Analyse des Absturzes Der Abstieg des 1. FC Köln und die Folgen

Bonn · Der Vorstand des 1. FC Köln hat der Geschäftsführung frühzeitig das Vertrauen ausgesprochen, doch der Druck auf die Verantwortlichen steigt. Wie ist es zu der bitteren Situation gekommen? Was erwartet die Kölner in der Zweiten Liga? Der GA gibt einen Ausblick.

Finstere Aussichten: Dem 1. FC Köln droht nach dem Abstieg der Ausverkauf seiner Leistungsträger wie Jeff Chabot (großes Foto links) und Timo Hübers.

Finstere Aussichten: Dem 1. FC Köln droht nach dem Abstieg der Ausverkauf seiner Leistungsträger wie Jeff Chabot (großes Foto links) und Timo Hübers.

Foto: dpa/Arne Dedert

Es existiert da dieser überlieferte Ausspruch Konrad Adenauers, der hat in all seiner Lebenserfahrung mal gesagt: „Do jitt et nix zo kriesche“, brachte der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik trocken hervor, als er auf seinem Sterbebett seines Hauses in Rhöndorf lag – gedacht als Trost für seine anwesende Familie. „Da“, sagte er also in kölschem Dialekt, „gibt es nichts zu weinen“. Tröstende Worte werden zu vielen, die es mit dem 1. FC Köln halten, in diesen schwierigen Zeiten jedoch keinen Zugang finden. Nicht mal kölsche. Der FC ist zum siebten Mal in seiner Historie in die Zweite Liga abgestiegen. Die Anhänger hätten tatsächlich ausreichend Veranlassung zur Trauer, doch sie waren es nicht, die sich in dieser kläglichen Saison ihrer Mannschaft etwas zu Schulden haben kommen lassen. Im Gegenteil, fast allein sie dürfen darauf verweisen, eine erstklassige Arbeitsbescheinigung abgeben zu können. Der Rest ist Schweigen. Eine Aufarbeitung, ein Ausblick.

Sportliche Führung: Beinahe eine gesamte Saison lang waren Präsident Werner Wolf und seine Mitstreiter im FC-Vorstand, Eckhard Sauren sowie Carsten Wettich, derart unsichtbar wie der alte Alberich unter seiner Tarnkappe – selbst in der großen Krise. Was umso mehr verwundert, als sich der Präsident neulich in der beängstigenden Abstiegsnot dann doch einmal eindrücklich zu Wort meldete. In seinem Appell, veröffentlicht auf der Clubhomepage in Form eines Interviews, warb er für Kontinuität im Club und somit personelle Stabilität auf oberster Führungsebene. Wir werden unseren Weg weitergehen und für unseren Kurs kämpfen“, sagte Wolf also. „Das gilt für uns als Vorstand. Das gilt für unsere drei Geschäftsführer, von deren Arbeit wir überzeugt sind.“

An seiner Einschätzung sollte auch der Absturz in die Zweite Liga nichts ändern. Rufen nach Rücktritten und Entlassungen werde man „nicht nachgeben“. Punkt. Neben Christian Keller gehören Philipp Türoff, der seine Unterschrift gesetzt hatte unter den unseligen Vertrag mit Jaka Cuber Potocnik, der die folgenschwere Transfersperre nach sich zog, und Markus Rejek der Geschäftsführung an. Alles andere als eine Weiterführung der Zusammenarbeit wäre nach Wolfs Auffassung „ein Rückfall in die Mechanismen, die seit ganz vielen Jahren verhindern, dass der FC nachhaltig wächst“. Daher wolle man „den Teufelskreis opportunistischer Maßnahmen der vergangenen rund 35 Jahre durchbrechen“, sagte Wolf, der seit 2019 amtiert. Ein Präsident, dessen Vorgehen zuletzt vor allem durch ungeschickte Äußerungen geprägt war. So stellte er, der wie seine Mitstreiter über keinen fußballerischen Hintergrund verfügt, in einem weiteren Interview („Kölnische Rundschau“) zwei Spieltage vor Saisonschluss schon einmal den Wiederaufstieg in die Bundesliga in zwei Jahren in Aussicht. Anstatt der Mannschaft Kraft für den Abstiegskampf zu wünschen und ihr Vertrauen zu übermitteln.

Im kommenden Herbst stehen die Wahlen eines neuen Mitgliederrates beim FC an. Der muss dann ein Team finden, das bei der Präsidiumswahl im Herbst 2025 antreten soll. Zwar wurden bislang keine schlüssigen Konzepte möglicher Kandidaten vorgelegt. Aber in den früheren FC-Profis Lukas Podolski und Matthias Scherz, der 2019 schon einmal Ambitionen kundtat, und seit einigen Wochen vor allem der Double-Gewinner von 1978, Dieter Prestin, gibt es durchaus Kandidaten, die sich längst in Stellung gebracht haben.

Mannschaft/Trainer: Das Zutrauen in Steffen Baumgart schien grenzenlos im Sommer am Geißbockheim, dass der Trainer die natürlichen Grenzen der Spieler und somit der Mannschaft erneut weit nach oben zu schieben und sie über das eigentliche Optimum hinaus zu entwickeln vermag – wie es ihm in den beiden Jahren zuvor gelungen war. Als der sportliche Weg jedoch in eine Sackgasse gelangte, schwand offenbar der Glaube des Trainers in die Mannschaft. Die Trennung von dem Rostocker hatte große Berechtigung. In Timo Schultz präsentierten die Verantwortlichen einen Gegenentwurf zum Polter-Power-Vorgänger. Doch selbst dessen beständig-freundliche Gelassenheit vermochte es nicht, dem FC mehr Punkte als die lächerlichen 27 insgesamt, mehr Torgefahr zu entlocken (28 Saisontreffer). Eine signifikante Verbesserung durch den Trainerwechsel trat jedenfalls nicht ein. Vor allem die beiden leb- und seelenlosen Auftritte seines Teams gegen Darmstadt (0:2) und zuletzt in Heidenheim (1:4) dürften ihm zur Last gelegt werden. Schultz ließ sich ein auf den Kader mit all seinen Mängeln, baute Talente ein, schaffte eine prägende Wende aber nicht. Eine Weiterbeschäftigung des Trainers, dessen Vertrag mit dieser Saison endet, dürfte nicht realistisch sein. Selbst wenn er im Schnitt mehr Punkte holte (0,9) als sein Vorgänger Baumgart (0,6). Als Kandidat für den Posten gilt längst der Karlsruher Coach Christian Eichner, eins selbst FC-Profi.

Die schlimme Spielzeit war geprägt durch nicht entschädigte Verluste der Führungskräfte Jonas Hector und Ellyes Skhiri, wie es selbst Keller reumütig einräumte, durch eine Stagnation der Entwicklung von Spielern wie Dejan Ljubicic, Denis Huseinbasic oder Linton Maina. Zudem wogen tiefe Formkrisen wie jene von Kapitän Florian Kainz schwer. Die Saison erlaubt einen umfassenden Blick auf die Kölner Unzulänglichkeit, der Harmlosigkeit in der Offensive zu begegnen: Zwei Stürmer, ein Stürmer, kein Stürmer – keine Variante Schultz‘ griff. Zumal auch im Winter durch die Transfersperre keine adäquate Hilfe in Form neuen Personals möglich war.

Wirtschaftliche Aussichten: Nicht nur sportlich hat der 1. FC Köln mit dem Abstieg einen harten Aufprall in der Realität erleben müssen. Auch auf wirtschaftlichem Sektor hat der Traditionsclub harte Einschnitte in der Zweiten Liga zu erwarten. Als Keller im April 2022 seinen Dienst als Sportgeschäftsführer in Köln aufnahm, das formulierte er selbst und Geschäftsführerkollege Türoff (Finanzen) unablässig, war der FC ein „Sanierungsfall“. So sollen die beiden Geschäftsführer nach Kellers Auskunft rund 80 Millionen Euro an Verbindlichkeiten bei ihrem Dienstantritt vorgefunden haben. Fest steht: Durch den Weggang einiger Spitzenverdiener, die der FC nicht halten konnte oder wollte, sowie eine rigide Sparpolitik bei Gehaltsverhandlungen wurden die Personalkosten drastisch gesenkt.

Der Lizenzspieleretat schrumpfte von einst 60 Millionen Euro (Saison 2021/22) über 48 Millionen (2022/23) auf in dieser Saison 40 Millionen Euro. So habe man, sagte der 45-jährige Keller, Professor für Sportmanagement, „das wirtschaftliche Überleben gesichert“. Die drohende Insolvenz wurde abgewendet. Die Reduzierung des Etats um rund ein Drittel sei aber schon „eine Hausnummer, zumal das Kaderbudget davor schon im hinteren Mittelfeld angesiedelt war“. Laut der Geschäftsführung gab es dazu keine Alternative, denn die Sanierung des Vereins genoss höchste Priorität – und stand offenbar über dem sportlichen Abschneiden.

Rund drei Millionen Euro standen vor dieser Saison zur Ausbesserung des Kaders bereit. Glaubt man Keller, reichen diese Mittel hinten und vorne nicht, den Kader auf diesem Niveau sinnvoll zu verstärken. Exemplarisch nannte der Kölner Sportchef die Einlassung eines „erfahrenen Fußball-Managers”, der ihm augenzwinkernd bei einer DFL-Tagung gesagt hätte: „Gewöhn’ Dich an Bundesliga-Dimensionen. Für zehn Millionen Euro bekommst du nicht mal mehr einen Fußlahmen.” Allerdings gibt es in der Bundesliga Clubs, die unter ähnlichen finanziellen Voraussetzungen die Klasse gehalten haben. Die entscheidende Frage sei, sagte Keller einsichtig, ob man mit dem „massiv reduzierten Budget bessere Personalentscheidungen hätte treffen können”.

Immerhin verbreitete Keller im Hinblick auf den Aufenthalt in der Zweitklassigkeit sanften Optimismus. „Überlebensfähig“ ist der Club auch eine Etage tiefer, sagt er. Zwar werde der siebte Bundesliga-Abstieg der FC-Historie mit „einem erheblichen Umsatzeinbruch einhergehen”, der nach Aussage des Managers einen Verlust von rund 40 Millionen Euro bedeutet. Tatsächlich dürfte der jedoch weit höher anzusiedeln sein. So wird davon ausgegangen, dass der Club alleine auf 29 Millionen Euro TV-Einnahmen sowie 15 Millionen aus dem Sponsoringbereich verzichten muss. Gleichwohl sei der FC auch in der Zweiten Liga „in der Lage, ein positives Ergebnis zu erwirtschaften und sich selbst zu tragen“, versichert Keller.

Sportliche Aussichten: Vor dem Hintergrund des feststehenden Abstiegs trägt der Blick in die Zukunft bei nicht wenigen Fans beinahe dystopische Züge in sich. Die Situation birgt tatsächlich eine gewisse Dramatik. Die Transfersperre, die sich über den Sommer erstreckt, ist eine hohe Bürde für den Club. Die Verpflichtung neuer Spieler nicht möglich. Und die Gefahr groß, dass die Achse der Führungskräfte wie Torhüter Marvin Schwäbe und das Innenverteidigerduo Jeff Chabot und Timo Hübers, die wie wohl auch Eric Martel über Ausstiegsklauseln verfügen, den Verein verlassen. Zudem hat Routinier Davie Selke keinen gültigen Vertrag für Liga zwei. Wechselten diese leitenden Angestellten, dann, sagte Ex-Nationalspieler und TV-Experte Steffen Freund neulich: „gute Nacht“. Auch ein Kauf der Leihspieler Luca Waldschmidt und Faride Alidou ist unwahrscheinlich.

So ruhen die Hoffnungen allein auf der Rückkehr der weitergebildeten Leihspieler wie Torhüter Jonas Urbig, Tim Lemperle (beide in Fürth), Nikola Soldo (Kaiserslautern), Marvin Obuz (Rot-Weiss Essen) und Mathias Olesen (Yverdon Sport) sowie einer rasanten Entwicklung des eigenen Nachwuchses. Was wiederum für eine Entwicklung des 1. FC Köln spricht, die nicht viel Anlass zur Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr in die Bundesliga zulässt. Zumindest Mark Uth hat seinen Vertrag verlängert, um damit ein Signal auszusenden an die Kollegen zur Nachahmung.

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