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1. FC Köln: Interview mit Geschäftsführer Christian Keller

Interview mit FC-Geschäftsführer : Christian Keller: „Wir haben eine enorme Strahlkraft“

Seit April dieses Jahres ist Christian Keller Geschäftsführer Sport des 1. FC Köln. Im GA-Interview spricht er über finanziellen Druck, neue Spieler und seine Mutter.

Seit April dieses Jahres arbeitet Christian Keller als Geschäftsführer Sport des 1. FC Köln. Eine fordernde Zeit, der Verein steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Mit dem 44-Jährigen unterhielten sich Simon Bartsch und Guido Hain.

Herr Keller, Steffen Baumgart sprach vor einigen Wochen davon, erst einmal drei Kreuze zu machen, wenn die WM-Pause endlich erreicht ist. Sie ist erreicht. Wie viele Kreuze machen Sie jetzt nach dem letzten Pflichtspiel?

Christian Keller: Das hat Steffen Baumgart nach dem Slovacko-Nebel-Spiel gesagt. Bei ihm herrschte eine Mischung aus der Enttäuschung über weitere Ausfälle in Verbindung mit der Erkenntnis, dass noch ein paar wichtige Aufgaben bevorstehen. Das hätte sich am nächsten Tag anders angehört. Ich mache aber ohnehin keine Kreuze. Wir wussten, dass uns die Doppelbelastung aus Bundesliga und Conference League fordern wird. Wenn dann noch viele Verletzte hinzukommen, ist das aber immer die Chance für andere Spieler, die sich dann beweisen können.

Also waren Sie auch mit den vergangenen Wochen grundsätzlich zufrieden?

Keller: Natürlich hätten wir gerne den einen oder anderen Punkt mehr mitgenommen. Das wäre auch möglich gewesen. Gerade nach dem Leverkusen-Spiel hätten wir drei Punkte mehr haben müssen, die auch verdient gewesen wären. Leider haben wir in mehreren Spielen zum Teil sehr naiv agiert. Das ist natürlich auch der Gesamtsituation geschuldet, in der Spieler sich in einer Situation beweisen, in der sie sich permanent strecken müssen, dabei aber vielleicht noch nicht so weit sind. Dann schleicht sich auch eher mal ein individueller Fehler ein und das wird auf diesem Niveau bestraft.

Wie fällt denn Ihre Gesamtbilanz der Hinrunde aus?

Keller: Da kommen einige Faktoren zusammen: Die ungewohnte Doppelbelastung, die Kaderzusammensetzung, mit Neuzugängen, die bis auf Sargis Adamyan und Steffen Tigges die Bundesliga nur aus dem Fernsehen kannten, und die vielen Verletzungsausfälle, die nicht der Trainingssteuerung geschuldet waren, sondern meist durch Fremdeinwirkung entstanden sind. Wenn man diese Faktoren zusammennimmt, dann bin ich der Meinung, dass es für uns insgesamt okay gelaufen ist. Wir haben grundsätzlich besser geliefert als wir gepunktet haben. Das hat dann auch wieder etwas mit Naivität respektive noch nicht vorhandener Reife zu tun. Wir sind noch nicht so weit, Torchancen konsequent zu nutzen und in der Defensive über 90 Minuten ohne schwere Aussetzer konsequent zu verteidigen. Das können wir aber auch noch gar nicht sein. Wir haben im Sommer davon gesprochen, dass wir Spieler mit Potenzial verpflichtet haben, die wir dazu entwickeln wollen, konstant gutes Bundesliganiveau abzurufen. Und das braucht eben Zeit. Dazu reichen ein paar Monate nicht aus.

Sie stammen aus einem kleinen Ort, nahe des Bodensees, ihre Station Jahn Regensburg war schon eine Nummer größer, jetzt sind Sie in Köln. Hatten sie anfangs Manschetten?

Keller (lacht): Nein, Manschetten hatte ich nicht. Fußballmanagement unterscheidet sich nicht groß in Abhängigkeit der Liga. Es sind rein inhaltlich die gleichen Aufgaben, die man angehen muss. Man muss sich natürlich auf den Club, den Standort und die Kultur jeweils einlassen. Man kann nicht das Konzept aus Regensburg über den 1. FC Köln stülpen. Ich bin niemand, der sich in ein gemachtes Netz setzt, in dem schon alles da ist und man nur verwaltet. Für mich war die inhaltliche Herausforderung entscheidend. Ich habe gesehen, dass beim FC gewisse Entwicklungsfelder bestehen, bei denen ich einen Beitrag leisten kann, dass damit der FC mittel- bis langfristig wieder besser dasteht.

Und die wären?

Keller: Der FC ist ein großer Club mit einer großen Strahlkraft. Wir werden dieser Größe aber auf vielen Ebenen nicht mehr gerecht. Wir sind hier rund um das Geißbockheim schön gelegen, aber die Infrastruktur ist bei weitem nicht mehr erstklassig. Es gibt aber auch organisatorische Lücken, die wir angehen müssen. Hinzu kommt, dass wir bekanntermaßen finanzwirtschaftlich in starker Schieflage sind.

Ist es richtig, dass Ihre Mutter Sie im Grunde zu dem Schritt nach Köln tragen musste?

Keller (lacht): Nein, tragen musste sie mich nicht. Aber ich war in meiner Entscheidung nicht auf eine Option begrenzt. Diese Optionen musste ich für mich nebeneinanderlegen und habe dann auch in der Familie gefragt. Letztlich ist es egal, wie alt man ist, man bleibt ja immer ein Kind und dann fragt man auch schon mal die Mama nach der Meinung. Wenn man sie nicht fragt, bekommt man nachher etwas zu hören (lacht). Sie hat dann gesagt: „Sohn, das ist jetzt ganz klar: Wenn sich der FC so um dich bemüht, dann kannst du ihm nicht absagen. Das macht man nicht.“ Die Kölner Gremien haben sich in der Tat sehr bemüht, mich zu überzeugen, dass es die richtige Option ist. Es war am Ende auch eine emotionale Entscheidung.

Jetzt geht es für die Spieler in den Urlaub. Für Sie geht die Arbeit aber weiter. Einige Spieler-Verträge laufen aus. Wie ist der Stand der Dinge?

Keller: Jeder Akteur wird unsere Position kennen und wir wollen die Positionen der Spieler kennen. Die Pause ein ist guter Anlass, ins Gespräch zu kommen. Mit dem ein oder anderen Spieler hat es auch schon die ersten Gespräche gegeben.

Wie rechnen Sie die Chancen aus, dass Jonas Hector in der kommenden Saison das FC-Trikot auf dem Platz und nicht auf der Couch trägt?

Keller: Wir wünschen uns alle, dass Jonas noch weiterspielt, weil er nach wie vor einer der besten Linksverteidiger Deutschlands ist. Dass er als Typ über all die Jahre ebenfalls Spuren hinterlassen hat, ist auch klar. Es spricht also alles dafür, dass wir ihn halten wollen. Ob es am Ende so kommt, wird alleine Jonas entscheiden.

Würden Sie sich für einen Verbleib der Leistungsträger auch finanziell strecken?

Keller: Wir strecken uns bis an jene Grenze, die für uns finanzwirtschaftlich möglich ist. Aber nicht darüber hinaus. Sonst werden wir den Teufelskreis nie durchbrechen. Und so sehr ich wichtige Akteure auch halten möchte, keiner ist unersetzlich. Das beginnt bei mir.

Im Sommer hatten Sie viel Spaß an den ganzen Namen, die mit dem FC in Verbindung gebracht worden sind. Gerade beginnt die Gerüchteküche wieder zu brodeln. Selke, Niederlechner, selbst Cordoba wurde wieder ausgegraben. Lösen die Namen wieder Schmunzeln aus?

Keller: Es sind alles Spieler, die längst bewiesen haben, dass sie auf höchstem Niveau spielen können. Trotzdem kommentiere ich weiterhin keine Namen. Was ich sagen kann: Aktuell haben wir uns noch auf keine Personalie festgelegt. Weder auf einer im Sommer vakant werdenden Position, noch falls wir uns dazu entscheiden, im Winter in der Offensive nachzubessern.

Wie weit ist die Entscheidungsfindung für einen Wintertransfer? Werden Sie denn nochmal aktiv werden? Immerhin wird Dietz lange nicht zur Verfügung stehen und dem Kölner Sturm fehlt ein wenig die Durchschlagskraft.

Keller: Wir machen uns sicher Gedanken. Unabhängig des Ausfalls von Florian Dietz würde uns ein Stürmer, der eine gewisse Präsenz in der Spitze hat, guttun. An so einem Stürmer könnten sich auch unsere jungen Stoßstürmer aufrichten. Wenn sich solch eine Chance bieten sollte, werden wir diese genau prüfen – mit Blick auf dem Sommer sogar mit großer Sicherheit. Nichtsdestotrotz bin ich sehr zuversichtlich, dass sich allen voran Steffen Tigges zu einem sehr guten Bundesligastürmer entwickeln kann.

Der Markt ist aber überschaubar…

Keller: Klar, einen solchen Stürmer wollen ja alle haben. Die Stürmer, bei denen wir wissen, dass sie zehn bis 15 Tore schießen, die liegen weit außerhalb unseres Einkaufspreises.

Wie haben wir uns Transfer-Diskussionen bei Ihnen und Herrn Baumgart vorzustellen. Kommt er zu Ihnen und sagt, „Nein, keinen weiteren Stürmer, ich mache aus dem Tigges den Tigginator?“

Keller: Wir haben regelmäßige Kaderplanungssitzungen, in denen wir den bestehenden Kader besprechen. Zum Beispiel, wie sich ein Spieler entwickelt, wo wir Maßnahmen im Tagesgeschäft ergreifen müssen, um einen Entwicklungsschub zu erreichen. Und es gibt den Schattenkader. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle Spieler bei uns bleiben. Wir schauen, welche Positionen vielleicht frei werden. Über die Spiele bekommen wir eine sehr direkte Rückkopplung über die Entwicklung unserer Profis und es ist meistens relativ klar, in welche Richtung es geht. Es ist selten so, dass ich der Meinung bin, wir brauchen einen dritten Stürmer und Steffen fordert einen dritten Greenkeeper (lacht).

Hier Baumgart, der Vulkan, dort Sie, der eher sachliche Typ. Ziehen sich Gegensätze an oder fliegen da auch mal die Fetzen?

Keller: Nein, es fliegen keine Fetzen. Steffen ist ein sehr ehrgeiziger Trainer. Er will mit dem FC am liebsten deutscher Meister werden, beim FC würden alle am liebsten deutscher Meister werden. Nichtsdestotrotz weiß er, was möglich ist und was nicht. Steffen ist ein reflektierter Trainer, auch wenn man ihm das aufgrund seiner impulsiven Art manchmal nicht direkt zuschreibt. Da wird also schon mal kontrovers, aber vor allem immer sachlich diskutiert. Steffen sieht immer den Gesamtkontext. Wir haben vor der Vertragsverlängerung sehr explizit gesprochen, auf was er sich hier in den nächsten Jahren einstellen muss. Wir werden eben nicht im obersten und auch nicht im zweitobersten Regal einkaufen. Seine Aufgabe hier ist die ureigenste eines Trainers. Und das ist nicht in erster Linie Titel zu gewinnen. Seine Aufgabe ist es, Spieler zu entwickeln. Wir bewerten deshalb auch primär die Leistung, nicht das Ergebnis.

Aber nicht jeder Hoffnungsträger wird die Erwartungen erfüllen…

Keller: Nein, denn diese Spieler haben ihr Niveau in dieser Liga ja auch noch nicht gezeigt. Wir haben auch keine Glaskugel, wie sie sich entwickeln werden. Wir wissen aber sehr genau, was sie können und was nicht. Überspitzt gesagt: Wenn wir einen Spieler verpflichten, der den Ball nicht stoppen kann und alle fragen sich, warum holen die einen Spieler, der den Ball nicht stoppen kann, dann wissen wir schon, dass er es noch nicht kann. Wir scouten jeden Spieler umfänglich und bewerten ihn. Daraus ergibt sich eine Entwicklungsperspektive. Aber keiner von uns kann die Entwicklung letztlich exakt voraussagen. Aber wenn wir alle gemeinsam die gleiche Idee von einem Spieler haben, dann steigert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir recht haben.

Als Landesliga-Trainer beim SC 04 Tuttlingen haben sie ein Sportkonzept für die Nachwuchsausbildung entwickelt. Ist diese Sichtweise auf den Nachwuchs beim 1. FC Köln besonders wichtig?

Keller: Ja. Ich bemühe mich natürlich, einen ganzheitlichen Blick auf den Club zu haben, weil am Schluss alles miteinander zusammenhängt.

Können Sie denn überhaupt laut werden?

Keller (lacht): Ich kann auch laut werden, bin aber eher ein Freund der sachlichen Töne. Aber selbst der cleverste Profi braucht auch mal einen Tritt in den Hintern. Eine rein sachliche Führung geht im Fußball nicht. Emotionen, Mimik und Gestik sind da schon wichtig.

Wenn Sie schon Mimik und Gestik ansprechen, haben Sie schon den „Pfeif-Code“ vom Trainer entschlüsselt? Zweimal Pfeifen, dreimal Pfeifen?

Keller (lacht): Also ich bin zumindest sehr begeistert, wie man es schafft, in einem 50.000 Mann Stadion so zu pfeifen, dass es jeder hört. Das ist überragend.

Das NLZ gilt als marode, nicht erstklassig. Auf der anderen Seite haben Sie ja durchaus Talente, auf die man in Zukunft setzen will. Wie meistert man einen solchen Spagat?

Keller: Wenn ich sage, die Infrastruktur ist eher auf unterklassigem Niveau, dann heißt das ja nicht, dass wir inhaltlich keine gute Arbeit machen. Was mir im Bezug auf das NLZ, aber auch die Frauen- und Mädchenabteilung sehr gut gefällt ist, dass keiner über die Gegebenheiten jammert. Vielleicht, wenn ich nicht dabei bin (lacht), aber in meiner Anwesenheit sagen alle, sie müssten das Beste draus machen, da keine kurzfristige Besserung in Sicht ist. Wir haben zu wenig Plätze und die Plätze, die wir haben, sind teilweise zu schlecht, da es sich nicht um angelegte Fußballplätze handelt. Ein eigener, dem Bedarf gerecht werdender Kraftraum ist nicht vorhanden. Es gibt auch keinen geeigneten Besprechungsraum. Es existieren also viele eklatante infrastrukturelle Mängel, aber das können die Nachwuchstrainer nicht verändern. Hier Verbesserung herbeizuführen ist die Aufgabe in meiner Funktion. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Die Haltung, nicht zu Jammern darüber, was wir nicht beeinflussen können und den Fokus auf das zu legen, was wir beeinflussen können, ist eine ganz wichtige Tugend im Sport.

Wie stellt man eine Mannschaft zusammen, ohne sich sogenannte „fertige“ Spieler zu holen?

Keller: Selbst wenn wir einen Topspieler verpflichten könnten, ist die Persönlichkeit das wichtigste Kriterium für uns. Wir wollen wissen, ob der Spieler mit seinen Normen und Werten zu unserem Club, zu unserer Identität, zu unseren Gegebenheiten und zu unserer Mannschaft passt? Es bringt nichts, lediglich 25 gute Einzelspieler zusammenzustellen. Sie müssen als Gruppe funktionieren. Fußball ist ein Mannschaftssport. Das gilt für einen A-Nationalspieler genauso wie für einen Regionalligaspieler. Nur das Gespräch würde im jeweiligen Fall anders verlaufen. Unsere Aufgabe ist es, Spieler zu entwickeln. Das macht auch Freude. Wenn ich zum Beispiel Denis Huseinbasic sehe, den kein Mensch auf dem Schirm hatte, und der nun sehr ordentlich auf höchstem Niveau mithält, dann ist das einfach toll.

Ist das ein besonderes Lob auch für Sie? Immerhin ist er für 50.000 Euro nach Köln gekommen und jetzt laut Schätzungen rund zwei Millionen wert.

Keller: Mit einem vorschnellen Fazit bin ich immer vorsichtig. Denis muss regelmäßig bestätigen, was er angedeutet hat. Wenn er nächstes Jahr im Sommer auf einem ähnlichen Niveau konstant gespielt hat, dann ist ein Lob gerechtfertigt. Aber das Lob geht dann an alle, die ihn mitentwickelt haben.

Und seinen Entdecker?

Keller: Es ist nicht so, dass ich selbst über alle Regionalliga-Plätze fahren kann, um dort Spieler zu entdecken. So ein Spieler wird erst einmal von unseren Scouts entdeckt und mehrfach beobachtet. Dann machen wir uns via Video-Scouting einen weiteren Eindruck. Wenn ich dann der Meinung bin, ein Spieler hat Potenzial, dann schaue ich ihn mir auch selbst umfassend an. Wir holen keinen Spieler, den ich nicht gesehen habe.

Sie haben mit Modeste und Özcan zwei absolute Leistungsträger im Sommer ziehen lassen. Wie reift der Entschluss zwischen wirtschaftlich gerade das Beste und sportlich eigentlich unersetzlich?

Keller: Bei Salih Özcan hatten wir auf den Transfer im Endeffekt gar keine Einflussmöglichkeit mehr. Er hatte eine Ausstiegsklausel im Vertrag. Natürlich habe ich ihm gesagt, er soll bleiben – auch ein wenig umfänglicher und länger. Es war aber relativ schnell klar, dass er sich eine so große Chance nicht entgehen lassen kann.

Und bei Modeste?

Keller: Wir haben Anthony Modeste unsere Position ganz transparent verdeutlicht. Wir haben ihm gesagt, dass wir seinen Vertrag nicht frühzeitig verlängern können. Das lag zum einen an den Vertragskonditionen, die für uns aktuell nicht mehr stemmbar sind, zum anderen wollten wir aber auch die Entwicklung von Tony abwarten. Egal, wie gut ein Spieler auch ist, wenn er als Offensivspieler ein gewisses Alter erreicht hat, würde ich die Verträge nur noch von Jahr zu Jahr verlängern. Wir haben Tony ganz offen gesagt, dass wir gerne im Spätherbst oder Winter reden können, aber nicht davor. Er hat uns genauso offen und wertschätzend kommuniziert, dass er sich gerne verändern würde, wenn er sich noch einmal sportlich in Szene setzen könnte oder sich ihm eine langfristige Perspektive bieten würde. Als dann das Angebot von Borussia Dortmund kam, haben wir gesprochen und es war relativ schnell klar, dass Tony dieses Angebot sehr gerne annehmen möchte. Wir haben dann gemeinsam entschieden, Tony zu einem entsprechenden Preis gehen zu lassen.

Modeste zündet beim BVB nicht so recht. Alles richtig gemacht?

Keller: Das ist hypothetisch. Vielleicht hätten wir auch das ein oder andere Tor mehr, wenn Tony geblieben wäre, vielleicht aber auch nicht. Ich denke, man muss jede Entscheidung situativ beurteilen. Deswegen bin ich auch absolut dagegen eine Entscheidung, bei der man vor Jahren nicht dabei war, zu kritisieren. In dem Fall haben einfach alle Faktoren gesagt, wir müssen dem Transfer zustimmen. Ich würde es heute wieder so machen.

Sie haben für eine Beratungsfirma gearbeitet, die Fußball-Vereine saniert hat. Sind das die besten Voraussetzungen dafür, beim „Sanierungsfall“ 1. FC Köln angeheuert zu haben?

Keller: Mir hilft die Mischung meiner Ausbildung. Da ist natürlich die betriebswirtschaftliche Ausbildung, dann die sportwissenschaftliche Promotion und meine Trainerscheine. Dazu kommt die Arbeit für die erwähnte Beratungsfirma, bei der ich Erfahrungen in der Sanierung von Proficlubs und anderen Organisationen sammeln durfte. Ich stand auch schon am Reißbrett und musste über Entlassungen von Menschen mitentscheiden, die ich gar nicht gekannt habe. Dabei kommt man sich nicht nur schlecht vor, es fühlt sich auch richtig schlimm an. Trotzdem habe ich gelernt, dass Sanierung nicht in erster Linie bedeutet, dass man Leute rausschmeißen muss, sondern, dass man Prozesse und Handlungen neu denkt. Man muss sich fragen, ob man Dinge anders machen kann, zu weniger Kosten und am besten noch mit einem höheren Ertrag. Ich hasse die Worte „immer“ und „nie“. Mit Sätzen wie „Das haben wir noch nie oder schon immer so gemacht“ kommst du nicht weiter. Da kann ich dann tatsächlich mal lauter werden (lacht). Die Kultur muss offen für Neues sein.

Jetzt sind einige Monate vergangen. Der FC fährt einen Sparkurs, hat Leistungsträger für gutes Geld verkauft, im Europapokal Geld eingenommen. Wie steht es finanziell um den FC?

Keller: Unser Sanierungskurs lässt sich mit Zahlen hinterlegen. Wir haben im Profibereich Gehaltaufwand im achtstelligen Millionenbereich eingespart, um die elf Millionen Euro, wir haben im achtstelligen Bereich Transfererlöse erzielt und wir haben zudem in der Conference League einen Zusatzerlös erwirtschaftet, der für uns sehr wichtig war. So werden wir, wenn die Pandemie nicht noch einmal gravierend zuschlägt, in dieser Saison erstmals nach längerer Zeit wieder ein positives Jahresergebnis erwirtschaften. Das ist schön, gleichzeitig haben wir aber einen Verpflichtungsberg von über 80 Millionen Euro, den wir sukzessive abbauen müssen. Darunter fallen die Landesbürgschaft in Höhe von 20 Millionen Euro, die FC-Anleihe im achtstelligen Millionenbereich und andere Verbindlichkeiten mehr. Irgendwoher muss das Geld ja kommen. Wir müssen also Überschüsse erwirtschaften, um die Verbindlichkeiten zurückzahlen zu können. Zudem waren wir in der Vergangenheit strukturell defizitär. Unser Ziel muss es sein, ohne Sondereffekte auf ein mindestens ausgeglichenes Ergebnis zu kommen. Sondereffekte heißt in dem Fall Transfererlöse und ungeplante Einnahmen, wie der internationale Wettbewerb, den wir natürlich nicht mit einkalkulieren können. Wir können nicht damit rechnen, regelmäßig international zu spielen.

Wie kann sich der Zustand ändern?

Keller: Wir haben über die vorab genannten Maßnahmen hinaus diverse weitere Stellhebel neu justiert, um perspektivisch rentabel agieren zu können. Dazu gehört unter anderem auch ein höheres Kostenbewusstsein in unserer Organisation zu etablieren.

Das Thema Abstieg ist sehr weit weg. Dennoch: Könnte der FC aktuell den Gang in die zweite Liga überleben?

Keller: Niemand steigt gerne ab und jeder Abstieg hat auch erhebliche wirtschaftliche Effekte. Unsere Aufgabe ist es aber auch, planerisch jegliches Szenario abzubilden. Dazu gehört auch ein Szenario, in dem der FC in der zweiten Liga wirtschaftlich überlebensfähig bist. Ein Club auf unserem aktuellen Entwicklungsstand, muss so planen, unabhängig davon, ob er 17, 5 oder 30 Punkte nach 15 Saisonspielen hat.

Der eingeschlagene Weg des Entwicklungsclubs wird ohnehin unumgänglich sein…

Keller: Der Weg ist auf die nächsten Jahre hinweg alternativlos. Das wird natürlich den ein oder anderen im Umfeld nerven, weil immer wieder die gleiche Leier natürlich irgendwann langweilig wird. Wir sind der viertgrößte Standort in Deutschland. Wir haben eine enorme Strahlkraft, wenn ich sehe, was in dem Stadion los ist, Gänsehautstimmung zur Hymne, was in der ganzen Stadt abgeht. Es muss daher einfach im Interesse aller sein, aus diesem Potenzial etwas Nachhaltiges zu machen. Ob das gelingt, können wir nicht versprechen, aber wir werden hart dafür arbeiten. Wir haben eine Idee, wie das gelingen kann und müssen möglichst viele für diese Idee gewinnen. Dabei habe ich schon den Eindruck, dass die Menschen in Köln dafür sehr offen und realistisch sind.

Zuletzt waren die Menschen in Köln geradezu euphorisch in Bezug auf die Reise durch Europa. Doch gerade die Auswärtsspiele standen unter keinem guten Stern. Schwingt da Wehmut mit?

Keller: Da schwingt in erster Linie Freude mit, das überhaupt miterlebt haben zu dürfen. Dieses Gefühl kannte ja von uns vorher fast keiner. Insofern war es cool, das erlebt haben zu dürfen. Ich finde auch, dass wir uns achtbar verkauft haben. Auch dort sind wir letztlich an unserer Naivität gescheitert. Ich glaube, es hat uns alle angefixt, das in absehbarer Zeit wieder zu schaffen und nicht wieder viele Jahre zu warten. Wir wollen uns so aufstellen, dass wir es in den nächsten Jahren schaffen, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, vielleicht wieder international mitspielen zu dürfen.

Nizza war der absolute Tiefpunkt. Für Sie war es sicherlich auch ein ungewohnter Härtetest. Sie standen umgehend für Interviews bereit. Funktioniert man in einer solchen Situation nur noch? Oder würde man lieber reflektierter an die Sache herangehen?

Keller: In dieser Situation weiß man, dass man aufgrund seiner Funktion etwas sagen muss, das wird erwartet. Und gleichzeitig ist einem in diesem Moment bewusst, dass man die Situation nicht abschließend einordnen kann. Kurz bevor ich vor die Kameras musste, habe ich natürlich noch einmal die Fanbeauftragten, unseren UEFA-Delegierten und den Sicherheitsbeauftragten zusammengerufen und habe sie gebeten, mir alle Informationen zu geben, die sie hatten. Es war mit Sicherheit kein komplettes Bild. Aber alles, was wir hatten, das haben wir sortiert, damit ich keinen Mist erzähle und nach bestem Wissen und Gewissen antworten kann. Das war im Großen und Ganzen dann auch in Ordnung. Heute würde ich aber beispielsweise bestimmt nicht mehr sagen, dass sich Pariser als Kölner verkleidet hätten. Jetzt sind mir die Zusammenhänge klarer.

Es gab aus dem eigenen Fanlager auch Fans, die sich einen härteren Umgang auch mit den Ultras gewünscht hätten. Es wird da vom Samthandschuhen und einer gewissen Nähe gesprochen. Wie ist das Verhältnis zu den Ultras?

Keller: Ich bin der Meinung, dass die aktive Fanszene eine sehr große Bedeutung für die Fußball-Kultur in Deutschland hat. Das heißt aber nicht, dass ich alle Elemente der Ultra-Kultur gutheiße. An der Ultra-Bewegung sehe ich extrem viel Gutes, habe aber auch einige rote Linien. Das sind potenzielle Eingriffe in den aktiven Sport, jegliche Form der Diskriminierung und aktive Gewalt. Bei diesen Aspekten darf es keine Toleranz geben. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Probleme nicht mit der Keule löst. Kollektivverurteilungen und -strafen ergeben keinen Sinn. Kommunikation löst Konflikte.

Hatten Sie vor dem Rückspiel Bauchschmerzen?

Keller: Nein, gar nicht. Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren gut und massiv. Deshalb waren wir überzeugt davon, dass nichts passieren würde. Zudem war uns klar, dass die gemäßigten Kräfte der Szene ihren Einfluss deutlich zur Geltung bringen werden.

Es gibt sogenannte Experten, die glauben, das Aus in der Conference League sei besser für den FC. Was entgegnen Sie denen?

Keller: Wir sind Sportler, wir wollen immer weiterkommen. Und die Chance hatten wir im Rückspiel gegen Nizza. Natürlich ging es darum, so weit zu kommen wie möglich. Wenn du das nicht willst, bist du im Sport nicht richtig.

In Ihrem Büro mit Blick auf den Trainingsplatz soll oft noch lange das Licht gebrannt haben. Sind Sie nun mit allen Vorgängen beim FC vertraut? Oder gibt es immer noch Dinge, die Sie in Köln oder im Verein überraschen?

Keller: Ja, das Licht ist immer noch länger an. Ich habe mittlerweile einen soliden Gesamtüberblick und kenne auch viele Details. Nach wie vor kommen aber auch noch neue Dinge zum Vorschein, bei denen man ansetzen kann.