1. Sport
  2. 1. FC Köln

Irreperable Schäden möglich: 1. FC Köln: Darum waren die Auswechslungen von Schmitz und Kilian nötig

Irreperable Schäden möglich : 1. FC Köln: Darum waren die Auswechslungen von Schmitz und Kilian nötig

Gleich vier Spieler wurden in der Begegnung Frankfurt gegen Köln nach Kopfverletzungen behandelt. Drei mussten ausgewechselt werden. Eine nötige Entscheidung. Denn auch Gehirnerschütterungen können irreparable Schäden nach sich ziehen.

Der Zusammenstoß war unbeabsichtigt und vermutlich gerade deswegen besonders heftig. FC-Keeper Timo Horn ging mit den Fäusten nach einer Flanke zum Ball und erwischte mit dem Ellbogen auch Luca Kilian, der anschließend noch einen weiteren Kopftreffer von Rafael Czichos Rücken einstecken musste. Beide Einschläge hatte der Innenverteidiger nicht kommen sehen, war unvorbereitet. Kilian blieb zunächst benommen liegen, wollte es nach kurzer Behandlung noch einmal probieren, um dann doch ausgewechselt zu werden.

Der 22-Jährige war sichtbar angeschlagen, aber bei weitem nicht der einzige Profi, der beim Duell des 1. FC Köln in Frankfurt am Samstag einen Kopftreffer einstecken musste. „Ich glaube schon, dass so viele Unterbrechungen und Kopfverletzungen ungewöhnlich sind“, sagte FC-Kapitän Jonas Hector. Bereits in der Anfangsphase waren Florian Kainz und Erik Durm zusammengerasselt. Auch Durm musste ausgewechselt werden. Der ehemalige Nationalspieler erlitt eine Gehirnerschütterung und steht Frankfurt erst einmal nicht zur Vefügung.

Unmittelbar vor dem Seitenwechsel stießen dann Benno Schmitz und Timothy Chandler mit den Köpfen zusammen. Beide spielten zunächst weiter. Schmitz blieb nach der Pause in der Kabine, Chandler soll die gesamten 15 Minuten über genäht worden sein. Sowohl Schmitz als auch Kilian trainierten am Montag wieder mit. Große Sorgen dagegen bei Union Berlin. Timo Baumgartl musste nach einem Zusammenprall mit Fabian Klos ebenfalls behandelt werden. Unter anderem in der Charité. Diagnose: Schwere Gehirnerschütterung. 2019 fiel der Profi bereits aufgrund eines ähnlichen Zusammenstoßes einen gesamten Monat aus.

Bei wiederholtem Schädel-Hirn-Trauma massive Folgen möglich

„Wenn Jemand mit dem Kopf gegen einen Gegner prallt und es gibt keine neurologischen Auffälligkeiten, dann liegt vermutlich eine Schädelprellung vor, eine Beule. Die hat jeder schon einmal erlebt“, sagt Professor Eckhard Rickels, Neurochirurg und Mit-Initiator der in Bonn ansässigen „Schütz deinen Kopf“-Initiative der Hannelore-Kohl-Stiftung. „Gibt es aber Auffälligkeiten, liegt vermutlich eine Schädel-Hirn-Verletzung vor. Die birgt eine gewisse Gefährlichkeit. Der Spieler muss vom Platz. Doch die Auffälligkeiten sind manchmal schwer zu erkennen.“ Bewusstlosigkeit, Schwindel, Verwirrtheit – Symptome gibt es viele. Doch auch Spieler, die diese möglicherweise ignorieren. Dabei ist die Gefahr einer sogenannten „Concussion“ nicht zu unterschätzen.

Laut der Initiative „Schütz deinen Kopf“ werden pro Jahr im deutschen Sport mehr als 40.000 Gehirnerschütterungen diagnostiziert. Die Dunkelziffer ist natürlich um ein Vielfaches höher. „Bei jedem Schlag kommt es zu Mikroverletzungen, die in der Bildgebung teilweise gar nicht zu sehen sind. Wir wissen, dass wiederholte kleine Schädel-Hirn-Traumen langfristige Folgen verursachen können“, sagt Rickels. Folgen wie Alzheimer, aber auch wie eine chronische traumatische Enzephalopathie (CTE), einer degenerativen Erkrankung des Gehirns. Eine häufige Späterkrankung ehemaliger Profisportler, gerade aus dem American Football, Boxen und nach neuesten Erkenntnissen auch aus dem Eishockey. Die Boxstars Jack Dempsey, Joe Lewis und Sugar Ray Robinson – sie alle sind an CTE erkrankt. Bei mehr als 40 ehemaligen NFL-Spielern ist die Krankheit ebenfalls diagnostiziert. „Ein Trauma ist in der Regel noch kein Problem. Das heilt schnell ab“, sagt Rickels. „Doch mehrere potenzieren sich. Wir wissen aber auch, dass auch leichte Gehirnerschütterungen noch nach einem Jahr zu Folgeschäden führen können.“ Patienten leiden dann unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder Kopfschmerzen. 

Selbst Kopfbälle können Schäden verursachen

Doch auch Kopfbälle können schon leichte Schäden verursachen. Der Profisport hat die Gefahr auf dem Schirm. An diesem Wochenende fand in England ein Spiel ehemaliger englischer Fußball-Profis wie Gary Lineker statt. Das Besondere: In dem Spiel waren Kopfbälle verboten. Ein Testlauf, wie der Fußball von morgen aussehen könnte. „Es liegt beim Kopfball ein Patho-Mechanismus vor. Der Kopf ist am Hals ja relativ fest. Kommt es zu einem Kopfball, schnellt der Kopf blitzartig nach hinten, das Hirn läuft aber langsamer. Es kommt zu einer Scherbewegung. Die ist natürlich nicht gut“, erklärt Rickels. Aber: „Ein Boxer überlebt einen Boxkampf, weil er über eine starke Nackenmuskulatur verfügt. Er ist auf die Schläge vorbereitet. Bei einem Profifußballer sollte es ja ähnlich sein.“

Die Gefahr lauere laut Experten viel eher bei Amateuren, da wo keine Mediziner am Rand stehen. Dabei gibt es Hilfen. Wie zum Beispiel das Sport Concussion Assessment Tool (SCAT), einen Fragebogen, der unter anderem von der Stiftung „Schütz deinen Kopf“ kostenlos angeboten wird. Oder die Gehirnerschütterungs-Test-App (GET), die erst Anfang des Jahres weiterentwickelt wurde und namhafte Partner hat. Die Deutsche Fußballliga setzt bei der Diagnose auf das Baseline-Screening, das verpflichtend für alle Bundesligaspieler ist. Dabei ermitteln neurologische Test vor der Saison die Leistung der gesunden Hirnfunktion. Diese Daten können nach einer Kopfverletzung abgeglichen werden, um Schädigungen zu erkennen.

Vor allem Kinder sollten vor Kopfbällen geschützt werden

Auch Kinder sind gefährdet. „Gerade bei Kleinkindern ist der Nackenbereich noch nicht so ausgebildet, der Kopf aber in der Relation ein wenig zu groß. Das sollte man mit Kindern eigentlich nicht machen“, so Rickels. Seit langem gibt es Bestrebungen, den Kopfball aus dem Juniorenbereich zu verbannen. In England schon längst Regel, in Deutschland nicht mehr als eine Empfehlung. Tim Meyer, Vorsitzender in den Medizinischen Kommissionen von DFB und Uefa, sagte vor einigen Monaten in einer Mitteilung der Uefa: „In den vergangenen Jahren wurde immer wieder diskutiert, ob häufige Kopfbälle im Verlauf einer Karriere zu dauerhaften Veränderungen der Hirnstrukturen oder -funktionen führen können. Allerdings konnte hierfür bisher kein endgültiger wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden."

Dem widerspricht Rickels: „Mit der Evidenz ist es ja immer so eine Sache. Wie soll dieser vermeintliche Beweis erbracht werden? Will man eine Gruppe von 50 Kindern aufteilen, die einen machen 100 Kopfbälle, die anderen nicht und dann untersucht man in den folgenden Jahren die schulischen Leistungen?“, will Rickels wissen. „Manche Dinge sagt einem der klare Menschenverstand.“