit die Rahmenbedingungen. Im Köllenhof erwartet mich an diesem Morgen eine kleine Gruppe. "Die Grippewelle hat um sich geschlagen", erklärt Lehrerin Sabrina Keller. Statt wie üblich mehr als 15 sind heute nur knapp die Hälfte ihrer Schüler anwesend. Aus Bangladesch, Indien, Ghana und Eritrea sind sie nach teils zweijähriger Flucht in Wachtberg gelandet - hier müssen sie nun abwarten, wie der Staat über ihr Bleiberecht entscheidet.

Diese Wartezeit nutzt Muzeyen Idris seit zwei Monaten, um hier im Köllenhof Deutsch zu lernen. Es ist nach Englisch, Französisch und des in seiner Heimat Eritrea gesprochenen Tigrinya seine vierte Sprache. Aufmerksam verfolgt Muzeyen, was sein Landsmann Musie Asmelash an die Stellwand schreibt. Drum herum hängen die Wände voll mit Beispielen grammatikalischer Formen der deutschen Sprache.

Als Muttersprachler begreift man erst beim Anblick dieser auseinandersezierten Sätze, wie schwierig Deutsch zu erlernen ist. Oder? Muzeyen muss lachen, als ich ihn danach frage. Dann antwortet er in flüssigem Deutsch: "Nein, ich mag die Sprache." "Keine Probleme?", frage ich noch mal. "Nicht mit der Sprache." Dafür mit der Art, wie er momentan seinen Alltag in Wachtberg bestreiten muss.

Die Unterkünfte, deren Besuch leider für mich nicht möglich war, seien zwar gut, dennoch ist der 20-Jährige unzufrieden. Computer-Wissenschaftler will er werden. Momentan würde ihm schon irgendeine Beschäftigung genügen. Doch eine Arbeitsgelegenheit ist für Asylbewerber so gut wie nicht zu finden, die Arbeitgeber müssen zunächst versuchen, die Stelle mit einer deutschen Arbeitskraft zu belegen. Muzeyens Kumpel Musie ist der einzige aus der Gruppe, der bislang einen Job gefunden hat. Er hilft einige Stunden die Woche im Köllenhof und erhält dafür eine Aufwandsentschädigung.

Für die anderen Bewohner der Übergangsheime bleibt vor allem viel Zeit für Behördengänge in Bonn, die sie mit den wenigen Busverbindungen von Wachtberg in die Bundesstadt bestreiten. Sabrina Keller und Kurt Zimmermann versuchen aktuell, neben dem Sprachkurs weitere Angebote zu schaffen, insbesondere im Sportbereich.

Denn das zweite große Problem sei bislang der Kontakt zu hiesigen Menschen. "Was bringt allein ein Sprachkurs, wenn die Leute das Gelernte nicht anwenden können, weil niemand mit ihnen spricht?", fragt Zimmermann.

Ich habe an diesem Vormittag die Gelegenheit gehabt, genau das zu tun und bin auf offene Ohren und gesprächige Münder gestoßen, die beeindruckende Geschichten zu erzählen haben. Schön wäre es, wenn diese künftig auch einige Wachtberger mehr zu hören bekämen würden. Denn wer kann schon behaupten, ein Dutzend Länder und 4900 Kilometer Luftlinie zurückgelegt zu haben, um ins Ländchen zu kommen?

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