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Raus aus dem klassischen Rollenbild: Was Frauen aus der Region über den Weltfrauentag denken

Raus aus dem klassischen Rollenbild : Was Frauen aus der Region über den Weltfrauentag denken

Zum Weltfrauentag sprechen fünf Frauen aus dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis über Akzeptanz im Job, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und die Kunst, nebenbei noch die Familie zu managen.

Seit 1911 machen Frauen am Internationalen Frauentag auf ihren Kampf um Gleichberechtigung aufmerksam. Hat dieser Tag, der 8. März, heute noch große Bedeutung? Der GA hat mit fünf Frauen aus dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis gesprochen.

■ Friederike Schütterle profitiert davon, was die Frauenbewegung der 1970er Jahre erkämpft hat. Dessen ist sich die 19-jährige Studentin aus Alfter bewusst. Sie studiert an der Alanus Hochschule im vierten Semester Nachhaltiges Wirtschaften. Den Weltfrauentag hat sie vor zwei Jahren erstmals bewusst wahrgenommen. Er sei Gesprächsthema an der Hochschule. „Obwohl ich selbst keine Ungleichbehandlung erfahre, weiß ich doch, dass es weltweit und auch in Deutschland in dieser Hinsicht noch einiges zu tun gibt“, sagt sie. Beispielsweise, was die Bezahlung und die Akzeptanz von Frauenarbeit angehe. „Es sollte doch heute normal sein, dass Frauen nicht mehr das klassische Rollenbild ausfüllen.“ Friederike Schütterle möchte nach dem Studium in einem Unternehmen arbeiten, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt und bei gleichen Aufgaben auch gleich bezahlt werden. Und auch im Privatleben ist Gleichberechtigung für sie wichtig. Sollte sie einmal eine Familie gründen, möchte sie, dass beide Partner sowohl ihrem Beruf nachgehen als sich auch um die Kindererziehung kümmern.

Nicole Danziger reagiert überrascht, als sie auf den Weltfrauentag angesprochen wird. „Den Tag hatte ich gar nicht auf dem Schirm“, sagt sie. Die 42-jährige Buschhovenerin ist ausgebildete Bauzeichnerin im Tiefbau und koordiniert und kontrolliert bei der Gemeinde Swisttal die öffentlichen Baustellen. Unter anderem ist sie zuständig für die Erhaltung, Sanierung, Planung und den Neubau von Kanälen. Eine klassische Männerdomäne. „Da muss man sich schon Akzeptanz verschaffen, wenn man mit gestandenen Männern vom Bau verhandelt. Das geht nur durch Kompetenz und sicheres Auftreten, ich kann auf einer Baustelle nicht als Püppchen erscheinen“, so Danziger. Als jüngere Frau sei sie hin und wieder von den Männern vom Bau nicht ernst genommen worden. Das passiere jetzt aber nicht mehr. Sie fühle sich nicht diskriminiert, sie sei im Kollegenkreis anerkannt und gleichberechtigt. „Ich bin zur Eigenständigkeit erzogen worden, habe mich immer durchgekämpft“, berichtet Danziger, „schon als einzige junge Frau in der Fachabi-Klasse“.

Carmen Heinrich findet den Weltfrauentag zwar gut, hält ihn aber nicht für unbedingt notwendig. „Als Frau möchte ich jeden Tag für meine Arbeit geschätzt werden“, erläutert die 31-jährige Alfterin und Mutter von Klara (6), Jana (3) und Paulina (1). Seit der Geburt ihrer ersten Tochter ist die gelernte Physiotherapeutin zu Hause geblieben, derzeit arbeitet sie zwei Mal pro Woche in einer Bonner Praxis. Je älter die Mädchen werden und die Betreuung durch Kindergarten und Schule gesichert ist, um so mehr möchte Heinrich ihre Arbeitszeiten ausdehnen oder eine Fortbildung machen.

„Ohne mich wäre die Betreuung der Kinder auf der Strecke geblieben. Und da ich ziemlich lange gestillt habe, war klar, dass mein Mann weiter in Vollzeit arbeitet“, berichtet sie. Dennoch fühlt sich Heinrich emanzipiert. Nur hat sie immer wieder festgestellt, dass Patienten weiterhin im Denken von Klischees verhaftet sind und einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Therapeuten machen. So erhalte ihr Mann, der auch Physiotherapeut ist, von dankbaren Patienten zum Ende einer Behandlung oder vor Feiertagen hin und wieder Trinkgeld zugesteckt, bei ihr sei es hingegen Schokolade. Auch trauen ihr vor allem männliche Patienten nicht die körperliche Kraft für den Beruf zu. „Die waren regelrecht erstaunt, dass ich – trotz meines zierlichen Aussehens – kräftig zupacken kann.“

Sie ist nicht die Einzige in ihrem Freundeskreis, die beruflich mit der Geburt der Kinder zurückgesteckt hat. „Die meisten meiner Freundinnen, die ich aus dem Kindergarten kenne, arbeiten stundenweise, auch wenn heutzutage erwartet wird, dass Frauen nach der Geburt schneller wieder in den Beruf zurückkehren.“ Viele müssten arbeiten, da das Geld knapper geworden ist. „In der Kombination von Beruf und Familie bleibt den Frauen in der Regel wenig Zeit für sich selber“, findet Heinrich.

Nina Odenwälder ist 45 Jahre alt, Historikerin, lebt seit fünf Jahren in Hersel und arbeitet 30 Stunden pro Woche für eine Firma im Bereich internationale Zusammenarbeit. „Eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist noch lange nicht erreicht. Deshalb ist wichtig, mit dem Weltfrauentag immer wieder daran zu erinnern“, sagt die Mutter zweier Söhne (5 und 8 Jahre alt). „Ich genieße die Zeit, die ich mit meinen Kindern habe, sehr.“

Aus Sicht der Alleinerziehenden bleibt viel Arbeit rund um die Familie an Frauen hängen. „Frauen wird suggeriert, möglichst viel zu arbeiten. Trotzdem sind sie es, die Termine managen, Kindergeburtstage organisieren und die Fäden in der Familie zusammenhalten.“ Trotzdem würden Frauen oft noch immer schlechter bezahlt als Männer und seien stärker von Altersarmut betroffen. Besonders für die Erzieherberufe, in denen hauptsächlich Frauen tätig sind, wünscht sich die Mutter mehr Anerkennung und eine bessere Bezahlung. „Auch wenn es eine komische Forderung zum Weltfrauentag ist: In Kindertageseinrichtungen und Grundschulen sollte es mehr Männer geben. Denn sie spielen für Jungs eine große Rolle.“

■ Susann Heilmann (50), Mutter von drei Kindern im Alter von 27, 24 und 21 Jahren, ist gelernte Krankenschwester, hat ihr Abitur über ein Telekolleg nachgeholt und währenddessen in Teilzeit gearbeitet. Nach dem Umzug nach Rheinbach hat sie an der dortigen Hochschule Business Administration mit Schwerpunkt Personalmanagement studiert und mit dem Bachelor abgeschlossen. Heute arbeitet sie als Business & Life Coach mit den Schwerpunkten Stressbewältigung und Glückstraining.

Auf die Frage, wie all das möglich war, sagt sie, die Frage dürfe nicht sein: „Wie hast du das geschafft?“ sondern „Wie habt ihr das hinbekommen?“ Sie lebe in einer gleichberechtigten Partnerschaft. „Das bedeutet, dass mein Mann und ich uns die Aufgaben teilen. Wir sehen uns als Team.“ Und auch Vernetzung mit anderen Eltern sei wichtig, um sich gegenseitig zu unterstützen und bei Engpässen zu helfen. Denn nicht jeder habe das Glück, Großeltern in der Nähe zu haben. Wobei ihre Familie dieses Glück hatte, nachdem ihre Eltern später auch nach Rheinbach gezogen waren und die Familie während Susann Heilmanns Studium unterstützt haben.

Natürlich sei es manchmal auch anstrengend gewesen, so Heilmann. Aber: „Beruf und Familie dürfen sich nicht ausschließen.“ Dabei sei es wichtig, sich immer wieder an die Lebensphasen anzupassen. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass das Thema Gleichberechtigung gar nicht mehr im Fokus steht, sondern als selbstverständlich gelebt wird. Positive Veränderungen könnten durch politische Rahmenbedingungen, wie kostenfreie Kinderbetreuung, deutlich besser unterstützt werden.