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EM-Teamcheck: Fragen und Antworten zu Deutschlands Gegner Portugal

EM-Teamcheck : Fragen und Antworten zu Deutschlands Gegner Portugal

Fünfmal standen sich Portugal und Deutschland bei WMs und EMs in diesem Jahrtausend gegenüber – seit ein gewisser Ronaldo mitspielt, jedes Mal mit dem besseren Ende für das DFB-Team. Die portugiesische Mannschaft im Teamcheck.

Als die Vorrundengruppen der EM 2020 ausgelost wurden, war die Frage, wann es die regelmäßig vom Losglück geküssten Deutschen mal so richtig erwischen würde, umgehend geklärt. Es gab Todesgruppen, die gegen dieses Aufeinandertreffen rückblickend wie ein Kaffeekränzchen daherkamen. Deutschland bekam den Welt- und den Europameister zugelost. Selbst Laien leuchtet ein, dass das schwer werden würde.

Und sogar Experten fragten sich wohl, wozu Deutschland in seiner Qualifikationsrunde dann überhaupt Gruppensieger geworden sei, wenn so etwas dabei herauskommt. So knackig das insgesamt klingt – Portugal wird als Europameister für viele nur als technischer Begriff geführt. Der Titelgewinn 2016 mutet noch immer an wie ein Betriebsunfall. Nach drei Unentschieden in der Vorrunde und wenig berauschenden K.o.-Runden-Siegen gegen Kroatien, Polen und Wales gönnte Fußball-Europa dem damals wie heute von Fernando Santos betreuten Team den Titel nur zähneknirschend. Ist Portugals Ruf als Titelverteidiger also viel größer als ihr Potenzial? Im Gegenteil. 

Was ist neu bei Portugal?

Auch wenn beim 3:0-Sieg gegen Ungarn einige bekannte Gesichter auf dem Feld standen, täuscht das darüber hinweg, dass Portugal beinahe eine neue goldene Generation beisammen hat wie in den 1990ern und frühen 2000ern um Luis Figo. Das lässt sich unter anderem daran ablesen, wer im ersten Gruppenspiel nicht mitgewirkt hat: André Silva (25), der in der abgelaufenen Saison in 32 Bundesligaspielen 28 Tore für Eintracht Frankfurt schoss, kam in der 81. Minute.

 Verteidiger Ruben Dias wurde zum Spieler der Saison in der Premier League gewählt.
Verteidiger Ruben Dias wurde zum Spieler der Saison in der Premier League gewählt. Foto: dpa/Robert Michael

Joao Felix (21), dessen Marktwert auf 80 Millionen Euro geschätzt wird und in dem nicht wenige den legitimen Ronaldo-Erben sehen, bekam sogar volle 90 Minuten auf der Bank. Doch selbst die bereits eingesetzten Führungsfiguren sind in der Nationalmannschaft noch relativ neu: Diogo Jota (24, Liverpool) und vor allem der von deutschen TV-Kommentatoren auffällig korrekt (“Fernandsch“) ausgesprochene Bruno Fernandes (26, Manchester United) sind ebenso prägende bis herausragende Figuren in den Mittelfeldern ihrer Mannschaften und waren 2016 noch keine A-Nationalspieler. Genauso wenig wie Ruben Dias, eben erst zum Spieler der Saison in der englischen Premier League gewählt – als Innenverteidiger. 

Welche Stärken hat Portugal?

Gegenfrage: Was kann dieses Team eigentlich nicht? Der Kader quillt über vor Potenzial und Talent. Mit Jota, Fernandes und Bernardo Silva von Meister Manchester City schiebt eine All-Star-Auswahl der besten Liga des Planeten im Mittelfeld Dienst, die zusammen in der abgelaufenen Saison auf 29 Tore und 17 Vorlagen in England kam. Der ehemalige Bayern-Spieler Renato Sanches bringt derweil das Kunststück fertig, noch immer erst 23 Jahre alt zu sein. Nach seiner erst prognostizierten und dann für gescheitert erklärten Weltkarriere gewann er nun mit dem OSC Lille die Meisterschaft in Frankreich und kann die Versprechen, die viele für ihn gemacht haben, allmählich doch noch einlösen.

 Bruno Fernandes (r.) gehört zu den kreativen Köpfen im Team.
Bruno Fernandes (r.) gehört zu den kreativen Köpfen im Team. Foto: dpa/Armando Franca

Dias scheint als Innenverteidiger auf dem Weg, vielleicht der Beste überhaupt in diesem Job zu werden. Im Angriff kamen Felix und André Silva, die wohl in vielen großen Mannschaften Stammkräfte wären, gegen Ungarn noch nicht zum Zug. Das liegt vor allem an einem Luxusproblem namens Cristiano Ronaldo. 

Was ist mit Ronaldo?

Eine berechtigte Frage. Da der Superstar zumindest auf dem Papier dem irdischen Schicksal des Alterns nicht entgehen kann, ist man versucht, in den leisen Abgesang auf den inzwischen 36-Jährigen einzustimmen. Auch wenn sein Club Juventus Turin keine berauschende Saison hinter sich hat, strafen einen die Zahlen aber allein für den Gedanken Lügen, er könne womöglich nachlassen. 29 Tore in 33 Spielen lassen quasi alle anderen Stürmer erblassen.

In Portugal führt daher vorne noch immer kein Weg an ihm vorbei, zumal er auch im fortgeschrittenen Alter allenfalls an Geschwindigkeit, aber kein bisschen an Athletik eingebüßt hat. Wer klammheimlich gehofft hatte, dass der Eifer des eitlen Wunderspielers inzwischen etwas abgekühlt sei, sollte sich den Jubel nach seinem Elfmetertreffer gegen Ungarn noch einmal ansehen. CR7 brennt darauf, es der Welt zu zeigen. Immer und immer und immer wieder. Besonders weit oben dürfte das Team von Joachim Löw auf seiner persönlichen Wunschliste stehen – noch nie konnte er in einem Duell mit einem deutschen Team treffen – geschweige denn gewinnen. 

Wie sieht die deutsche Bilanz gegen Portugal aus?

Fast so gut wie Ronaldos Oberkörper. Bei der aus DFB-Perspektive peinlichen 2000er EM setzte es für Lothar Matthäus und Co. eine demütigende 0:3-Niederlage. Die vier folgenden Duelle gingen jedoch ausnahmslos an Deutschland. Das Spiel um Platz drei bei der WM 2006 (3:1), das EM-Viertelfinale 2008 unter Co-Trainer Hansi Flick als Verterter des gesperrten Joachim Löw (3:2), ein 1:0 in der Vorrunde der EM 2012 sowie ein 4:0-Sieg in der Gruppenphase der WM 2014 in Brasilien – ein erstes Ausrufezeichen des späteren Weltmeisters Deutschland. Als schlechtes Omen aus deutscher Sicht taugt höchstens, dass die Serie schon bedenklich lange hält. 

Wo kann Deutschland die Portugiesen knacken?

Das DFB-Team muss zunächst bei sich selbst ansetzen: Wenn auch mit viel Glück, so gelang es der deutschen Abwehr doch, sich gegen die Franzosen um Überschallspieler Kylian Mbappé einigermaßen schadlos zu halten. Offensiv muss gegen Portugal aber einfach mehr stattfinden, denn genau dort sind die Iberer verwundbar. Von der Qualität, die Pepe einst zu einem Innenverteidiger auf internationalem Top-Niveau gemacht hat, ist er mit 38 Jahren weit entfernt und zeigt ebenso wie der 37-jährige José Fonte, der gleichwohl gegen Ungarn nur auf der Bank saß, dass hier Alternativen fehlen.

Auch Danilo Pereira (Paris) und William Carvalho (Betis Sevilla), die den Kreativen im Mittelfeld den Rücken freihalten, fallen auf höchstem internationalen Niveau etwas ab. Hier muss das Prunkstück des deutschen Teams im zentralen Mittelfeld klare Akzente setzen und die Angreifer in Abschlussposition bringen. In der Offensive sind die Portugiesen zwar deutlich breiter aufgestellt, Ronaldo bleibt aber der Fixstern des Systems. Das macht sie vermeintlich berechenbar, auch wenn Portugal inzwischen viel mehr ist als nur Ronaldo.