Abstieg nach Desaster in Heidenheim 1. FC Köln steht vor Neuaufbau in der 2. Liga

Bonn · Nach dem Abstieg in die 2. Liga steht der 1. FC Köln vor großen Herausforderungen. Unklar ist, welcher Trainer und welche Spieler die bewältigen sollen. Ein Neuaufbau scheint unvermeidlich.

 Zutiefst enttäuscht nach dem Abstieg zeigten sich die Kölner Dominique Heintz (links) und Ersatztorhüter Philipp Pentke.

Zutiefst enttäuscht nach dem Abstieg zeigten sich die Kölner Dominique Heintz (links) und Ersatztorhüter Philipp Pentke.

Foto: dpa/Harry Langer

Vielleicht hätte sich Christian Keller ja mit dem griechischen Mythos der Kassandra mal eingehender beschäftigen sollen. Ihre Tragik besteht in dem Dilemma, unheilvolle Weissagungen treffen zu können, ohne für ihre Warnungen jemals Gehör zu finden. Und das alles nur, weil die trojanische Königstochter den alten Apollon abblitzen ließ mit all seinen Annäherungsversuchen. Der mächtige Gott belegte sie daraufhin mit diesem Fluch. Auch in Köln waren wehklagende Kassandrarufe, die von drohendem Unheil kündeten, in den vergangenen Wochen, ja, Monaten deutlich zu vernehmen. Sie stießen bei den Verantwortlichen des ersten Fußballclubs der Stadt jedoch lange auf taube Ohren.

Insbesondere Keller hatte stets betont, der Kölner Kader sei für die Herausforderung Bundesliga ausreichend komponiert und vier, fünf Mannschaften würden schon hinter dem FC landen. Vermutlich schloss der Geschäftsführer Sport da auch den 1. FC Heidenheim ein – und unterlag damit einer heftigen Fehleinschätzung. Denn während der Aufsteiger auf einem sensationellen achten Platz im Gesamtklassement einlief ist für die Kölner eine Saison zu Ende gegangen, die kafkaeske Züge in sich trägt: „Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist.“ Jetzt ist es zappenduster rund um den Verein, der nach dem siebten Bundesliga-Abstieg seiner Clubhistorie den Wiederaufbau West betreiben muss.

Keller nimmt sich in die Verantwortung

Als Verantwortlicher für die Kaderplanung steht Keller natürlich auch in der Verantwortung für das klägliche Abschneiden der Mannschaft. Kurz nach der beschämenden Niederlage (1:4) gegen körperlich und taktisch und spielerisch deutlich überlegene Heidenheimer, antwortete der 47-Jährige recht einsilbig auf die Frage, ob die Konsequenz aus dem Absturz sein Rücktritt sein werde: „Ich bin da“. Ob das auch so bleiben werde? „Davon gehe ich aus.“ Viele der rund 2300 Fans im Kölner Block der kleinen Voith-Arena auf der Ostalb sahen die Lage anders, in dem Geschäftsführer den Hauptschuldigen des Abstiegs, was sie mit wütenden „Keller-raus“-Rufen zum Ausdruck brachten. Ansonsten aber hatten die Fans den tiefen Fall in Heidenheim, begleitet von Auflösungserscheinungen des Teams, mit Gleichmut hingenommen, waren ruhig geblieben und entschwanden leise in die schwäbische Landschaft.

Zwar wird es am Geißbockheim noch eine eingehende Analyse der Abstiegssaison geben, die Vorstand und Geschäftsführung vornehmen, doch ist eine Abberufung Kellers eher unwahrscheinlich. Der Abstieg war noch nicht besiegelt, da übermittelte ihm Präsident Werner Wolf ausdrücklich eine Arbeitsplatzgarantie. Gleichwohl belastet die Deklassierung, keine Frage, auch Keller nachdrücklich. Absteigen sei das „Dümmste und Schlimmste, was im Mannschaftssport passieren kann“, räumte er ein und vermied es, die Schuld von sich zu weisen. „Die Ursachen dafür müssen wir nicht bei jemand anderem als bei uns suchen.“ Mitgenommen wirkte Keller im Kabinentrakt des Heidenheimer Stadions, wollte den Zusammenbruch erstmal sacken lassen und warb um Geduld. Sobald der Schmerz über den Abstieg nachgelassen habe, werde man wiederkommen und versuchen, es besser zu machen. „Relevant ist, dass du wieder aufstehst.“

Podolski attackiert Führungsetage

Dass es in dieser Führungsstruktur weitergehen kann im Grüngürtel, erachten nicht wenige, die es mit dem FC halten, als ausgeschlossen. Während sich die Spieler nach der knapp halbstündigen Abschlussbesprechung am Sonntagvormittag im Geißbockheim verstreuten und, versehen mit individuellen Trainingsplänen, ihren Urlaub (bis 20. Juni) antraten, attackierte Clubikone Lukas Podolski die Verantwortlichen scharf. „Beim 1. FC Köln entscheiden zu viele Ahnungslose“, sagte er dem „Kölner Stadtanzeiger“. Und der einstige FC-Trainer Christoph Daum schimpfte im Sport1-Doppelpass nach einer Saison voller Probleme mit der rigiden Sparpolitik des Clubs, die Keller umzusetzen hatte, oder dem fahrlässigen Umgang mit der drohenden Transfersperre: „Dieser Abstieg ist für mich einer mit Ankündigung. Du musst dich erst mal fragen: Wo ist in dieser Fußballführung Fachkompetenz? Die könnte deutlich besser sein.“

Tatsächlich bildete Heidenheim nur den Schlusspunkt einer deprimierenden Spielzeit, in der die Verantwortlichen alle Kassandrarufe abperlen ließen wie Teflon Wassertropfen. „Der Abstieg“, sagte der völlig frustrierte Torhüter Marvin Schwäbe leise, „ist jetzt nicht heute passiert. Es waren zu viele Spiele, die gezeigt haben, dass es nicht reicht.“ Lediglich 27 Punkte und 28 Treffer in 34 Spielen – eine Bilanz, die keinen Raum lässt für Ausreden. „Wir müssen knallhart analysieren und schauen, wie es weitergeht“, sagte Schwäbe, bei dem schon mal völlig unklar ist, wie es bei ihm selbst weitergeht. Da müsse sich erstmal der Verein „im Klaren sein, wer gehen soll, wer bleiben darf“. Fest steht jedenfalls, dass Publikumsliebling Mark Uth seinen auch für die 2. Liga gültigen Vertrag verlängert hat. Doch bei vielen Profis ist die Situation so undurchsichtig wie Nebel im Hochmoor. Ein Weggang bewährter und begehrter Kräfte wie Jeff Chabot, Timo Hübers, Dejan Ljubicic, Eric Martel und eben Schwäbe, die über Ausstiegsklauseln verfügen sollen, oder Davie Selke (kein Vertrag für die 2. Liga) wäre die stringente Folge des Scheiterns.

Mannschaft steht vor einem Umbruch

Doch nicht nur die künftige Mannschaft verfügt derzeit weder über ein Gesicht noch eine Struktur, auch welcher Trainer sie anleitet, steht noch nicht fest. „Wir haben schon bei Timos Verpflichtung besprochen, dass wir uns am Saisonende zusammensetzen, offen und konstruktiv analysieren und dann entscheiden, wie es weitergeht“, sagte Keller über die Zukunft von Timo Schultz. Zumindest die Ligazugehörigkeit ist bekannt. Die 2. Liga sei eine gute, herausfordernde Liga, „in der es per se nicht einfach ist zu spielen. Unsere besondere Herausforderung ist, dass wir runtergehen und aufgrund der Transfersperre im Sommer nichts machen können. Damit müssen wir klarkommen.“ Kassandras Wehklagen wäre vor diesem Hintergrund angebracht – und sollte unbedingt erhört werden.

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