Nach Last-Minute-Sieg gegen Bochum FC-Trainer Timo Schultz sieht sein Team gerüstet für den Schlussspurt

Köln · Dank des irren und emotionalen Sieges gegen den VfL Bochum schöpft der 1. FC Köln neuen Mut im Abstiegskampf. Trainer Schultz sieht im Zusammenhalt des Teams den Faustpfand für die kommenden „Endspiele“.

Am Ende durften die Kölner jubeln: Luca Waldschmidt (links, verdeckt) und Steffen Tigges (rechts) trafen zum Sieg.

Am Ende durften die Kölner jubeln: Luca Waldschmidt (links, verdeckt) und Steffen Tigges (rechts) trafen zum Sieg.

Foto: dpa/Marius Becker

Selbst in der Harmonie des späten Glücks war eine gewisse Uneinigkeit nicht zu leugnen in Müngersdorf. Dabei herrschte sicherlich kein Einigungsmangel über die enorme Wichtigkeit des vorangegangenen Sieges, sondern allein darüber, wie dieser Kölner Feiertag denn nun zu einem gebührenden Abschluss geführt werden solle. Er müsse erst mal ein Bier trinken, rief Luca Waldschmidt, über dessen blondierte Haare es dagegen schon unterschiedliche Meinungen geben darf, den wartenden Pressemenschen aus sicherer Entfernung zu, um dann doch den Weg zu ihnen gleich zu finden. Eine ganz andere Herangehensweise des Feierabends an jenem Samstagabend bevorzugte da Christian Keller: „Ich lege mich jetzt schlafen“, kündigte der FC-Geschäftsführer an, da war es nicht einmal 19 Uhr. Er lächelte.

Seine Erschöpfung konnte und wollte er gar nicht erst verbergen nach einem Spiel, das lange das Potenzial offenbarte, die Saison endgültig zum Scheitern zu führen. Bis zur 90. Minute im Duell mit dem VfL Bochum schien die künftige Erstligazugehörigkeit des 1. FC Köln so weit in der Ferne zu liegen, dass nicht einmal der alte Magellan in See gestochen wäre. Es war, wenn man so will, ein Kipp-Spiel, das die fast schon verloren geglaubte Spielzeit doch noch zu einem guten Ende aus Kölner Sicht führen könnte. Auch in anderer Hinsicht, und das war deutlich zu spüren im Stadion, war dieses Spiel nicht weit entfernt von einem Abkippen. Die Atmosphäre auf den Rängen in Müngersdorf ließ erstmals an der bislang so gerühmten Einheit zwischen Fans und Mannschaft zweifeln. Die Stimmung drohte tatsächlich zu kippen, nachdem die Anhänger der Mannschaft bislang immer wieder Unzulänglichkeiten und spielerische Mittellosigkeit verziehen und sie durch permanentes Antreiben unterstützt hatte.

Angst und Anspannung sind lange spürbar

Viele Fans hatten am Samstag bereits Minuten vor dem Ende das Stadion verlassen (die das später bereut haben dürften), andere riefen im Chor den Spielern zu und forderten: „Wir wollen euch kämpfen sehen.“ Keller versuchte, die Situation sachlich einzuordnen. „Jeder wusste, wie wichtig das Spiel ist, und die Fans sind gekommen, um uns phänomenal zu unterstützen“, sagte er, wenn dann aber die einfachsten Sachen nicht gelängen, „dann ist es doch normal, dass der eine oder andere auf den Rängen denkt: Das reicht nicht mehr“.

Tatsächlich beruhte der sehr lange dürftige Vortrag des FC nicht auf fehlender Bereitschaft, den Kampf anzunehmen, vielmehr war der eher der zerstörerischen Macht von Angst zuzuschreiben. Angst vor dem eigenen Versagen. Wie gelähmt wirkten die Kölner Spieler lange, vor allem nach der Bochumer Führung durch Felix Passlack (53.). Jeder habe gesehen, dass es „für beide Teams um sehr viel ging“, befand Trainer Timo Schultz über das gehobene Maß an Anspannung. Auch Keller erkannte in der Drucksituation, in der sich der Verein ja immer noch befindet, den Grund. „Bis zum Gegentor war offensichtlich, dass es für beide Mannschaften um extrem viel ging und beiden Mannschaften das auch bewusst war. Meiner Meinung nach hatten wir damit mehr zu kämpfen als Bochum“, sagte der 47-Jährige. Und: „Wir waren nicht gut, aber wir waren die bessere Mannschaft.“

Doppelpack in der Nachspielzeit eine Befreiung

Dass der FC dennoch in diesem „brutalen Finish“ (Keller) dem Spiel eine Wendung gab, ist auch einer gewissen Nicht-aufgeben-Mentalität zuzuschreiben, wie Keller vermutet. Die Mannschaft habe dauernd daran geglaubt und „das war wahrscheinlich auch der Schlüssel, dass wir es hinbekommen haben“. Ein Konsens herrschte auch vor diesem Hintergrund bei den Kölnern nicht, denn Timo Hübers hält offenbar nicht viel von der Glaubensfrage. Man hinterfrage sich nicht fünfmal pro Minute, „ob man noch dran glaubt, sondern man versucht, Aktionen positiv für die Mannschaft zu gestalten“.

Dass das Spiel dann doch noch Züge annahm wie das Champions-League-Final-Drama zwischen Bayern und Manchester United 1999 war auch dem, man muss es so sagen, glücklichen Händchen des Trainers geschuldet. Mit Steffen Tigges und Luca Waldschmidt wechselte Schultz den Sieg ein, der eine traf in der ersten Minute der Nachspielzeit, der andere in der zweiten, beide per Kopf. Auch solche Dramen bringen Helden hervor, die das explosionsartige Entkommen aus der Hoffnungslosigkeit ermöglichen, die sich über Müngersdorf breitgemacht hatte. Während die Bewertungen der Schlussminuten reichten von „krass“ über „phänomenal“ (Keller) bis „sehr emotional“ (Waldschmidt), hatte ein in dieser Saison bislang sehr Gescholtener zu ringen mit seinen Empfindungen. „Die letzte Zeit war natürlich nicht sehr einfach für mich“, sagte ein sichtlich berührter Tigges nach seinem ersten Saisontor. Für solche Momente lebe man als Spieler, „dass man reinkommt und das Spiel in eine andere Bahn lenkt“. Von „komplett abgeschrieben“ zu „alles wieder drin“ habe sich die Situation durch das dramatischen 2:1 gedreht. „Wir haben die Rettung in der eigenen Hand. Wir haben nach Bayern fast nur noch direkte Konkurrenten.“

FC rechnet sich auch in München eine Chance aus

Dem Gedanken, dass nun aufgrund der Münchner Misere von einem weiteren Erfolg der Kölner am kommenden Wochenende auszugehen ist, erteilte Keller rasch eine Absage. „Wir wissen schon, wo wir hinfahren“, gibt er zu bedenken, „und wir wissen auch, wie die Kräfteverhältnisse sind.“ Einer schicksalsergebenen Einstellung erteilt er gleichwohl eine Absage und umreißt für die restlichen „Endspiele“ die Aufgabenstellung: „Die größte Herausforderung wird sein, nicht daran zu denken, dass wir verlieren können, sondern die Chance sehen, dass wir gewinnen können.“

Gewappnet sieht Schultz seine Spieler jedenfalls für den schwierigen Schlussakkord. „Wenn man der Mannschaft eins nicht nehmen kann, dann ihren tollen Charakter. Die Spieler opfern sich auf und schmeißen sich in alles rein. Es wird unser größtes Faustpfand sein, das wir als Gruppe ganz eng zusammen sind am Geißbockheim.“

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