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Alexander Zverev nach US-Open-Final-Niederlage im Gefühlschaos

Endspiel der US Open : Alexander Zverev nach Final-Niederlage im Gefühlschaos

Alexander Zverev unterliegt im Endspiel der US Open nach dramatischem Kampf Dominic Thiem in fünf Sätzen. Die Enttäuschung ist groß, dabei ist Zverev längst in der Weltspitze angekommen.

Es ging schon auf Mitternacht zu in New York, als Alexander Zverev zu seinem letzten US-Open-Termin erschien. Zverev saß in einem TV-Studio, er blickte auf eine Videoleinwand, einige Reporter waren ihm aus aller Welt zugeschaltet. Er sah müde, abgekämpft aus, sein Blick war leer, ausdruckslos, unbewegt. Viel hatte der Verlierer des großen Finaldramas nicht mehr zu sagen, eigentlich war ja längst alles auf dem Centre Court besprochen und beantwortet worden. „Ich muss damit leben“, sagte Zverev, „aber es ist schon sehr bitter. Ich war so dicht am Sieg dran.“ Trost könne ihm im Moment gar nichts spenden, deshalb habe er sein Handy auch noch nicht eingeschaltet: „Die ganzen Tut-mir-leid-Nachrichten wollte ich noch nicht lesen.“ Einige Momente später, kurz vorm Gehen, sagte er dann: „Vom ganzen Reden wird das alles auch nicht besser.“

An Lob, Anerkennung, Sympathie, Trost und Zuspruch war kein Mangel für Zverev, nach dem beinahe unglaublichen 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 (6:8)-Scheitern gegen seinen Freund Dominic Thiem – und doch war da eben die große Frage, wie Zverev diesen Knockout auf den allerletzten Metern wegstecken würde, wie er diese traumatische Erfahrung verdaute. Thiem als Erster machte Zverev Mut, er sagte bei der Siegerehrung, dass „Sascha irgendwann seine Familie stolz machen wird, wenn er ganz sicher einen Grand Slam“ gewinnt, auch Zverev selbst meinte, „es werde bald eine neue Chance geben“. Aber es waren nichts als schöne Worte, der Blick in eine Zukunft, von der niemand weiß, wie sie aussehen wird für den jungen Deutschen.

Endspiel der US Open ist ein Showdown der Superlative

Hinter dem 23 Jahre alten Riesen lag ein Match, eine Niederlage, ein Showdown der Superlative, den man so schnell nicht vergessen wird. Zverev gegen Thiem, dieser Fünf-Satz-Krimi mit Tiebreak-Schlusspunkt und ohne Happy End für den gebürtigen Hamburger – es war ein Duell, das noch verrückter, denkwürdiger und aufwühlender war als dieser ganze Geister-Grand-Slam selbst. Tausende Spiele habe er schon gesehen, sagte Boris Becker, „aber so was habe ich noch nie erlebt“. Vom Himmel in die Hölle, von der Hölle wieder in den Himmel – und noch einmal zurück, es war das Motto dieses irren Spiels, in dem nichts gewiss war, obwohl früh alles klar schien.

Zverev hatte, nüchtern betrachtet, nach einer 2:0-Satzführung noch das erste Grand-Slam-Endspiel seiner Laufbahn verloren, er hatte als erster Akteur seit 71 Jahren in New York noch einen solch komfortablen Vorsprung versiebt. Aber was sich in diesen vier Stunden und einer Minute im größten Tennisstadion der Welt ereignete, war mehr – eine Partie mit unglaublichen Drehungen und Wendungen auf der Zielgeraden, ein Zweikampf mit unglaublicher Wucht, Intensität und Leidenschaft. Ein Duell schließlich, das an einen Schwergewichts-Boxkampf erinnerte, mit zwei umhertaumelnden Fightern, die immer noch um jeden Punkt rangen, als sie sich kaum noch auf zwei Beinen halten konnten. „Zwei Gladiatoren“ habe er gesehen, so Beobachter Becker, „die Werbung für den Tennissport machten“.

Für Zverev ein Albtraum der verpassten Chancen

Zverev wird sich noch manches Mal an diesen Albtraum der verpassten Chancen zurückerinnern. Er hatte alle Trümpfe in der Hand, er hätte auch gut und gerne in drei klaren Sätzen als überraschend sicherer Triumphator vom Feld gehen können. Aber er ließ Thiem zurück ins Spiel, der nahm die Einladung an, glich zum 2:2 nach Sätzen aus. Als die Kräfte schwanden, vieles nur noch aus dem Unterbewusstsein gesteuert war, hatte Zverev noch einmal beinahe die Tür ins Tennis-Paradies aufgestoßen. Er nahm Thiem den Aufschlag zum 5:3 im fünften Satz ab, schlug zum US-Open-Titelgewinn auf – und kassierte das 5:4. Im nächsten Aufschlagspiel von Thiem war er bei 0:30 nur noch zwei Punkte vom Pokal weg, und wieder sprang der Österreicher dem Grand-Slam-Tod von der Schippe.

Es ging weiter und weiter in dieser faszinierenden Tennis-Schlacht. Alles war möglich, nichts unmöglich. Thiem schaffte das Break zum 6:5, Zverev das Rebreak zum 6:6. Entscheiden musste der Tiebreak, jenes unbarmherzige Glücksspiel, diese grausame und ebenso herrliche Verdichtung des Dramas. Vor 50 Jahren war er eingeführt worden im Tennis, aber in New York hatte er noch nie in einem Finale im fünften Satz entschieden. „Jeder Punktgewinn ist so gigantisch wichtig, jeder Punktverlust eine riesige Last“, sagte Zverev später. Was passierte in den letzten zehn Minuten, kurz nach zwei Uhr morgens in Deutschland, war im Grunde wie der Mikrokosmos des ganzen abwegig schwankenden Finales: Zverev führte 2:0, er vergab den Vorsprung, lag 3:5 und 4:6 hinten, hatte zwei Matchbälle gegen sich. Wehrte sie ab, schaffte das 6:6.

Und dann, nach vier Wochen in der New Yorker Tennis-Blase, nach gespielten drei Stunden und 59 Minuten im Endspiel, entschieden die nächsten beiden Punkte für Thiem diese titanische Aufführung. Der Österreicher sank der Länge nach hin, Zverev schritt hinüber zu ihm, die beiden Freunde umarmten sich. Für Thiem war das lange Warten vorbei, er hatte ja seine ersten drei Grand-Slam-Endspiele verloren. Für Zverev indes gab es erst mal nur die Hoffnung, an anderer Stelle oder auch in New York baldmöglichst als Erster durchs Ziel zu gehen.

Die Tränen fließen bei Alexander Zverev

Zverevs Enttäuschung blieb zunächst verborgen, er saß nach dem Tiebreak-Unglück im Ashe-Palast, diesem Geisterhaus der US Open 2020, wie der einsamste Mensch des Planeten auf seiner Bank, er verzog keine Miene, starrte ins Irgendwo und Nirgendwo. Bei der Siegerehrung, den obligatorischen Worten des Zweitplatzierten, brachen die versteckten Gefühle indes heraus. Ganz allein hatte Zverev diesen kompletten Grand-Slam-Kampf bestritten, zum ersten Mal seit den Karriereanfängen waren weder Mutter Irina noch Vater Alexander und Bruder Mischa dabei gewesen – nun, als untröstlicher Verlierer und Redner, dachte Zverev sofort an die Familie. Alles habe er den Eltern zu verdanken, sagte Zverev. „Sie waren immer bei mir, waren immer für mich da. Sie konnten aber nicht kommen, beide waren positiv auf Corona getestet.“ Zweimal versagte Zverev die Stimme, die Tränen flossen. Dann sagte er einfach nur noch in Richtung der Eltern: „Danke.“

Einen kurzen Moment stellte er sich mit der Silberschale des Finalverlierers zum gemeinsamen Bild mit Thiem. Dann ging er weg, die Bühne blieb Thiem. Es war vorbei. Welch ein Tag.