1. Sport

Interview mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther: Die Ski-Ikonen über den Wandel ihrer Sportart

Interview mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther : Die Ski-Ikonen über den Wandel ihrer Sportart

Wenn Felix Neureuther, deutsche Gold-Hoffnung für die Winterspiele in Sotschi, auf der Piste ist, schreibt seine Mutter die Zwischenzeiten mit, sein Vater geht in die Knie - auch mental, wie er zugibt. Im Interview sprechen die ehemaligen Weltklasse-Skiläufer Rosi Mittermaier und Christian Neureuther über Sportlermeinungen zu politischen Themen, ihr Mitfiebern mit Felix sowie über Schule und Erziehung.

Interviewtermin in einem Restaurant am Mohrenplatz, mitten in Garmisch: Rosi Mittermaier strahlt - die 63-Jährige hat immer noch diese herrlichen Grübchen in ihren Wangen. Wie damals, im Februar 1976, als sie bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck zur "Gold-Rosi" wurde.

Ihr Mann Christian Neureuther war ebenfalls Weltklasse im Skisport, schaffte aber nicht den ganz großen Wurf. Beider Sohn Felix Neureuther geht bei den Winterspielen in Sotschi als große deutsche Medaillenhoffnung im Riesenslalom und Slalom an den Start. Über die Ski-Familie Neureuther, Erinnerungen an 1976 und den Wandel im Skirennsport sprechen die deutschen Wintersport-Helden der 1970er Jahre im Interview.

Frau Mittermaier, Herr Neureuther, es sind nur noch wenige Tage bis Olympia: Wenn Felix am 19. Februar im Starthäuschen steht, können Sie dann vor lauter Nervosität überhaupt noch hinschauen?
Rosi Mittermaier: Normalerweise sind wir ja bei den Rennen nur Fernsehzuschauer - auch weil der Christian früher nicht so ganz stabil war.(sie lächelt)

Wie muss ich mir Sie denn vor dem Fernseher vorstellen?
Mittermaier: Ich schreibe Zwischenzeiten mit, ganz altmodisch.
Christian Neureuther: Obwohl es eine App gibt, die alle Informationen vom Rennen ganz aktuell und genau liefert. Aber die Rosi analysiert noch genauer: ,Schau, da hat er den Schwung nicht genau getroffen.' Da wird jede Zwischenzeit mitgeschrieben, so dass sie vom Rennen gar nichts mehr sieht.
Mittermaier: Red' doch kein Schmarr'n. (beide lachen)

[kein Linktext vorhanden]Und was machen Sie, Herr Neureuther?
Neureuther: Ich gehe beim Zuschauen wirklich leicht in die Knie - tatsächlich wie mental. Ehrlich, es ist schon belastend. Im Laufe der Jahre bin ich zwar stabiler geworden: Weil ich gemerkt habe, dass es völlig unbedeutend ist, ob ich am Hang stehe, im Zielraum oder zu Hause am Fernseher sitze. Trotzdem fahre ich jeden Schwung mit, fühle jede Welle oder Schwierigkeit, als ob ich selber fahren müsste.

In Sotschi sind Sie vor Ort ...
Neureuther: Ich habe das Gefühl, es schadet nichts, wenn wir dabei sind.
Mittermaier: Nein, im Gegenteil. Letztes Jahr habe ich gesagt: komm, wir fahren mal nach Lenzerheide zum Weltcupfinale, da waren wir schon lange nicht mehr. Dort sind wir selbst einen Tag Ski gelaufen und haben am nächsten Tag beim Slalom zugeschaut. Felix hat gewonnen - und wir waren happy.

Wie ist der Unterschied, selbst dort oben zu stehen, oder den Sohn dort zu sehen?
Neureuther: Das kann man gar nicht vergleichen. Beim Sohn ist das viel belastender - weil man selbst nicht eingreifen kann. Bei jedem Tor ist die Sorge da, dass nichts passiert und er es gut erwischt. Das geht doch allen Eltern gleich. Kinder sind das wertvollste Gut. Das Schöne ist die Freude, wenn es gut gegangen ist. Dabei geht es gar nicht mal so sehr ums gewinnen. Es ist eine völlig andere Dimension der Emotion, und ich finde: es ist eine tiefere Emotion.

Und wenn er dann auch noch gewinnt wie zuletzt häufiger?
Neureuther: Die Freude ist ungleich schöner als beim eigenen Sieg.

Was war Ihr stolzester Moment als Eltern eines Weltklassesportlers?
Mittermaier: Wir würden jetzt nicht sagen: wir sind stolz. Den Begriff mögen wir nicht so sehr.

Wie beschreiben Sie denn das Gefühl, wenn es besonders gut gegangen ist? Beispiel Januar 2013, als Felix 29 Jahre nach Ihrem Sieg am selben Ort, Christian, in Wengen gewonnen hat ...
Neureuther: Selbstverständlich habe ich das mit dem eigenen Erleben reflektiert. Aber Stolz ist für uns aus der Nachkriegsgeneration vielleicht das falsche Wort. Es ist ein unheimliches Entspannen und Glücklichsein. Das Gefühl nehme ich dann den ganzen Tag mit, in den Abend hinein. Genieße es bewusst, weil ich auch weiß, dass am nächsten Tag die Uhren wieder auf Null gestellt werden. Für den Moment ist es einfach Freude und pures Glück, ich habe meine Frau neben mir, manchmal ist auch unsere Tochter Amelie dabei, dann sind wir eine Einheit. Jeder fiebert mit dem Buben, und wir freuen uns oder leiden mit ihm.

Klingt fast kitschig schön.
Mittermaier: Ist aber doch logisch. Wenn's wichtig wird, dann zünden wir im übertragenen Sinn ein Kerzerl an. Genauso wie damals, als die Kinder in der Schule waren und irgendeine Schularbeit geschrieben haben.

Welche Gefühle bewegen Sie noch?
Mittermaier: Dankbarkeit, dass der Felix das erleben kann. Dass er seine Leidenschaft ausleben kann - dazu noch eine, die wir auch selbst erlebt haben. Ich bin nicht stolz. Ob die Kinder nun Leistungssport betreiben wie Felix oder ob sie wie Ameli Erfolg in ihrer eigenen Ambition haben: Wir sind dankbar, dass die Kinder etwas gefunden haben, bei dem sie ihr Talent ausleben können.

Slalom ist bei Ihnen Familiensache, richtig?
Neureuther: Rosi ist auch Abfahrts-Olympiasiegerin geworden, dennoch stimme ich zu: auch ihre beste Disziplin war der Slalom. Felix wäre von der Mentalität und der Risikobereitschaft auch ein Abfahrer. Aber er ist so begnadet schnell in den Füßen, dass es Unsinn wäre, ihn auf die Abfahrt zu schicken.

Woher kommt denn die Neigung zum Slalom?
Mittermaier: Wir haben die Kinder früh mitgenommen und spielerisch zum Skifahren gebracht. Wir sind Ihnen immer Slalomschwünge vorgefahren, immer viele Kurven.
Neureuther: Die Korrekturen waren immer an der Slalom-Technik orientiert.Vielleicht ist dies ein Grund.

Und wie haben Sie als prominente Eltern, die so erfolgreich waren, es geschafft, den Druck nicht zu groß werden zu lassen?
Neureuther: Dieser Bereich ist in unserem Familienleben sicher der problematischste.. Wenn Kinder im gleichen Metier der Eltern Erfolg haben wollen, wird es immer schwierig.

Wie haben Sie das gelöst?
Mittermaier: Unsere Kinder sind so aufgewachsen, dass sie lange nicht gewusst haben, dass wir früher Leistungssportler waren. Klar war, dass wir Ski gefahren sind. Aber das machen ja viele, das ist in unserer Region völlig normal. Sportler und Medaillengewinner sind bei uns zu Hause ein- und ausgegangen. Auch das war nichts Besonderes.
Neureuther: Und wir haben keinen Pokal im Haus. Nichts. Wir haben sie auch nie auf Empfänge oder derlei Veranstaltungen mitgenommen. Und vor allem gab es nie einen Zwang.

Gab es Phasen, in denen Felix gesagt hat, er habe keine Lust mehr?
Neureuther: Die gab es nie.
Mittermaier: Im Gegenteil. Er ist halt ein Bewegungsmensch, der gerne Fußball und Eishockey spielt. Wir mussten eher sagen: Felix, es gibt auch noch die Schule. Daraufhin blieb der mal wieder vier Stunden auf dem Fußballplatz, weil irgend einer sagte: wir brauchen noch einen Linienrichter.
Neureuther: Das einzige, wozu ich ihn gezwungen habe, war das Abitur.
Mittermaier: Das waren richtige Diskussionen. Er meinte, die mittlere Reife reiche.
Neureuther: Dabei hat er sich gar nicht schwergetan. Er wollte halt nicht lernen.

Es war der Anlass für Sie, ein neues Modell anzustoßen - dank Ihrer Prominenz fanden Sie bei der Politik auch Gehör.

Neureuther: Es ging nicht nur um Felix! Es ging darum, dass talentierte Skifahrer Sport und die Schule miteinander verbinden können. Gemeinsam mit dem Olympiastützpunkt und den hiesigen Schulen haben wir ein Programm entwickelt, damit Felix und auch Maria Riesch nicht auf ein Ski-Gymnasium gehen mussten, sondern in ihrer gewohnten familiären Umgebung bleiben konnten. Wir wollten unseren Buben nicht nach Berchtesgaden in ins Skigymnasium geben. Weil wir unsere Kinder bei uns haben und selber Einfluss auf die Erziehung nehmen wollten. Damit wollen wir auf keinen Fall das Skigymnasium in Berchtesgaden entwerten. Im Gegenteil. Diese Schule ist ein Segen für den Leistungssport. Wir hatten halt eine zusätzliche Modelllösung im Auge, wie man auch von zu Hause aus Schule und Sport verbinden kann. Aus dem Grund mussten wir erreichen, dass im Winter Fehltage erlaubt sind und der versäumte Unterricht an der eigenen Schule nachgeholt werden kann. Daraus wurde in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium ein Modell für talentierte Nachwuchssportler, das in vielen Schulen angewendet wird. Felix versäumte 90 Schultage im Jahr!

Der Fußball von heute und die deutschen Weltmeister von 1974 – das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, ähnlich im Skisport beim Rückblick auf die 70er Jshre.
Neureuther: Wenn Sie den Franz fragen, oder den Uwe, dann haben die damals besser gespielt. So ist es bei den Skifahrern erst recht. Wir sind damals natürlich viel besser gefahren als heute. (lacht) Im Ernst: Der Aufwand heute ist gigantisch. Deutlich größer als früher.
Mittermaier: Es gibt je alleine schon mehr Disziplinen im Weltcup – und mehr Rennen.

Kippstangen, Carving-Ski – was war die größte Revolution?
Neureuther: Die motorischen Grundfähigkeiten für den Rennsport sind zwar die gleichen. Doch hat sich der Skisport extrem gewandelt. Der größte Schritt war die Dämpfungsplatte latte, die erfunden worden ist, um den Ski ruhiger zu machen. Rosi ist mit einem 1,97 Meter langen Ski Slalom gefahren - die Mädchen heute tun dies mit 1,55 Meter. Meine waren 2,07 Meter lang, die von Felix 1,65 Meter. Wir wollten früher auch immer mit kurzen Skiern fahren. Aber es ging nicht, weil der Ski dann so geschlagen haben und kein Tempo hergaben.

Woran liegt das?
Neureuther: Ein Ski ist nur dann schnell, wenn der Fahrer seinen Schwung auf der Kante durchziehen kann, ohne dass der Ski ausweicht oder driftet. Jedes Rutschen kostet Zeit, das ist vergleichbar als ob man beim Autofahren vom Gaspedal gehen muss. Diese Dämpfungseigenschaften mussten wir früher über die Länge erreichen. Jetzt kann man durch diese Dämpfungsplatten unter der Bindung viel kürzere Ski und dadurch viel engere Radien fahren. Der Sport hat sich dadurch total verändert. Die fahren heute Kurven, von denen haben wir nur geträumt. Und das im steilen Gelände auf spiegelglattem Untergrund, da sagst du: das gibt's doch gar nicht.

Was bedeutet das für die athletischen Fähigkeiten?
Neureuther: Das hat auch den Körperbau der Athleten stark verändert. Die Kraft spielt auf Grund der hohen Zentrifugalkräfte eine eine viel größere Rolle. Waren wir Slalomfahrer früher schlank und dünn, so sind die heutigen Asse echte Kraftpakete.

Kommt das Felix entgegen?
Neureuther: Niemand ist so schnell mit den Füßen wie der Felix. Das ist seine große Qualität.
Mittermaier: Was sich so extrem verändert hat neben den körperlichen Aspekten, das sind die Stangen. Früher musste man mit dem ganzen Körper drum herum fahren, heute carven nur noch die Füße und Ski außen herum.

Und was ist von den Fähigkeiten von früher geblieben?
Neureuther: Die Liebe zum Fußball von Fritz Walter und Bastian Schweinsteiger ist die gleiche. Das gilt für jeden Sport. Du brauchst etwas, was in dir brennt. Im Felix hat es schon als kleiner Bub gebrannt. Wenn du dieses Feuer nicht hast, dann brauchst du diesen extremen Sport nicht auszuüben..
Mittermaier: Leidenschaft und Begeisterung für den Schnee für die Natur! Die Freude an der kalten Luft und an den Bergen. Dieser Sport verbindet. Wenn die alten und jungen zusammenkommen, sind wir zwar Jahre auseinander aber im Geiste sprechen wir die gleiche Sprache.

Frau Mittermaier, denken Sie mal 38 Jahre zurück. Die Tage von Innsbruck. Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder von damals sehen?
Mittermaier: Ich werde sehr oft erinnert daran, wenn mir andere Menschen erzählen, wie sie das damals erlebt haben. Da sind kuriose Geschichten dabei. Einer hat wegen mir einen Autounfall gebaut, ein Zahnarzt hat das Blombenmaterial zu hart werden lassen und musste es herausmeißeln, es gibt unglaubliche Storys.

Etwa so wie jeder weiß, wo er war und was er getan hat, als Deutschland Fußballweltmeister wurde ..
Mittermaier: Meine Mutter hat sich in Innsbruck übrigens zum ersten Mal einen Abfahrtslauf zugeschaut. Meine ältere Schwester Heidi hatte sich vor meiner Zeit schwer verletzt und bei einem Rennen eine Niere verloren. Deshalb hat meine Mutter immer gesagt: Abfahrtslauf, Mädels, des braucht's nett. Sie hatte Angst, dass wieder etwas passiert. In Innsbruck war sie dann dabei, der Arzt hat ihr Beruhigungsmittel gegeben!

Sie erinnern sich noch gut an Ihr Rennen?
Mittermaier: An jeden einzelnen Moment. Ich weiß ganz genau, wie ich am Start gestanden bin, ich weiß ganz genau, wie unser Trainer Heinz Mohr geschrien hat. Er hatte gesagt: du musst so lange anschieben, bist du mich nicht mehr schreien hörst.

Dann Silber im Riesenslalom, und beim zweiten Gold im Slalom waren Sie dann völlig losgelöst.
Mittermaier: Das war wie auf Wolke sieben. Im zweiten Durchgang hatte ich sogar die Ski übereinander gebracht, es ging ganz einfach und ich habe den Ski wieder zurückgezogen. Das geht nur, wenn du sehr locker bist. Diese Lockerheit ist das A und O. Dazu gehört ein perfekter Trainingszustand und vor allen Dingen ein freier Kopf.

Haben Sie später bedauert, nach den Spielen aufgehört zu haben?
Mittermaier: Eine Zeit lang habe ich es sehr bedauert. Ich sah die anderen und dachte: ich bin ja noch jünger als viele, die da fahren. Da dachte ich, ich hätte noch weiterfahren sollen, weil ich ja dieses Leben geliebt habe. Aber ich war auch in eine andere Welt versetzt, wo ich so viel unterwegs war und soviel anderes und Neues erleben durfte. Ich bereiste die ganz Welt von Japan nach Amerika und wieder zurück. Christian war in der Zeit noch aktiver Rennfahrer und wir waren dann oft umgekehrt zwischen den Kontinenten unterwegs.
Neureuther: Im Flugzeug haben wir uns dann zugewinkt.

War früher mehr Spaß?
Neureuther: Felix hat einen Riesenspaß mit seinen Kumpels. In der Slalom-Truppe herrscht ein unglaublicher Zusammenhalt, und die wissen auch wie man feiert. Man hilft sich, baut sich gegenseitig auf, spricht Empfehlungen aus für Ärzte und Physiotherapeuten oder Menschen, die einen in Notlagen weiterbringen können.
Mittermaier: Der Felix hilft jedem. Also wenn man auf etwas stolz sein kann, dann darauf. Dass er ein großes Herz hat für alle. Marcel Hirscher hätte in Garmisch beispielsweise letztes Jahr keinen Riesenslalom fahren können, wenn Felix ihn nicht zu seinem Physiotherapeuten nach Schliersee geschickt hätte. Diese Hilfsbereitschaft untereinander ist das Schöne an dieser Szene. Im Fußball ist das wohl ähnlich. Die halten alle zusammen. Das hat Bastian Schweinsteiger erzählt, der ja mit Felix im Skikader war, bis er 14 war.
Neureuther: Am meisten geändert haben sich die Medien.

Aber es gab doch auch damals Schlagzeilen über „Gold-Rosi“ und Seitenhiebe wegen der Nervenschwäche von Christian.
Neureuther: Die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung war vielleicht sogar noch größer. Es gab ja lange nicht so viele Sportarten. Kitzbühel z.B. war ein Straßenfeger, die Leute saßen vor dem Fernseher. Aber die Medienlandschaft war total anders.

Der Druck ist also größer heute?
Mittermaier: Die neuen Medien: Jeder hat ein Handy, jeder fotografiert. Du kannst ja nicht mehr normal über die Straße gehen.
Neureuther: Dazu kommt die damit einhergehende Vermarktung des Sports und der Druck, der aus den Interessen der Sponsoren und des Managements resultiert. Das hatten wir nicht. Wir waren Amateure.

Jede Menge Journalisten gab es bei Olympia aber auch.
Neureuther: Aber wir hatten ein anderes Verhältnis untereinander. Ich erzähle immer gerne eine Geschichte von 1972 in Sapporo. Da haben viele ja auch schon gewusst, dass Rosi und ich uns ganz gerne haben.
Mittermaier: Damals gab es ja noch getrennte olympische Dörfer für Frauen und Männer. Wir mussten uns abends davonschleichen, um uns heimlich in der Innenstadt von Sapporo zu treffen.
Neureuther: Wir gingen dann in eine Diskothek, Max hat sie geheißen, und wer sitzt da in einer Ecke: die versammelten Münchner Journalisten.

Die haben uns natürlich sofort gesehen und wir dachten: oh je!
Mittermaier: Aber die wussten Bescheid und haben nichts davon geschrieben. Das wäre heute undenkbar. Die Hemmschwellen sind viel niedriger.
Neureuther: Ich habe kürzlich mal einen Chefredakteur gefragt, was wäre, wenn sein Redakteur so etwas nicht schreiben würde. Er sagte: den würde ich rauswerfen.

1980 waren sie ein großer Medaillenkandidat, nach Platz fünf wurden Sie teilweise als Versager abgestempelt ...
Mittermaier: Ihm fehlten nur ein paar Hundertstel auf den dritten Platz.
Neureuther: Ich hatte Pech, eine Stange ist mir nachgelaufen. Dafür konnte ich wirklich nichts. Aber irgendetwas in mir war nicht stark genug für so eine Medaille. Ich war vom Selbstvertrauen her nicht der Typ für große Ereignisse. Und wie das so ist im Leben, wenn dann der Tag da wäre, um doch zu gewinnen, dann läuft Dir eine Stange nach und schiebt sich unter Deine Skier.

Das wurmt Sie heute noch, oder?
Neureuther: Das ist ein Schatten, der einen ein Leben lang begleitet als Sportler: Wenn Sie keine Medaille gewonnen haben, dann zählen sie nichts. Sie können 50 Weltcuprennen gewonnen haben, doch in der Öffentlichkeit, vor allem bei Funktionären, die meistens vom Sport keine Ahnung haben, da zählen nur Medaillen. Und dann heiraten sie noch so eine Frau, eine Überfliegerin. Da trägt man dann in vielen Situationen größere Balaste mit sich rum.

… und muss die Faust in der Tasche machen.
Neureuther: Manchmal werde ich dann aggressiv und ungerecht. Es schaukelt sich so ein Gefühl auf und dann explodiere ich nicht nur Innerlich. Damit gehe ich aber sehr offen um. Als Felix letztes Jahr die WM-Medaille in Schladming gewonnen hat, war genau dieser Punkt die größte Entlastung für mich.

Sonst hätte es am Ende geheißen: wie der Vater so der Sohn ...
Neureuther: Davor hatte ich am meisten Sorge. Dass es heißt: ja, wenn es um das ganz Große geht, dann scheidet er aus. Das brauche ich für meinen Buben nicht. Deshalb war diese Medaille so eine große Erleichterung. Wenn er jetzt am Start steht und der Druck wieder groß wird, denke ich an Schladming und werde ruhiger.

Beim Thema Sicherheit stößt die heile Bergwelt an Grenzen. Letztes prominentes Beispiel einer Vielzahl von Verletzten war Lindsay Vonn. Ist die Situation den Veranstaltern, Technikern und letztlich Athleten nicht längst entglitten?
Mittermaier: Wenn man hört, dass fast alle Sportler mindestens einmal die Kreuzbänder gerissen haben, dann kann man seine Zweifel haben.
Neureuther: Der Skisport ist unter den großen Sportarten inzwischen vielleicht die gefährlichste. Die Statistiken sind erschreckend. Knie, Bewegungsapparat, Rücken ... Alle haben Rücken. Der jetzige Hahnenkamm-Sieger Hannes Reichelt hat erst wenige Stunden vor dem Start entschieden, dass er überhaupt fährt. Zwei Tage später hat man einen Bandscheibenvorfall festgestellt, er wurde sofort operiert und fällt für Olympia aus. Je höher die Geschwindigkeiten desto häufiger die Verletzungen, da ist der Slalom nicht vergleichsweise am harmlosesten.
Mittermaier: Als Mutter sage ich: dieser Sport ist gnadenlos.
Neureuther: Wenn heute im Abfahrtslauf einer schwer stürzt und ins Netz fliegt, dann kann man fast davon ausgehen dass er schwerer verletzt ist. Veranstalter, Verbände und Mediziner - alles ist auf dem höchsten Niveau. Und trotzdem bekommt man das Problem nicht in den Griff.

Woran liegt es? Die Strecken sind dieselben. Sind die Kurse anders gesteckt? Provoziert das Material auch extreme Fahrweise?
Neureuther: In Wengen sind wir früher in der Abfahrt gerade in der Hocke durchgefahren. Heute werden an den gleichen Stellen extreme Radien gezogen mit enormen Fliehkräften. Tempo 165 ist letztes Jahr in Wengen gestoppt worden.

Wie könnte man Tempo herausnehmen?
Neureuther: Natürlich durch Kurven. Aber inzwischen ist das Material so gut, dass die Ski in den Radien sogar Beschleunigung zulassen. Die Belastungen, die in den Radien auf die Körper wirken, sind gigantisch. Wenn die Ski sich trotz dieser riesigen Zentrifugalkräften in den Schnee "fressen", wenn dann irgendetwas passiert, wird ein Katapult-Effekt ausgelöst und der Rennläufer katapultiert durch die Luft. Da werden Kräfte frei, die sind gigantisch.

Und es gibt keine Möglichkeit, diese zu kontrollieren?
Neureuther: Das ist wirklich schwierig. Seit Jahren versuchen Spezialisten in eigenen Fachgruppen die genannten Gefahren einzudämmen. Aus diesem Grund wurden auch die Taillierungen der Riesenalalom-Skier verändert. Aber es sind nur minimale Verbesserungen. Die Sportler stellen sich auf das neue Material ein und fahren nach kurzer Zeit wieder so schnell wie vor der Veränderung. Interessant ist auch, dass die Rennfahrer ihr Material lieben und gar keine Änderungen wollen. Da ist einfach der "Kick" zu groß.

Ihre Frau hat gesagt: ich bin froh, dass Felix Slalom fährt. 2009 war er aber schon deutscher Abfahrtsmeister. Und er sagt immer wieder, dass er die Streif fahren möchte.
Neureuther: Er wird es tun. Als Mann musst du einmal die Streif gefahren sein.

Sind Sie auch?
Neureuther: Ja, dreimal.

Was könnte man denn zur Risikoreduzierung tun?
Neureuther: Man könnte die Rennanzüge ändern. Diese bestehen nur aus hauchdünnem Material, das weder schützt noch bremst. Dickere und gepolsterte Rennanzüge würden das Tempo drosseln, der Zuschauer sähe keinen Unterschied und die Rennfahrer sähen gegebenenfalls sogar besser aus.

Die Sturzfolgen würden gelindert.
Mittermaier: ... und die Anzüge wären wärmer – die Mädchen würden sich freuen.

Sicherheit in einem anderen Sinn: Es grassiert die Angst vor Anschlägen in Sotschi. Finden Sie gut, dass Athleten Stellung beziehen? Oder sollten Sie sich raushalten?
Neureuther: Ein mündiger Sportler kann und sollte durchaus seine Meinung sagen. Felix hat sich geäußert, aber das war's dann auch. Denn nach den Spielen fragt ihn keiner mehr nach seiner politischen Meinung sondern danach, wie er mit dem Druck und den Rennstrecken umgegangen ist. Dafür hat der Sportler vier Jahre trainiert und darauf sollte er sich fokussieren. Alles was ihn von seinem großen Ziel abbringen könnte, muss er weglassen. Bei der Vergabe der Spiele hätte man sich Gedanken machen müssen, wem man den Zuschlag erteilt. Jetzt findet Olympia in Sotschi statt, es geht um Medaillen, alles andere sollen andere besprechen und beurteilen. Der Sportler soll sich ausschließlich auf seine Aufgabe konzentrieren.
Mittermaier: Ich hoffe nach wie vor, dass sich durch diese Spiele auch etwas zum Positiven verändert. Die Spiele bringen immerhin eine Chance auf Öffnung und Veränderung.
Neureuther: Meines Erachtens ist Sotschi im Februar einer der sichersten Orte. Der dafür benötigte Aufwand ist bedauerlich aber nicht dem Sport zuzuschreiben.

Die Spiele in München hätten eine Art Gegenentwurf werden können. Sie haben sich stark eingesetzt und gesagt: "Wir stehen für Olympia ohne politisches Kalkül." Macht es Sie traurig, dass es das nicht mehr gibt?
Neureuther: Die Sportbegeisterung der Deutschen ist nach wie vor sehr groß. Aber der kommerzielle Sport hat sich zu weit von den Menschen weg entwickelt, die machen das nicht mehr mit. Ich schimpfe auf niemanden, der hier nein gesagt hat. Wenn man sieht, was derzeit in Katar passiert. In Brasilien gibt es kein Geld für Bildung oder Gesundheit, aber für große Bauprojekte. Selbst die fußballverrückten Brasilianer gehen auf die Straße. Solche Entwicklungen sollten alle hellhörig machen. Für Fußballspieler werden 100 Millionen Euro ausgegeben. Hat das Pendel da nicht zu weit auf die falsche Seite ausgeschlagen? Wenn alles nur noch dem Kommerz und Gigantismus unterworfen ist, dann wird es gefährlich für Olympia und den Spitzensport in unserer Gesellschaft.

Wie in der Antike?
Neureuther: Ja, es gibt zu viele Extreme!

Also gibt es vorerst keine Chance für Spiele in Deutschland.
Neureuther: Wir wollten die Menschen für 2022 mit einem einzigartigen nachhaltigen Konzept erreichen. Das ist uns nicht gelungen, denn die Menschen haben daran nicht geglaubt. Diese einzigartige Olympische Idee, an die wir glauben und für die wir immer kämpfen werden, wird es schwer haben, wenn Spiele nur noch in totalitären Staaten sattfinden. Wir brauchen nachhaltige Konzepte, die auch in westlich geprägten, demokratischen Ländern Akzeptanz findet. So ein Umdenken ist sicher ein längerfristiger Prozess, da kann man nicht einfach den Hebel umlegen. Ich bin mir aber sicher, dass im IOC und gerade auch durch Thomas Bach solche Entwicklungen wahrgenommen und Veränderungen eingeleitet werden. Für den Thomas ist das doch auch eine große Chance.

Sie werben für Nordic Walking und Schneeschuhwandern. Wie halten Sie sich selbst fit?
Neureuther: Im Winter vor allem mit Langlauf, im Sommer gehen wir mit unseren Stöcken in die Berge.

Und Ihnen tut nichts weh?
Mittermaier: Glück gehabt, ich bin von schwereren Blessuren verschont geblieben.
Neureuther: Bei mir zwickt das Knie öfter mal.

Noch einmal zurück zu Felix: In puncto Weltcup-Siege hat er seinen Vater inzwischen überholt. Jetzt fehlen noch zwei bis zu den zehn der Mutter. Wann holt er Sie ein, Frau Mittermaier?
Mittermaier: Das interessiert mich überhaupt nicht. Da ich selbst nicht genau weiß, wieviele es waren, wird das dem Felix erst recht ziemlich Wurscht sein.

Zu den Personen

Rosi Mittermaier, geboren am 5. August 1950 in München, aufgewachsen auf der Winkelmoosalm oberhalb von Reit im Winkl. Stand schon mit drei Jahren auf Skiern. Holte bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck Gold in der Abfahrt und im Slalom sowie Silber im Riesenslalom, trat kurz danach zurück - und wurde zur Werbe-Ikone. Zehn Weltcupsiege.

Christian Neureuther, geboren am 28. April 1949 in Garmisch-Partenkirchen. Als größte Nachwuchshoffnung des Deutschen Ski-Verbandes kam er mit dem Druck schlecht zurecht, stürzte oft in aussichtsreichen Rennen und bekam den Spitznamen "Sturzreuther". Steckt hinter der geschickten Vermarktung seiner Ehefrau. Seit 1998 bei Skirennen Co-Moderator der ARD. Drei Olympiateilnahmen, 1976 und 1980 Fünfter im Slalom, sechs Weltcupsiege.

Gemeinsame Kinder: Ameli (erfolgreiche Designerin und Künstlerin) sowie Felix (Skirennläufer, WM-Zweiter 2013, acht Weltcupsiege).