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1. FC Köln: Steffen Baumgart über Köln, Whiskey und Erfolg

Interview mit FC-Coach Steffen Baumgart - Teil II : „Ich will gar nicht anders sein“

Mit Steffen Baumgart ist ein attraktiver, vor allem aber erfolgreicher Fußball nach Köln zurückgekehrt. In Teil II unseres Exklusiv-Interviews äußert sich Steffen Baumgart zu seinem Verhältnis zu Köln, seinem Faible für einen guten Whiskey, warum er sauer auf Anthony Modeste war und wieso die Ibiza-Reise der Bayern vollkommen okay war.

Selten war die Euphorie in Köln größer um einen Trainer als aktuell um Steffen Baumgart. Kein Wunder, Baumgart hat durch den Erfolg, aber auch durch seine Art die Herzen der Fans erbobert. Der 50-Jährige scheint perfekt in die Domstadt, aber auch zum 1. FC Köln zu passen. Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews äußert sich der Erfolgstrainer gegenüber Guido Hain und Simon Bartsch über seine Heimat, zum Kaffee-Jubel von Anthony Modeste, die Zukunft des Clubs und warum er seinen Spielern eine Ibiza-Reise auch während der Saison erlaubt hätte.

Herr Baumgart, in Köln legt man viel Wert auf die Heimat, dat Jeföhl, Folklore. Sie nennen Köpenick Ihre Heimat. Haben Sie Köln auch schon ein wenig ins Herz geschlossen?

Steffen Baumgart: Köpenick ist meine Heimat, in Rostock bin ich geboren. Und Köln hat auch seine schönen Ecken. Das hängt immer mit einem selbst zusammen. Ich habe mich in Paderborn wohl gefühlt, ich habe mich in Cottbus wohl gefühlt. Das Gleiche gilt für Aurich, eine ganz andere Ecke als Köln. Man kommt mit allen Menschen klar, wenn man es will.

Haben Sie denn auch inzwischen ein Faible für Kölsch entwickelt?

Baumgart: Am Ende des Tages findet man auch einen Zugang zum Kölsch (lacht). Ich trinke zwar noch lieber Pils und dann gerne das herbe. Aber es kann auch schon mal ein Kölsch sein.

Sie favorisieren aber einen Whiskey, haben eine große Sammlung…

Baumgart: Ich trinke gerne Whiskey, wenn ich in der richtigen Umgebung bin – mit Freunden oder wenn jemand zu Besuch ist. Alleine trinke ich nicht.

Die Euphorie um die Mannschaft, aber gerade auch um Sie ist in Köln enorm. Selbst junge Augsburg-Anhänger haben sich am Wochenende im TV als Baumgart-Fans geoutet. Wie gehen Sie mit der Euphorie um? Kann die nicht auch nerven?

Baumgart: Nein, es kommt ja nicht immer vor, dass einem die Menschen im Fußball positiv gegenüberstehen. Wenn mich das schon nerven würde, wie sollte erst ich reagieren, wenn man mir negativ gegenübersteht. In diesem Geschäft wird man meist nach Ergebnissen bewertet. Sollten diese irgendwann nicht mehr da sein, bin ich aber immer noch der gleiche Mensch. Der Typ wird sich nicht verändern. Genauso wenig, wie ich mich jetzt durch den Erfolg verändert habe. Es nervt mich nicht. Und in einer Stadt wie Köln wäre es auch schwer, genervt zu sein.

Stört es Sie denn, dass der Erfolg des FC oft an Ihrer Person festgemacht wird?

Baumgart: Das sehe ich gar nicht so. Natürlich gibt es einen, der gewisse Dinge anstößt. Aber diese Idee wird doch nie ohne die anderen funktionieren. Es geht nicht um den Trainer. Wir haben einfach ein sehr gutes Trainerteam, das eine sehr gute Arbeit leistet. Genauso wie die Mannschaft hart arbeitet. Und mittlerweile glaubt man mir, dass es so funktioniert. Es ist doch schön, dass man auch als Kölner Fan stolz auf den Fußball sein kann. Das hat nichts mit meiner Person zu tun, eher mit der Mannschaft, mit dem Glauben. Wir haben nicht umsonst gesagt, dass wir einen gemeinsamen Weg gehen.

Wie ist denn Ihr Umgang mit den Spielern? Von außen wirkt es ein wenig wie das Zuckerbrot-und-Peitschen-Prinzip.

Baumgart: Ich bin da relativ klar, was ich von den Spielern sehen will – und was nicht. Ich bin jemand, der Dinge anspricht, wenn sie ihn stören.

Ihnen hat zuletzt Modestes sogenannter Kaffee-Jubel nicht gefallen. Haben sie das ernste Gespräch mit ihm gesucht?

Baumgart: Tony kam von sich aus auf mich zu, und wir haben darüber gesprochen. Aber da wird dann auch gleich wieder eine Geschichte daraus gemacht, nach dem Motto: Der Trainer sei total sauer. Der Trainer war in dem Moment auch sauer, aber er hat ja sein Tor gemacht. Das ist längst erledigt.

Was hat Ihnen denn an der Aktion nicht gefallen?

Baumgart: Es ging nicht allein darum, dass er den Kaffee-Jubel gemacht hat, sondern dass er sich damit beschäftigt hat. Da stellt sich die Frage, ob er komplett fokussiert ist. Tony kann das, er kann auch eine Minute vor dem Anpfiff noch eine SMS verschicken und ist trotzdem konzentriert. Bei dem einen oder anderen Spieler würde ich aber unruhig werden, wenn er sich mit solchen Dingen beschäftigt und nicht konzentriert ist. Unabhängig davon war es nicht in Ordnung, weil es den Verein und seine Außenwirkung betrifft.

Köln ist eine Millionenstadt, verfügt über eine starke Infrastruktur, auch sportlich mit der SpoHo, den ganzen Stützpunkten. Der FC hat eine beeindruckende Tradition, die verrückten Fans. Warum ist es für den FC so schwer, sich langfristig in der Liga im oberen Tabellendrittel festzusetzen? Was hat zum Beispiel Freiburg dem FC voraus?

Baumgart: Man muss das schon richtig einordnen. Freiburg ist ein etablierter, sehr ruhig und gut geführter Bundesligaverein. Aber auch Freiburg spielt gerade eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte. In den vergangenen Jahren hat der SC die Saison meist zwischen den Plätzen acht und 14 abgeschlossen. Die meisten Mannschaften liegen ja in diesem Bereich. Und wenn man wirklich nach der Definition von erfolgreich geht, dann ist das in Deutschland nur der FC Bayern. Alle anderen, der eine mit ein bisschen mehr, der andere mit ein bisschen weniger Geld, schwimmen im gleichen Fahrwasser. Für alle Mannschaften ist es doch schwer, sich zu etablieren. Wenn wir uns die vergangenen zehn Jahre bei Gladbach anschauen, dann hat man das Gefühl, es hat eine gute Entwicklung gegeben. Hat es auch und trotzdem hat die Borussia „nur“ zwei Mal international gespielt. Mainz hat noch nicht international gespielt und ist trotzdem ein erfolgreicher Bundesligist. Unser Ziel muss es sein, in der Liga eine solide, aber gute Rolle zu spielen.

Sie haben in der Vergangenheit gesagt, dass Sie gerne ähnlich erfolgreich spielen würden, was aber nicht heißt, dass Sie europäisch spielen würden.

Baumgart: Wenn wir in der kommenden Saison Zwölfter werden, wären bestimmt viele enttäuscht. Für mich wäre das aber normal. Wir sind nicht erfolgreich, wenn wir Platz sechs erreichen. Man muss sich ja nur anschauen, wer hinter uns steht. Da sind Teams wie Wolfsburg oder Hoffenheim, die in der kommenden Saison bestimmt investieren werden. Die Frage ist, wer bewertet am Ende Erfolg. Für uns ist es ein Erfolg, wenn wir uns weiter stabilisieren – gerade in der finanziellen Situation.

Sie sagen das so sachlich. Im Spiel ist Ihnen eine gewisse Impulsivität nicht abzusprechen. Was tun Sie, um runterzukommen?

Baumgart: Das geht bei mir relativ schnell. Dabei geht es gar nicht um Abhaken oder Ärgern. Es geht dann schnell um Sachlichkeit. Viele Dinge liegen aber auch an der Perspektive. Wenn mir gesagt wird, du stehst ja wieder im T-Shirt da. Dann bedeutet das für mich, ja, es ist kalt. Aber ich kann mich so besser bewegen. Und nach dem Spiel ziehe ich mir eine Jacke an.

Gibt es denn Momente, in denen Sie im Nachhinein sagen, da wären sie gerne ein wenig ruhiger?

Baumgart: Nein, warum? Warum sollte ich denn das ein oder andere nicht sagen? Weil es in dem Moment irgendeinen stört? Ich will gar nicht anders sein. Wenn es einem nicht gefällt, soll er nicht hingucken. Ich tue es ja für mich, meine Jungs, für den Erfolg der Mannschaft.

Und wie kommen Sie im privaten Bereich zur Ruhe?

Baumgart: Ich habe meine Vespa, gehe mit den Hunden. Zu Hause bin ich schon ruhig. Nicht so, dass ich einschlafe, ich brülle aber auch nicht meine Frau oder meine Kinder an.

Es wirkt nie, als würden Sie sich in irgendeiner Form verbiegen. Fürchten Sie nicht, damit anderen auf den Schlips zu treten oder sich Feinde zu machen?

Baumgart: Nein, ich beleidige ja niemanden. Gegen Hamburg habe ich mal einem Fan gesagt, er soll jetzt mal ruhig sein. Wieso? Der Fan hat 20 Minuten am Stück Sebastian Andersson beleidigt. Da stelle ich mich vor die Mannschaft. Ich bin keiner, der seine Jungs beleidigen lässt. Wenn ich sehe, was Marco Rose in Dortmund passiert ist, hätte ich mich auch wieder umgedreht. Man muss sich nicht alles gefallen lassen, nur weil Eintritt für das Spiel bezahlt wurde. Da muss niemand drüber stehen – man kann eine Antwort geben. Das hat für mich auch nichts mit Fußballkultur zu tun. Und dann gibt es da den Gladbach-Fan, der trotz aller Rivalität Anstand hat und dem gebe ich dann auch gerne meine Mütze.

Sie werden oft als Typen beschrieben, der geradlinig ist, klare Kante zeigt, ehrlich ist. Freut Sie eine solche Einschätzung, oder denken Sie: Die Menschen kennen mich doch gar nicht.

Baumgart: Jeder kann sich sein eigenes Bild machen. Menschen werden oft an Erfolg oder Misserfolg gemessen. Trotzdem bin ich ein Mensch, der in der einen oder anderen Situation nicht immer die komplette Wahrheit sagen kann. Das gehört zu unserem Geschäft mittlerweile leider auch dazu. Das hat dann nichts mit Lügen zu tun. Ich überlege mir aber schon genau, wann ich was wie sage.

Timo Horn mussten Sie eine schlechte Nachricht überbringen. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, den gebürtigen Kölner, die langjährige Nummer eins zum zweiten Mann zu erklären?

Baumgart: Das Ganze wäre ja nicht passiert, wenn Timo sich nicht verletzt hätte. Sonst wäre Timo noch immer die Nummer eins und es wäre erst später zu einem Zweikampf gekommen. Durch die guten Leistungen von Marvin hat sich die Situation geändert. Das ist für Timo natürlich sehr traurig.

Kommen wir noch einmal zur Euphorie: Schon vor dem Spiel gegen Wolfsburg rechnet gefühlt ganz Köln mit einem Sieg. Kann diese Einstellung das Team auch verunsichern?

Baumgart: Wenn wir jetzt verlieren, sagt jeder, hätten die sich doch mal konzentriert und das Spiel nicht zu leichtgenommen. Wenn wir aber gewinnen, sagt jeder, dass es normal sei. Hinterher weiß es jeder. Wir müssen aber schon vor dem Spiel wissen, wohin wir wollen. Jetzt schon von Verunsicherung zu sprechen, geht mir zu sehr in Richtung Ausrede.

So, wie die Ibiza-Tour der Bayern als Ausrede für die Niederlage gegen Mainz herhalten musste?

Baumgart: Auch das muss man richtig einordnen. Die Bayern sind Deutscher Meister geworden. Die Spieler haben seit anderthalb Jahren nicht eine Woche spielfrei. Nach dieser Saison müssen sie die Nations League spielen und was sonst noch so anfällt. Jetzt haben sie ihr Saisonziel erreicht, fahren zwei Tage nach Ibiza und spielen Ende der Woche. Das gibt Niemanden das Recht, sich darüber aufzuregen, der zuvor 32 Spieltage Zeit hatte, seine Hausaufgaben zu machen. Man sollte bei sich bleiben. Meine Jungs hatten auch zwei Tage frei. Und wenn sie nach Mallorca oder Dubai geflogen wären, dann ist das ihre Sache. Und ich bin trotzdem davon überzeugt, dass die Jungs eine Höchstleistung bringen. Und das werden die Bayern auch machen.

Wenn Sie nun aber doch eine Kristallkugel hätten, was glauben Sie, wo der FC die Saison abschließt?

Baumgart: Wir werden Fünfter, Sechster, Siebter oder Achter. Am Ende ist es eben Sport. Ich bin davon überzeugt, dass wir beide Spiele gewinnen können. Aber ich kann mich auch nicht erinnern, mal nicht von einem Sieg überzeugt gewesen zu sein.

Lesen Sie hier Teil I des Interviews