Zwei Tage tobt der Kampf um das Stahlwerk

Am Montag vor 60 Jahren besetzten die Amerikaner Troisdorf

  Völlig in Trümmern  liegen die Mannstaedt-Werke nach den zahlreichen Bombenangriffen und den zweitägigen Kämpfen zwischen Deutschen und US-Truppen. Repros: GA

Völlig in Trümmern liegen die Mannstaedt-Werke nach den zahlreichen Bombenangriffen und den zweitägigen Kämpfen zwischen Deutschen und US-Truppen. Repros: GA

Troisdorf. Am Morgen des 11. April 1945 setzen die ersten Einheiten der 97. US-Infanteriedivision zuerst bei Lohmar und dann am Uhlrather Hof über die Agger. Die Soldaten, die erst zwei Wochen zuvor aus den USA nach Europa verlegt worden sind, haben in den beiden Tagen zuvor bei der Eroberung von Siegburg ihre erste Feuertaufe bestanden.

Aber die Eroberung von Troisdorf, besonders der Mannstaedt-Werke, sollte unvergleichlich härter und schwerer werden. Die zweitägigen Kämpfe fordern von Amerikanern wie Deutschen einen hohen Blutzoll. So hält die Chronik der 97. Division später denn auch fest: "Das Ausräumen der Klöckner-Werke in Troisdorf war eine der erbittertsten Schlachten des Kampfes um den Ruhrkessel."

Die Besetzung von Troisdorf geht weitgehend kampflos vor sich, weil sich die deutschen Truppen zunächst nach Spich und Wahn und dann ins Bergische absetzen. Aber um das Stahlwerk, das in den Wochen zuvor systematisch zur Festung ausgebaut worden war, entbrennen heftige Kämpfe.

Obwohl immer wieder von Bombenangriffen schwer getroffen, wird im Werk bis wenige Tage vor der Besetzung noch gearbeitet. Als die US-Soldaten von der Agger aus auf das Werksgelände vordringen, stehen ihnen dort mehrere hundert Verteidiger - reguläre Soldaten, Volkssturmleute und Werksangehörige - gegenüber.

In einem der Bunker auf dem großen und unübersichtlichen Gelände hält auch Werksarzt Dr. Josef Wiersberg mit einigen Helfern aus, als die schweren Kämpfe beginnen. Wiersberg hat in dem Bunker ein Lazarett eingerichtet. Den ganzen Tag über prasseln Artillerie- und Mörsergranaten auf das Werk nieder, verletzen Wiersbergs Hilfsarzt so schwer, dass er wenige Tage später stirbt.

Während schwere Maschinengewehre vom Bahndamm aus feuern, dringt gegen 17 Uhr erstmals ein Trupp von rund 30 GIs ins Werksgelände ein. Wiersberg notiert in seinem Tagebuch: "Sogleich erhob sich ein großes Geschieße und Handgranatenfeuer. Bald darauf zeigte sich der Feind am Verwaltungsgebäude und in der Nähe des Gasometers. Schritt für Schritt musste er sich vorkämpfen."

Schließlich schicken die US-Soldaten einen von ihnen gefangenen Volkssturmmann in einen von den Deutschen gehaltenen Bunker, um den Verteidigern die kampflose Übergabe anzubieten. Der deutsche Kommandant lehnt ab und die Kämpfe gehen unvermindert weiter. In der Nacht wird die amerikanische Einheit im Werk eingekesselt, kann sich aber trotz hoher Verluste gegen die Deutschen behaupten.

Einige GIs flüchten sich zu Wiersberg in den Lazarettbunker und warten dort bis zum nächsten Morgen. Andere verbarrikadierten sich in einer Werkshalle. "Die Nacht war ein langer Albtraum für die Einheit. Das Gebäude zu verlassen bedeutete Tod oder Gefangenschaft", notiert die Divisionschonik. Während am 12. April die Frontlinien im Werk ständig hin- und hergehen, werden immer mehr Verletzte, deutsche wie amerikanische, in Wiersbergs Bunker gebracht.

Einem Sergeanten der GIs gelingt es schließlich - unter tatkräftiger Mithilfe von Wiersberg - einen Teil der deutschen Verteidiger zur Aufgabe zu bewegen. Sechs Offiziere und 170 Mann gehen in Gefangenschaft. Dennoch wird den ganzen Tag über im Werk und in den umliegenden Wohnsiedlungen weiter gekämpft. Abends um 20 Uhr räuchern US-Truppen, die mit Panzerspähwagen von Menden aus über eine Behelfsbrücke vorgestoßen sind, mit Flammenwerfern die letzten Widerstandsnester aus.

Es wurde nie bekannt, wieviele Menschenleben der sinnlose Kampf um die Mannstaedt-Werke, die Schwarze Kolonie und das Kasinoviertel gefordert hat. Allein in Wiersbergs Lazarettbunker liegen am Ende 24 gefallene Soldaten, darunter acht Amerikaner. Der Arzt Wiersberg ist einer der letzten, die das völlig zerstörte Werk verlassen. "Nur den einen Wunsch hatte ich, fernab von allen Menschen für mich ganz allein zu sein", notiert er in seinem Tagebuch.

Wie drei Wochen zuvor in Mülldorf ist es am 12. April erneut ein Priester, der die kampflose Übergabe eines Ortes organisiert. Mit den Fahrrad radelt der Sieglarer Pfarrer Wirtz über Spich nach Troisdorf, um mit den Amerikanern über die Übergabe des Ortes zu verhandeln. Zuvor hat er die deutschen Verteidiger des Ortes - ein Offizier und zwölf Soldaten - zum Abzug überredet. Während der Pastor verhandelt, fährt ein US-Jeep nach Sieglar, um sich von der Friedfertigkeit der Bewohner zu überzeugen, zieht sich aber bald wieder zurück.

Am nächsten Morgen, es ist der 13. April, rücken US-Panzerwagen mit zahlreichen Soldaten in Sieglar ein. Kampflos werden auch Eschmar, Müllekoven, Bergheim, Mondorf und die anderen Niederkasseler Ortschaften besetzt.

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