Duell mit dem Tabellenletzten Darmstadt Der 1. FC Köln hofft auf die nächste Explosion

Köln · Der 1. FC Köln benötigt gegen Darmstadt einen Sieg, um im Abstiegskampf nicht den Anschluss zu verlieren. Trainer Timo Schultz versucht, den Druck von seiner Mannschaft zu nehmen.

 Jubelnde Kölner Spieler (hier Luca Waldschmidt), ein bebendes Stadion – das wünschen sich alle, die es mit dem FC halten, auch gegen Darmstadt.

Jubelnde Kölner Spieler (hier Luca Waldschmidt), ein bebendes Stadion – das wünschen sich alle, die es mit dem FC halten, auch gegen Darmstadt.

Foto: dpa/Marius Becker

Die Sensationsgierigen unter den Reportern im Kölner Geißbockheim bekamen auf einmal ganz spitze Ohren. Beinahe durften sie sich 20 Jahre zurückversetzt fühlen, als da plötzlich einer die ansonsten recht gleichmäßige Stimme erhob und zu einer Völleresken Ansprache ansetzte. Doch weder hat Timo Schultz eine weiße, mittelgescheitelte Lockenpracht zu bieten noch das früher bisweilen recht impulsive Wesen Rudi Völlers. Niemand musste also Sorge tragen, dass der Trainer des 1. FC Köln diesen „Scheißdreck nicht mehr hören“ könne, wie es einst der anerkannte Wutredner Völler als DFB-Teamchef nach einem Länderspiel gegen Island, na ja, höflich ausdrückte. Dabei hatte Schultz eigentlich ganz verheißungsvoll begonnen wie einst Völler, der monierte, dass TV-Experten seine Mannschaft an einem noch „tieferen Tiefpunkt“ wähnten.

Ein wenig abgeschaut haben dürfte sich Schultz damals, ein Fußballprofi von 26 Jahren, schon von Völlers explosiver Rhetorik, als er zum wiederholten Mal auf den auf seiner Mannschaft deutlich lastenden Druck vor der Partie gegen den Tabellenletzten Darmstadt 98 am Samstag (15.30 Uhr/Sky) angesprochen wurde. Er höre immer nur von „Druck, Druck, Druck“ und einem „noch größeren Druck“ und einem noch „höheren Druck, wegen des Abstiegskampfes, wegen der Favoritenrolle“. Langsam nahm er in seinem Appell für ein weniger belastetes Herangehen im Abstiegskampf Fahrt auf, doch natürlich reichte er nicht an Völler heran. Schultz kann sich da auf sein ausgeglichenes Wesen verlassen, er verlor sein sanftes Lächeln auch nicht, als er betonte: „Ganz ehrlich, wir haben ein Fußballspiel, Samstag, 15.30 Uhr“, und er kenne die Situation. Daher sollte man auch „nicht ständig noch mehr draufladen“, ergänzte er und meinte damit den äußeren Einfluss auf die Mannschaft, der er ein „Stück Lockerheit“ verordnete. „Wir wollen uns die Vorfreude nicht nehmen lassen.“

Schultz: Wir brauchen den Dreier

Um die Bedeutung dieses „eminent wichtigen“ Spiels weiß aber selbstredend auch der Kölner Trainer, und er sagte beinahe flehentlich: „Wir brauchen den Dreier“. Tatsächlich wäre der für den Club von größter Bedeutung, eine Niederlage, sogar nur ein Punkt schon könnte bei vier Zählern Rückstand auf den Relegationsrang (Mainz) und den ersten Nichtabstiegsplatz (fünf Punkte Rückstand auf Bochum) das düstere Szenario vom Abstieg sehr greifbar werden lassen. Mutlosigkeit, das versicherte Schultz, herrsche jedenfalls noch lange nicht aufgrund der bedrückenden Situation. Den Rechenschieber lässt er da lieber in der Schublade. „Auch wenn es auf den ersten Blick rein rechnerisch nicht mehr so ist, bin ich davon überzeugt, dass wir alles in der eigenen Hand haben.“

Der Druck des quasi Gewinnenmüssens, der ja viele Mit-dem-Rücken-zur-Wand-Teams schon befallen hat, bleibt auch den Kölnern trotz allem nicht erspart. Eine Komponente wie Kampf darf gegen die „Lilien“ selbstredend nicht fehlen. „Wir wollen einen Fight liefern“, kündigte Schultz an. „Wir wollen eine bessere Leistung bringen als gegen Bochum. Wenn uns das gelingt, verlassen wir den Platz als Sieger.“

Viel Zuspruch für den FC in der Stadt

So wie eben gegen den VfL – trotz eines wenig erbaulichen Auftritts. Es sind eben auch die weichen Faktoren, die alle Kölner hoffen lassen auf einen glimpflichen Ausgang der Saison. Die Unterstützung der Fans ist da eingespeist und soll der Mannschaft als Anschubhilfe dienen. Die helfe enorm, betonte Schultz, der die Stimmung in der Stadt als sehr positiv empfindet – trotz der schwierigen Lage. „Es gibt viel Zuspruch, und die Stadt, die Mannschaft und die Fans – alle stehen eng zusammen. Ansonsten wäre so ein Finish wie gegen Bochum auch nicht möglich.“

Und genau jene dramatische Zuspitzung des erfolgreichen Bühnenprogramms vor zwei Wochen lässt geradezu Schwärmereien aufkommen. Schultz erkannte einen Moment, „den so mancher FC-Fan nicht so oft erlebt. Mir persönlich wird der immer in Erinnerung bleiben.“ Und für einen Moment schien es auf der Pressekonferenz am Donnerstag, als habe zumindest der Trainer schon die von ihm vielzitierten Fesseln angeworfen, die im Kampf um den Klassenerhalt lähmen können. Noch einmal Rückblende: Bochum. Er empfand den Last-Second-Sieg als „eine Explosion“, als „Vulkanausbruch zur richtigen Zeit. Die Energie aus dem Spiel müssen wir in den Endspurt mit reinnehmen. Das kann sicher ein entscheidender Faktor sein.“

Waldschmidt spielt, Ljubicic fällt aus

Neben einer gewissen Lockerheit, dem erhofften Energieschub und der Unterstützung der Fans (Schultz: „Ich bin mir sicher, dass wir die in allen Spielen brauchen werden“) nehmen Standardsituationen einen hohen Wert ein im Unternehmen Klassenerhalt. Als „Key-Faktor“ im Hochleistungsfußball ordnet sie der Trainer ein, als „legitimes Mittel“, und er habe nichts dagegen, „wenn wir am Wochenende durch einen Standard gewinnen“.

Nicht als Unterstützer auf dieser Mission agieren können dabei die Offensivkräfte Davie Selke und Justin Diehl, auch der erkrankte Dejan Ljubicic hat sich abgemeldet. Als Alternative für die sogenannte Doppelsechs bietet sich der gegen die Bayern bei seinem Startelfdebüt gute Jakob Christensen an. Eric Martel kehrt zudem zurück nach seiner Gelbsperre, auch Denis Huseinbasic wäre einsatzbereit. In der Startformation wird jedenfalls Luca Waldschmidt stehen, da legte sich sein Trainer schon fest. Entscheidend ist aber, um eine alte Weisheit aus der Fußballwelt zu erwähnen, nicht die Aufstellung allein, sondern die Einstellung. Und da erhofft sich Schultz von seinen Spielern diese „enorme Willenskraft, immer wieder anzuschieben“. Denn so gelängen Siege – wie gegen Bochum.

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