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1. FC Köln: Deswegen geht der FC mit Christian Keller einen neuen Weg​

Ein halbes Jahr im Amt : Der FC geht mit Christian Keller einen anderen Weg

Der 1. FC Köln hat sich in den vergangenen 15 Monaten verändert. Das liegt natürlich an Trainer Steffen Baumgart. Wichtig für den Verein ist auch Christian Keller. Der Sportdirektor ist seit einem halben Jahr im Amt.

Der Wind ist ein anderer, der da rund um das Geißbockheim weht. Spürbar anders natürlich. Nicht umsonst wirbt der 1. FC Köln seit einigen Jahren mit diesem Slogan. „Spürbar anders“ wurde gerne mit der optimistischen, fröhlichen Art der Kölner, dem Hätz, dem vermeintlichen Karnevalsclub, der Folklore in Verbindung gebracht. Doch im Kölner Südwesten hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren tatsächlich einiges verändert.

Sportlich durch Steffen Baumgart. Der Trainer hat eine andere Fußball-Idee an den Rhein gebracht, mit diesem attraktiven, offensiven Spiel Fans und Sympathisanten des FC für sich und den Club eingenommen und aus einem Fast-Absteiger einen soliden Erstligisten mit Potenzial nach oben gemacht. Den Lohn ernten die Kölner gerade mit dem Europapokal, wenn auch mit dem kleinsten, wohl sportlich unbedeutendsten internationalen Wettbewerb. Doch Baumgart und die sportliche Entwicklung der Mannschaft sind nur eine Facette des spürbar anderen Weges.

Sachlich, offen und ehrlich

Vielmehr ist es ein Wechselspiel zwischen dem Trainer und den Kölner Verantwortlichen, das in andere Gefilde führt und/oder geführt hat. Es ist ein anderer Weg, den der FC aktuell auch auf weiterer Ebene geht, ein mutiger, vielleicht ein riskanter, auf jeden Fall ein holpriger. Aber einer, hinter dem ein starker Kopf wirkt: Christian Keller: sachlich, offen, ehrlich. Seit April dieses Jahres, also seit genau einem halben Jahr, ist Keller der Geschäftsführer Sport und damit auch für die bislang erfolgreiche Kaderplanung verantwortlich.

Der 43-Jährige scheut die Arbeit beim FC nicht. Eine komplizierte Arbeit, wie er sich selbst sehr schnell eingestehen musste. So sprach der Sportdirektor einige Wochen nach seinem Amtsantritt, nachdem er sich ein sehr gründliches Bild gemacht hatte, vom FC als Sanierungsfall und von „beschämenden Zuständen“. Der Wirtschaftsexperte ist angetreten, diese Zustände zu beheben, zumindest zu verbessern.

1. FC Köln: Christian Keller ist ein Wirtschaftsexperte

Mit Sanierungsfällen kennt sich der 43-Jährige aus. Auch Jahn Regensburg war finanziell massiv angeschlagen. Keller übernahm, verhalf Regensburg zur Schuldenfreiheit und zu sportlichem Erfolg. „Seine herausragenden Verdienste in Regensburg lassen sich nicht nur an den sportlichen Ergebnissen ablesen, sondern auch an den Strukturen, die er dort aufgebaut hat“, sagte FC-Präsident Werner Wolf vor einem halben Jahr.

Keller ist ein Senkrechtstarter. Nach seiner Fachhochschulreife studierte er an der ESB Business School in Reutlingen Außenwirtschaft und anschließend International Business Development. 2008 promovierte Keller an der Uni in Tübingen zu dem Thema „Steuerung von Fußballunternehmen – Finanziellen und sportlichen Erfolg langfristig gestalten“. Ab 2010 lehrte der damals 31-Jährige Sportmanagement als Professor an der SRH Hochschule in Heidelberg. 2013 folgte der Wechsel in den Profifußball.

Und dort widersteht der 43-Jährige gemeinsam mit der Kölner Führungsetage ganz offensichtlich Mechanismen, die sich seit Jahren in der Branche und natürlich auch beim 1. FC Köln etabliert haben. Keller schönt die Themen nicht, spricht ähnlich wie Baumgart Missstände an. Sicherlich deutlich leiser, aber mindestens genauso schmerzhaft. Erst auf der Mitgliederversammlung des FC wurde Keller in der vergangenen Woche in Bezug auf die finanzielle Lage der Geißböcke und die Arbeit seiner Vorgänger deutlich. „80 Millionen Euro Verpflichtungen kann man nicht wegwischen. Der FC ist seit Jahren strukturell defizitär – das war schon vor Corona so. Es war immer so, dass es Transfers brauchte“, sagte Keller. „Transfers sollen aber Wachstum ermöglichen und nicht Lücken schließen“.

Der 1. FC Köln fährt einen anderen Kurs

Genau das ist aber ein nicht unüblicher Handgriff der Branche. Mögliche Abgänge sollen in der Bundesliga mit möglichen Nachfolgern kompensiert werden – auch in Köln lange ein gängiges Mittel. Für Anthony Modeste wurde damals beispielsweise Jhon Cordoba an den Rhein gelotst, für den Kolumbianer dann wiederum Sebastian Andersson und Ondrej Duda. Der FC neigte zudem dazu, gerne mal auf das kölsche Herz, auf Namen, auf die Belange der Fans zu hören. Nur so waren beispielsweise die mitunter sinnfreien Verpflichtungen von Max Meyer und Emmanuel Dennis im Winter 2020/21 zu erklären. 2018 stieg der FC aus der Bundesliga ab, nahm rund 18 Millionen Euro aus Spielerverkäufen ein, gab diese dann als Absteiger auch wieder aus. In den beiden Folgejahren schrieben die Kölner sogar jeweils ein Transferminus.

Schon im Sommer 2021 änderte sich der Kurs – weil Köln wirtschaftlich nicht überlebt hätte. Das Transferplus von Sebastiaan Bornauw und Co., immerhin mehr als 20 Millionen Euro, wurde in den langen Sanierungsprozess des FC gesteckt. Diesen Weg geht Keller nun weiter. Dieses Mal wurden die Abgänge von Modeste und Salih Özcan eben nicht mit großen Namen, noch nicht einmal mit leistungsgleichen Spielern, kompensiert. Der FC setzt unter Keller auf das Potenzial junger Profis. Keller gibt offen zu, dass Spieler wie Florian Dietz und Steffen Tigges noch nicht konstant ihre Leistungen abrufen.

„Bei dem einen geht die Entwicklung etwas schneller, bei manch anderem funktioniert es ein bisschen langsamer. Aber alle entwickeln sich bis dato positiv“, sagte der 43-Jährige erst kürzlich dem „Geissblog“. Daher setzt er auch auf das Potenzial seines Trainers, die Hoffnungsträger weiterzuentwickeln. Bislang gelingt das gut. Zahlreiche Spieler konnten ihren Marktwert steigern. Mit Linton Maina und Eric Martel verfügt der FC über zwei Neuverpflichtungen, die einen enormen Sprung machen, den FC entweder sportlich oder wirtschaftlich weiterbringen werden,

Der Weg ist nun anders. Spürbar anders. Er ist holprig und er ist riskant. Aus wirtschaftlicher Sicht muss Baumgart mit seinem Team Erfolg haben. Der Auftakt in das nächste Mammutprogramm mit zwölf Spielen in sechs Wochen gegen Dortmund am Samstag ist auch deswegen der Beginn der Wochen der Wahrheit.