Remis gegen Ungarn: DFB-Team mit Glück und Goretzka im Achtelfinale

Remis gegen Ungarn : Glück und Goretzka führen das DFB-Team ins Achtelfinale

Beim 2:2 gegen Ungarn gerät das DFB-Team im Münchner Unwetter in höchste Seenot und qualifiziert sich gerade so für die K.o.-Runde. Mit Blick auf das Achtelfinal-Duell gegen England bleiben viele Zweifel.

Manuel Neuer, das behaupten profunde Fußballkenner, habe durchaus das Potenzial, einen tadellosen Feldspieler auf hohem Niveau zu geben. Wie er da seinen Raum abdeckt, die Bälle geschickt mit dem Fuß annimmt und verteilt, grätscht, hochsteigt oder flach fliegt zum Kopfball – ja, alldas hätte ihn auch bei diesem Münchner Regen-Donnerwetter am Mittwochabend dazu befähigt, in einer schwimmenden deutschen Mannschaft eine ernsthafte Rolle einzunehmen, die weit über das Fangen und Fausten von Bällen hinausgeht. Doch gerade wirkt es so, als sei der Torwart Neuer zu sehr mit seiner originären Aufgabe beschäftig, als dass er ihr in stürmischer See einen Rettungsring als haltender Feldspieler zuwerfen könnte.

Es dürfte kaum einen Spieler geben, der nicht irgendwo ein Spiel im Herzen trägt, an das er sich besonders gerne erinnert. Neuer müsste nicht lange kramen: WM 2014! Achtelfinale! Algerien! – die Gedankenmaschine wäre gleich angeworfen. Spätestens seit diesem heldenhaften Vortrag als feldspielender Torhüter in Porto Alegre hält sich die Einsicht, Neuer habe das Spiel auf ein neues Niveau gehoben.

Doch diesmal kamen seine Vorzüge kaum zur Geltung. Viel zu halten gab es ja nicht für den Münchner im letzten Gruppenspiel der EM gegen Ungarn, und eine Ungenauigkeit im Herauslaufen, er kam gegen den Torschützen Andras Schäfer zu spät, hätte beinahe dazu beigetragen, dass das DFB-Team nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM in Russland erneut frühzeitig untergegangen wäre. Das sehr wacklige 2:2 reichte am Ende, um als Gruppenzweiter nach London zu ziehen, wo die Deutschen ein Treffen mit dem alten Rivalen England vereinbart haben – in Wembley.

Mehr Ratlosigkeit als Gewissheiten im deutschen Team

Erleichterung überwog im deutschen Lager nach einer Partie, die mehr Ratlosigkeit, denn Gewissheiten hinterließ. Und der deutsche Torwart („es war natürlich ein Nervenkrimi“), dem schon gegen Portugal mangels Entschlossenheit die Beteiligung an einem Gegentreffer nicht gänzlich abzusprechen ist, war nicht in der Lage, die Rettungsmission gegen die Ungarn nach zweimaligem Rückstand selbst in die Hand zu nehmen.

Dafür zeichnete sich in erster Linie sein Münchner Spezi verantwortlich: Leon Goretzka, der das Herz in die Hand nahm. Wortwörtlich. Und im doppelten Sinn. Erst donnerte er den Ball in der Arena bei heftigem Fritz-Walter-Wetter zum erlösenden 2:2 für die deutsche Elf ins Netz, um dann die Finger in Form eines Herzens an die ungarischen Fans zu richten, darunter viele Rechtsextreme. Sie hatten während des Spiels mit menschenfeindlichen Parolen („Deutschland, Deutschland, homosexuell“) provoziert.

Löw über Goretzka: „Ich denke, das Tor gibt ihm Auftrieb“

Vielleicht hat auch dieses Verhalten Goretzka motiviert, dem Löw Leroy Sané in der Startformation vorgezogen hatte. Der frühere Bochumer kam dann doch, schoss, traf – und zeigte Herz. Joachim Löw dürfte registriert haben, dass da einer nach seiner Verletzungspause ins Team drängt, der mit seiner Dynamik und Robustheit der Mannschaft helfen könnte. „Ich denke, das Tor gibt ihm Auftrieb“, sagte der Bundestrainer über Goretzka. „Er ist für uns ein wichtiger Spieler, weil er Dinge macht, die der Mannschaft guttun, defensiv wie offensiv.“

Mit guten Aktionen gingen gleichwohl beinahe alle Deutschen sehr sparsam um gegen tiefstehende Ungarn. Gegen die zwei hohen weißen Wände in der Abwehr fanden sich kaum Löcher, durch die sie hätten schlüpfen können. „Wir haben fast keine Räume gefunden oder geöffnet“, befand Löw.

Leroy Sané agiert beim 1:2 zu halbherzig

Im eigenen Mauerwerk taten sich dann aber schon auch einige Risse auf, die gegen die Ungarn im Kontermodus kaum zu kitten waren. Da war Löws Plan, Sané nach dem Wechsel auf die rechte Seite zu ziehen, offenbar wenig zielführend. Welchen Plan er damit genau verfolgte, das bedarf noch einer abschließenden Klärung. Zumal Sané auch einige ungeliebte Wege nach hinten zu absolvieren hatte. Abzulesen am halbherzigen Eingreifen vor dem 1:2, als er im unheilvollen Verbund mit dem herauseilenden Neuer zu spät kam.

„Das war nichts für schwache Nerven“, sagte Löw. Sein rechter Läufer Joshua Kimmich bemängelte, dass „uns ist mit dem Ball nicht viel eingefallen ist“. Mehr noch: „Wir haben uns brutal schwergetan. Wir standen auch bei eigenem Ballbesitz nicht wirklich gut.“ Was am Ende half, war auch Glück. Und Goretzka.

Kimmich jedenfalls kämpfte mit der richtigen Einordnung der Ungarn-Partie. „Ja, schwierig“, sagte er in München. „Das heute war ein gewisser Stimmungsdämpfer.“ Wahrlich keine guten Voraussetzungen für das Alles-oder-Nichts-Spiel in Wembley.