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Abstiegskampf: 1. FC Köln: Vom Vorzeige- zum Krisenclub

Abstiegskampf : 1. FC Köln: Vom Vorzeige- zum Krisenclub

Als erster Deutscher Meister der Bundesliga war der 1. FC Köln einst die Top-Adresse im deutschen Fußball. Damals schauten selbst die Bayern zum FC auf. Heute hat der Rekordmeister 30 Titel eingefahren, Köln steht vor dem siebten Abstieg.

Fleißig haben sie sich Notizen gemacht – die beiden Herren, die wie Praktikanten an den Lippen des so mächtigen Vereinsbosses kleben. Den Herren geht es um eine einzige Frage: Wie macht man aus einem aufstrebenden Club einen der besten Vereine Deutschlands. Wilhelm Neudecker und Robert Schwan sind zu Gast beim amtierenden deutschen Meister, beim Tabellenführer, beim Viertelfinalisten des Europapokals – bei Franz Kremer, dem Boss. Die Delegation des FC Bayern München blickt bewundernd auf zum 1. FC Köln, zu seinem Präsidenten, zu der Mannschaft, die als Real Madrid Deutschlands bezeichnet wird.

56 Jahre später hat Bayern München 30 Mal die deutsche Meisterschaft, 20 Mal den DFB-Pokal und sechs Mal die Champions League beziehungsweise den Pokal der Landesmeister gewonnen. Der FC steht gerade vor seinem siebten Abstieg – wohlgemerkt in 23 Jahren. Wehmütig blicken die Anhänger des 1. FC Köln auf diese Zeit zurück. Zurückblicken, einer der Gründe für den Kölner Niedergang. „Der Verein lebt gerne in der Vergangenheit, blickt auf die großen Namen zurück“, sagt Thomas Reinscheid, Chefredakteur des Fanzine effzeh.com. Große Namen gab es viele. Namen wie Wolfgang Overath, Pierre Littbarski oder Lukas Podolski. Und Namen spielen beim FC eine große Rolle. „Man schaut in Köln nicht immer auf die Qualität der Personen, eher auf das Image dahinter“, sagt Reinscheid.

Der 1. FC Köln verliert seine Vormachtstellung

Der FC ist unter Kremer vielversprechend in die neue Bundesliga gestartet, hat Geld, eine Idee, wenig Konkurrenz. Kremer ist ein Visionär, dem Vernehmen nach vielleicht ein wenig zu sehr. Die Trikots werden in Paris bestellt, der Europapokal als selbstverständlich vorausgesetzt. Doch der FC verliert seine Vormachtsstellung, andere Teams holen auf, auch die Bayern. Der FC gewinnt 1968 den DFB-Pokal und muss sich dann zehn Jahre gedulden, bis das Double folgt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Bayern bereits vierfacher Meister, gewannen drei Mal den DFB-Pokal und sind vierfacher Europapokalsieger. Doch die Teams begegnen sich noch einigermaßen auf Augenhöhe. Das ändert sich in den 80er Jahren. Während die Münchner mit ihrem Dauer-Abo auf Titel beginnen, gewinnt Köln 1983 noch einmal den DFB-Pokal, hinkt aber in der Liga den Topteams hinterher.

Bis 1986 Christoph Daum die Geißböcke überimmt. Ein junger Trainer mit unglaublichem Fachwissen und dem Mut, neue Dinge zu probieren. Die Mannschaft ist ein Mixtur aus erfahrenen Spielern wie Morten Olsen oder Pierre Littbarski und jungen Nachwuchstalenten wie Bodo Illgner und Jürgen Kohler. Plötzlich gehört der FC wieder zur Spitze. „Wir waren Zweiter, wir standen im Halbfinale des Uefa-Cups, hatten 20 Millionen Mark auf dem Konto. Wir waren dabei, so etwas wie Borussia Dortmund zu werden. Und heute sieht man, was daraus geworden ist“, sagte Daum 1998, nicht ahnend, dass der erste Abstieg der Geißböcke nur der Anfang einer langen Misere werden würde.

Mit Daum-Entlassung beginnt die Krise

In der Spielzeit 1988/89 führt Daum den FC in das Saisonfinale gegen Bayern München. Der Sieger der Partie ist deutscher Meister. Der Sieger heißt Bayern München. Auch in der Folgesaison wird der FC Vizemeister, scheidet erst im Halbfinale des Europapokals aus. „Es gab in Köln in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder diese Weggabelungen, an denen sich der FC falsch entschieden hat“, sagt Reinscheid. „Die Trennung von Christoph Daum war sicherlich eine.“ Daum wird während der WM-Vorbereitung 1990 entlassen. Der damalige Präsident Dietmar Artzinger-Bolten fliegt eigens nach Italien, um dem Trainer den Laufpass zu geben. Die Gründe sind bis heute nicht vollends geklärt. Ebenso wenig wie der Verbleib der sogenannten Häßler-Millionen, jenem Geld, das der FC für den Wechsel des frisch gebackenen Weltmeisters zu Juventus Turin kassiert hat. Ein Zusammenhang wird nicht ausgeshclossen. „1990 hat mit dem Niedergang zu tun“, sagt Reinscheid. „Da spielt aber auch der plötzliche Tod des Spielers Maurice Banach sowie die Sehnsucht nach Ost-Spielern eine Rolle. Aber während andere Ulf Kirsten oder Matthias Sammer holten, kamen Rico Steinmann und Henri Fuchs nach Köln.“

Sportlich versinkt Köln im Mittelmaß und trauert zunehmend den guten alten Tage nach. „Seit den 90ern ist der FC auch in Führungspositionen nicht mehr sonderlich gut aufgestellt“, sagt Reinscheid. „Man hat irgendwann nicht mehr auf Konzepte und echte Arbeit geschaut, sondern eher auf Namen. Der FC scheint von sich selbst getrieben zu sein. Man trifft Entscheidungen, ohne davon überzeugt zu sein.“ So wurden in den vergangenen Jahren immer wieder ehemalige Kölner Größen auf Posten gehoben, möglicherweise unabhängig ihrer Qualität. In Köln scheint es in erster Linie auch um das Image zu gehen – für die Fans, für die Medien. „Ein Kollege hat mal gesagt, das ,F’ in FC steht für Folklore. Das lebt man in Köln“, sagt Reinscheid. „Da wird ein Vertrag verlängert, weil man keine unpopuläre Entscheidung treffen will. Es geht in Köln immer viel um das Gefühl und um das eigene Wohl, nicht immer ausschließlich um das Wohl des Clubs.“

FC: Auf dem Weg in Liga zwei

Unter Jörg Schmadtke und Peter Stöger scheint der FC noch einmal die sportliche Kurve zu kriegen. Köln stabilisiert sich, es wird ruhiger im Umfeld des Vereins. Köln qualifiziert sich für den Europapokal. Doch es folgt der nächste Absturz. „Es tut weh, aber man muss ja nur nach Gladbach schauen, was die Borussia aus ihrer Qualifikation für den Europapokal gmacht hat und dann schaut man auf den FC“, sagt Reinscheid, der gleichzeitig mit einem Kölner Klischee aufräumt. „Träume sind ja nicht verkehrt, aber ich kenne auch keinen Fan, der nach ein paar Siegen in Folge direkt von der Champions League träumt“, sagt er. „Damit wird gerne gespielt. Im Gegenteil, der Köln-Fan bremst die Euphorie selbst bei einer 3:0-Führung. Auf der anderen Seite neigt der FC-Fan schon dazu, die Realität aus den Augen zu verlieren. Es wird immer ein wenig despektierlich auf Augsburg oder Freiburg geblickt, die sich aber seit einiger Zeit schadlos in der Liga halten.“

Aktuell befindet sich der FC auf dem direkten Weg Richtung 2. Liga. Auch, weil in der Vergangenheit Fehler gemacht worden sind. „Es wäre zu einfach, das nur Gisdol oder Heldt anzulasten. Sie haben ein schweres Erbe mit dem Kader übernommen“, sagt Reinscheid, der aber auch kein Hehl daraus macht, dass der aktuelle Kader ebenfalls nicht stimmig ist. „Nehmen wir das Beispiel Sebastian Andersson. Solche Spieler werden immer auf dem Peak ihres Martkwertes verpflichtet. Nie mit Entwicklungspotenzial. Das ist kein gutes Geschäft“, sagt Reinscheid. „Oder man verpflichtet Namen, ob sie in den Kader passen oder nicht. Warum wird im Winter ein weiterer zentraler Mittelfeldspieler geholt. Und dabei geht es nicht um die Position. Er hat die gleiche Größe, das gleiche Tempo, die gleiche Spielweise wie etliche andere. Da liegt die Vermutung nahe, dass es eben nicht um das Wohl des Vereins, sondern eher um Freundschaftsdienste gegangen ist.“