FC hat Abstieg dicht vor Augen Düstere Aussichten für den 1. FC Köln

Köln · Der 1. FC Köln steht dicht vor dem insgesamt siebten Bundesliga-Abstieg. Der könnte dramatische Folgen mit sich bringen.

 Trauriger Abgang: FC-Sportchef Christian Keller (links) tröstet die Spieler nach der Niederlage gegen Darmstadt.

Trauriger Abgang: FC-Sportchef Christian Keller (links) tröstet die Spieler nach der Niederlage gegen Darmstadt.

Foto: dpa/Marius Becker

Es gab nicht viele Menschen am Samstagabend in Müngersdorf, die gute Laune offenbarten. Wie ein Exot aus dem Taka-Tuka-Land mutete da schon Torsten Lieberknecht an, der sich gar begeistert zeigte von dem Erlebten. Sein Highlight vor dem Spiel sei gewesen, sagte der Trainer des SV Darmstadt 98, „Wolfgang Niedecken die Hand geben zu dürfen“. In diesem Moment, sagte er milde lächelnd und fügte gut gelaunt noch eine Pointe hinzu, habe er direkt daran gedacht, dass „es verdammt lang her war, dass wir zuletzt einen Sieg eingefahren haben“.

Tatsächlich musste seine Mannschaft 22 Spiele lang darauf warten, wieder einen Erfolg in der Bundesliga zu sichern. Das 2:0 beim 1. FC Köln verbessert die eigene Situation als Tabellenletzter zwar nur unwesentlich, er trägt aber gleichzeitig dazu bei, dass sich die Situation der Kölner nun dramatisch verschlechtert hat. Dabei hatten sie auf der Rettungsmission in eigener Sache alles gesetzt auf einen Sieg gegen die Hessen, ihn eingeplant, der jedoch wäre aufgrund eines irritierenden Vortrags nicht gerechtfertigt gewesen. Die Bestürzung war groß im Kölner Lager, ja am späteren Abend auch in der Stadt greifbar. Oder um es mit Niedecken in seinem BAP-Song auszudrücken: „Un dann dä Schock, wie et anders op mich zokohm…“ Tatsächlich breitete sich so etwas wie Schockstarre aus, und Sportgeschäftsführer Christian Keller fasste knapp zusammen: „Das war größtenteils kein Bundesliganiveau.“ In dieser Verfassung, keine Frage, hat der Traditionsclub tatsächlich nichts zu suchen im Konzert der Großen.

Naturgemäß sieht das der betroffene Trainer anders. Und Timo Schultz ist sich nicht zu schade, sich auf dem Weg zum sehr unwahrscheinlichen Klassenerhalt den allseits beliebten Durchhalteparolen zu bedienen. Es seien noch vier Spiele zu spielen und „rein rechnerisch ist noch alles möglich. Wir müssen besser spielen, wir können besser spielen. Dann ist auch in Mainz alles möglich.“ Zutrauen in das Gelingen schöpft er daraus, dass seine Spieler nach dem Spiel zum Rapport bestellt wurden von den Fans der Südtribüne. Zum ersten Mal in dieser Saison waren die auf die Barrikaden gegangen, besser: auf den Zaun geklettert – und darüber hinaus. Nur zögerlich und schuldbewusst hatten die Profis sich ihren Anhängern genähert, denen das Szenario des nahenden Abstiegs schwer zugesetzt hatte. Eine Entfremdung der Fans zu den Spielern war nicht zu übersehen.

Schultz mit Verständnis für Fanproteste

„Totales Verständnis“ hatte Schultz für die Strafmaßnahme der Fans. Und Innenverteidiger Timo Hübers badete im Frust. Einen „Scheißnachmittag“ hatten er und seine Kollegen erlebt, deshalb empfindet er es „als absolut verständlich, dass da auch mal blödere Worte fallen vonseiten der Fans. Das ist legitim.“ Nützliches versuchte Schultz aus der unliebsamen Begegnung der dritten Art abzuleiten. „Vielleicht ist es das, was die Jungs hören mussten. Damit sie sich sagen: Jetzt ist alles scheißegal, wir gehen raus und brettern alles raus.“ Ohnehin hält er den Zeitpunkt für angebracht, dass die Mannschaft „von Natur aus alles von sich werfen kann, eine gewisse Scheiß-Egal-Stimmung initiieren kann, um dann befreiter ins nächste Spiel, zu gehen“. Allein der Glaube daran fehlt nach einer Partie, die getrost mit „Angst essen Seele auf“ überschrieben werden kann.

Vom Start weg habe die Überzeugung gefehlt, ordnete Schultz den Zusammenbruch seiner Elf ein, man habe in „allen Aktionen Angst gesehen“. Das Vermögen „an unsere Leistungsgrenze zu gehen und den Druck beiseitezuschieben“ sprach er ihr ab, ebenso wie die Mittel, die „nicht gut genug waren“. Anders als Hübers aber nicht den Willen, der fehlenden „Mut, Wille und Entschlossenheit“ monierte. „Uns ist ein wenig das Herz in die Hose gerutscht.“ Nur eine Torchance (Faride Alidou) über die komplette Spielzeit gegen einen Gegner mit überschaubarer Qualität, der zuvor sagenhafte 72 Gegentreffer zugelassen hatte, sind ein klares Zeichen der Kölner Unzulänglichkeiten in der Offensive.

„Keller-raus“-Rufe von den Rängen

Insbesondere Keller bekam den Sturm der Fanentrüstung in Müngersdorf ab, er musste sich „Keller-Raus“-Rufe gefallen lassen, nicht wenige Menschen im Stadion forderten die sofortige Abberufung des Geschäftsführers Sport. Der jedoch ordnete die Vorwürfe und Anfeindungen professionell ein. Wehren mochte er sich nicht dagegen, zeigte sogar nach außen hin Verständnis für den Groll. „Wir haben eine sehr, sehr schlechte Leistung abgerufen in einem Spiel, in dem es um sehr viel ging. Ich verstehe den Ärger der Zuschauer“, sagte er. Und: „Ich bin hauptverantwortlich, dann ist das nachvollziehbar.“

Tatsächlich haben die Fans bei einem Abstieg, der sehr wahrscheinlich geworden ist, zu befürchten, dass der freie Fall in der 2. Bundesliga nicht mal eben gestoppt wird. Die Situation birgt schon eine gewisse Dramatik, das Szenario ist düster. Die Transfersperre, die sich über den Sommer erstreckt, ist eine hohe Bürde für den Club. Die Verpflichtung neuer Spieler nicht möglich. Und die Gefahr, dass die Achse der Führungskräfte wie Torhüter Marvin Schwäbe und das Innenverteidigerduo Jeff Chabot und Timo Hübers, die über Ausstiegsklauseln verfügen, den Verein verlassen, groß. Zudem haben die Routiniers Davie Selke und Mark Uth keinen gültigen Vertrag für Liga zwei. So ruhen die Hoffnungen allein auf der Rückkehr der weitergebildeten Leihspieler wie Torhüter Jonas Urbig und Tim Lemperle und einer rasanten Entwicklung des eigenen Nachwuchses. Klingt nicht gerade nach einer verheißungsvollen Aussicht.

Verlust von rund 40 Millionen Euro

Sollte der FC die inzwischen geringe Chance auf den Ligaverbleib tatsächlich nicht nutzen können, wäre er eine Etage tiefer dennoch überlebensfähig, glaubt Keller. Zwar sei ein Abstieg mit „einem erheblichen Umsatzeinbruch einhergehend”, sagte der 47-Jährige und bezifferte den Verlust auf rund 40 Millionen Euro. Jedoch sei der Club dann „in der Lage, ein positives Ergebnis zu erwirtschaften und sich selbst zu tragen“. Das Kaderbudget sei unter seiner Führung bis heute um rund ein Drittel reduziert worden, der Verein gehöre damit inzwischen zu den letzten drei Teams der Liga. Die entscheidende Frage sei, sagte Keller und der will er sich stellen, ob man mit dem „massiv reduzierten Budget bessere Personalentscheidungen hätte treffen können”.

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