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EM: Deutschland - Ungarn: DFB-Elf zittert sich ins Achtelfinale

Das große Zittern : Deutschland schafft den Einzug ins Achtelfinale knapp

Gegen Ungarn und auf dem Weg ins EM-Achtelfinale erlebte die DFB-Elf von Jogi Löw eine Achterbahnfahrt. Trotz eines schwachen Spiels zitterte sich „Die Mannschaft“ mit einem 2:2 in die K.o.-Phase des Turniers.

Im Land der Tataren erlitten die Deutschen einst eine ihrer empfindlichsten Niederlagen. Die Fußballer um ihr Stammesoberhaupt Joachim Löw mussten sich den von ihnen eher dezent ernst genommenen Südkoreanern in Kasan geschlagen geben (0:2). Das unrühmliche Aus ereilte die Nationalmannschaft im finalen Gruppenspiel der WM in Russland, und drei Jahre später war auch vor dem dritten Vorrundenspiel der EM nicht endgültig geklärt, ob sie denn diesmal ihren Feldzug fortsetzen und wenigstens das Achtelfinale erreichen würde. Zwar kam sie ihrem Anspruch auf das Erreichen der K.o.-Runde nach, doch es war ein Abend des großen Zitterns, der lange all ihre Schwächen offenbarte. Das 2:2 (0:1) gegen Ungarn war eine Partie ohne Entschlossenheit, ohne Durchschlagskraft, ohne Ideen. Ein biederer Auftritt der Deutschen, die sich alleine bei einem Joker bedanken durften, dass sie nicht wie 2018 schon in der Vorrunde scheiterten. Es war der eingewechselte Leon Goretzka, der mit seinem späten Treffer (84.) zum Ausgleich das Weiterkommen sicherte. Als Gruppenzweiter kommt es nun zum Aufeinandertreffen mit England in London, wo ohne eine deutliche Steigerung wohl endgültig Löws letztes Länderspiel als Bundestrainer ansteht.

Im ersten Aufeinandertreffen in einem Pflichtspiel gegen Ungarn seit dem WM-Finale 1954 steckte auch viel politische Brisanz. Die Uefa hatte der Stadt München ja untersagt, die Arena regenbogenfarben erleuchten zu lassen als Fanal für Vielfalt und Toleranz. Ein persönliches Zeichen setzte dann ein Fan im DFB-Trikot, der auf den Rasen flitzte und sich beim Abspielen der ungarischen Nationalhymne vor dem Team aufbaute. Er schwenkte dabei eine Regenbogenfahne, wurde von Ordnern abgeführt.

Der Himmel hatte sich eine kleine Reminiszenz erlaubt an das „Wunder von Bern“. Es prasselte unaufhörlich. Ein Unwetter über München. Und auch die Deutschen prasselten gleich los. Joshua Kimmich, der erneut über rechts kam, erreichte ein langer Ball von Mats Hummel, doch Leipzig-Keeper Peter Gulacsi hielt (4.). Das war es aber auch erstmal mit den Offensivbemühungen. Die Ungarn hatten sich das genauso vorgestellt wie gegen die Franzosen, denen sie mit ihrer Kompaktheit ein Leben voller Sorge bereiteten. Einmal wagten sie sich jedoch aus der Deckung. Der Mainzer Adam Szalai schummelte sich in die Schnittstelle zwischen den deutschen Abwehrtürmen Mats Hummels und Matthias Ginter, ein langer Ball, Szalais Kopf - und Manuel Neuer war machtlos (11.).

Es war ein Wirkungstreffer, von dem sich die Deutschen nur langsam erholten. Als Zielkorridor hatten sie die rechte Seite ausgemacht, doch Matthias Ginter und Josua Kimmich ließen es an Präzision mangeln. Beide Flügel lahmten, weil auch auf der anderen Seite Robin Gosens weit von seiner Portugal-Form entfernt war. Doch der Starkregen schien die DFB-Elf wieder aufzuwecken, ein kleines Zwischenhoch inklusive. Ein rasanter Antritt von Kai Havertz mit raffiniertem Dribbling brachte aber nichts ein, da in der Mitte die Kundschaft fehlte (17.). Aber über Standardsituationen müsste doch was gehen, die hatte Löw ja intensiv einstudieren lassen. Und tatsächlich setzte Hummels nach einer Ecke den Ball per Kopf vehement an die Latte (21.). Nur eine Minute später tauchte Ginter plötzlich frei vor Gulacsi auf, doch er war offenbar derart überrascht, dass der Torhüter rechtzeitig die Arme hochbrachte.

Das donnernde Prasseln des Regens auf das Stadiondach ließ nun die Ungarn wieder wach werden, die sich mit Leidenschaft und Einsatz gegen die unentschlossenen deutschen Angriffe zur Wehr setzten. Lediglich Leroy Sané stach mit seinem Tempo und seinen Solokünsten heraus. Der Ball wurde nur selten in die Tiefe gespielt, er zirkulierte in endlosen Stafetten vor der ungarischen Festung, ohne einmal ein Loch darin finden zu können. Zur Pause gab es Pfiffe für die Mannschaft, die sich viel vorgenommen, aber nichts umgesetzt hatte, was zu Löws Beruhigung hätte beitragen können.

Der Bundestrainer hatte seine Mannschaft nur in Nuancen geändert. Für den angeschlagenen Thomas Müller kam aber nicht etwa der von vielen erwartete Leon Goretzka, sondern Sané zu seiner Startelfpremiere. Nach dem Wechsel änderte Löw zunächst nichts an seiner Aufstellung. Aber die Zähigkeit im deutschen Vortrag blieb. Viele Ballverluste und ungenaue Pässe leistete sich das Team im Bemühen, das magyarischen Abwehrgeflecht zu durchdringen. Dabei sollte nun Goretzka helfen, der für den schwachen Gündogan in die Partie kam. Die Deutschen versuchten weiterhin eine Lücke zu finden, doch erst ein Fehler von Gulacsi, der am Ball vorbeisprang, ermöglichte dem DFB-Team den Ausgleich. Hummels lenkte den Ball per Kopf vor das Tor, Havertz nickte ein (66.). Die Aufbruchstimmung war aber rasch dahin, kein Dutzend Ballkontakte nach dem 1:1 erschien Andras Schäfer im Strafraum, Neuer stürzte übereilt heraus – 1:2 (68.). Ein Abwehrverhalten wie beim Schulbuben-Kick auf dem Pausenhof. Die Deutschen mussten nun kommen, kamen aber selten durch. Toni Kroos verzog knapp (81.). Dann aber schlugen sie doch noch zu. Goretzka ließ alle durchatmen.