Problemzone Abwehr Der FC hat nicht nur ein Sturm-Problem

Analyse | Köln · Die bisherige Saison hat gezeigt: Der 1. FC Köln hat nicht nur im Sturm, sondern auch in der Abwehr ein Problem. Dabei gäbe es Möglichkeiten, dieses zu lösen.

Zuletzt als Rechtsverteidiger überfordert: Kingsley Schindler (vorne).

Zuletzt als Rechtsverteidiger überfordert: Kingsley Schindler (vorne).

Foto: dpa/Soeren Stache

Der 1. FC Köln musste nach einem starken Saisonstart im Verlauf der Saison zunehmend Federn lassen. Die Probleme, die sich dabei im Sturmzentrum bemerkbar gemacht haben, könnten in der Winterpause durch einen Transfer behoben werden. Bei den defensiven Schwierigkeiten der Kölner muss eine andere Lösung her.

Die vergebene Chance von Sargis Adamyan im letzten Spiel vor der Winterpause war bezeichnend für die Situation des 1. FC Köln in den vergangenen Wochen. Mit etwas mehr Glück springt der Ball vor Adamyan nicht mehr auf, und der Stürmer erzielt seinen zweiten Saisontreffer. Mit etwas mehr Glück punktet der FC im „kleinen Rheinderby“ gegen Leverkusen oder dreht die Partie gegen den OGC Nizza in letzter Minute. Aber es hat den Kölnern in vielen Situationen nicht nur an Glück gemangelt, sondern an Regenerationszeit und teilweise an Qualität. Dabei ist Adamyan gegen Hertha BSC das negative Vorzeigebeispiel geworden, obwohl sich dahinter auch Steffen Tigges und Florian Dietz verstecken. Alle drei Neuner, beziehungsweise zwei Neuner plus Adamyan, der sich auf den Außenposition genauso zu Hause fühlt wie im Sturmzentrum, konnten nicht im Ansatz die Lücke füllen, die Anthony Modeste mit seinem Abgang gerissen hat. Eine Aufgabe, der sich die Kölner Chefetage um Christian Keller im Winter stellen muss, denn durch den langfristigen Ausfall von Dietz, besteht noch mehr Bedarf als ohnehin schon.

Abwehr zeigt sich in jeglicher Konstellation anfällig

Ähnliche Probleme blitzten im Kölner Defensivverbund auf. Zum Teil haarsträubende Fehler unterliefen der FC-Viererkette und kosteten viele, dringend benötigte Punkte. Mit Blick auf das Wintertransferfenster wird es für die klammen Kassen des 1. FC Köln kaum möglich sein sowohl im Sturm als auch für die Abwehr, Neuzugänge zu verpflichten, die preiswert sind und gleichzeitig hohe Qualität mitbringen. Da ein Transfer für das Sturmzentrum als deutlich wahrscheinlicher gilt, muss Steffen Baumgart mit den vorhandenen Mitteln in der Defensive arbeiten. Eine Aufgabe, die bei 23 Gegentoren aus den vergangenen zehn Pflichtspielen nicht einfach werden dürfte. Zum Vergleich: In den ersten zehn Saisonspielen kassierte der FC nur zwölf Gegentore. In dieser Zeit gelang dem Team von Steffen Baumgart unter anderem das einzige Bundesligaspiel in dieser Saison ohne ein Gegentor.

Es darf in der Analyse der Kölner Abwehrprobleme nicht außen vorgelassen werden, dass die mitunter notwendige Rotation und Verletzungen eine entscheidende Rolle gespielt haben. Es darf aber genauso wenig fehlen, dass sich die Defensive in jeglichen personellen Konstellationen anfällig gezeigt hat. Dabei sind immer wieder individuelle Aussetzer der Grund für Gegentore gewesen. Beispiele gibt es genug: Luca Kilian erwischte nicht nur bei der 0:5-Niederlage gegen den FSV Mainz einen rabenschwarzen Tag. Der 22-Jährige Innenverteidiger war auch beim Jahresabschluss in Berlin nicht gut aufgelegt. Bei beiden Gegentoren kann Kilian nicht von Schuld freigesprochen werden. Dasselbe gilt für seinen Partner in der Innenverteidigung, Timo Hübers. Die Leistung des Routiniers schwankte von Spiel zu Spiel enorm. Besonders auffällig war das in der Conference League zu beobachten. Im Rückspiel gegen Partizan Belgrad legte Hübers den Ball perfekt in den Lauf von Diabaté, der anschließend nur noch einschieben muss. Zwei Wochen später gegen den 1. FC Slovacko verteidigte der ehemalige Hannoveraner konsequent und hatte große Anteile am Sieg ohne Gegentor. Zu viel Licht und Schatten für eine Defensive in einer Mannschaft, die vorne keinen treffsicheren Stürmer besitzt.

Kölner Defensivreihe steht sehr hoch

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Die Abwehrreihe der Kölner steht unter Steffen Baumgart, anders als unter früheren Trainern, deutlich höher, um den Gegner früh unter Druck zu setzen. Dem FC-Coach, der mit diesem System schon beim SC Paderborn für Aufsehen gesorgt hat, sind die Gefahren dieser Spielweise durchaus bewusst: „Wir wissen, was auf uns zukommt, wenn wir so hoch stehen. Dafür müssen wir Lösungen finden.“ Die richtige Lösung hat sich aber auch nach fast eineinhalb Jahren nicht rauskristallisiert. Das Risiko scheint in manchen Spielen zu hoch zu sein wie gegen Leverkusen, als die Kölner um ihren verdienten Lohn gebracht wurden.

Ähnliches gilt für die Spielweise von Kilian, der immer mit viel Risiko verteidigt. Ein Beleg dafür sind unter anderem die beiden Gelb-Roten Karten in der Bundesliga. Dem jungen Innenverteidiger liegt das „Nach-vorne“-Verteidigen, denn seine Stärke im eins gegen eins und seine körperliche Präsenz ermöglichen frühe Ballgewinne, wie im System Baumgart gefordert. Die große Gefahr dabei ist, dass Räume im Rücken entstehen, die schnelle Spieler mit ihrem Tempo nutzen können (siehe Diaby oder Lukebakio). Die häufigen Folgen sind entweder Gegentore oder Fouls von Kilian, wie bei beiden Gelb-Roten Karten. Dem ehemaligen Mainzer ist seine geringe Erfahrung anzumerken, seine Qualitäten sind trotzdem unbestritten.

Jeff Chabot wäre eine Option

Eine Option wäre Jeff Chabot, der nach seiner Sprunggelenksverletzung wieder zur Verfügung steht. Der 24-Jährige kann jedoch noch weniger Erfahrung aufweisen als Kilian. Sein Vorteil ist seine Spielweise, die weniger Risiko mit sich bringt. Vorzüge des wuchtigen Abwehrbrocken sind neben seiner Präsenz in der Luft ein gutes Stellungsspiel. Chabot hat in den kommenden zwei Monaten Zeit, sich zu präsentieren und wird mit Sicherheit von Baumgart seine Einsatzzeiten bekommen.

Aufgrund der notwendigen Rotation in den vergangenen Monaten kam Kingsley Schindler immer wieder zu Einsätzen auf der Position des Rechtsverteidigers. Ein Schachzug, der sich nur teilweise bezahlt gemacht hat. Seine Offensivaktionen fanden nur selten Abnehmer, und in der Defensive mangelte es dafür in zu vielen Bereichen. Schindler wurde zwar in der U19-Bundesliga oder der Regionalliga Nordost teilweise als Rechtsverteidiger eingesetzt, spielte aber seit der Saison 2013/14 fast durchgängig auf der offensiven Rechtsaußenposition. Der Offensivdrang in seiner Spielweise ist unverkennbar und bringt durch mäßiges Defensivverhalten zusätzliches Risiko.

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Top-Teams agieren mit Innenverteidiger auf der Außenposition

Eine Gefahr, die viele Bundesligisten zurecht nicht eingehen wollen. Mit Bayern (Pavard), Dortmund (Süle), Leipzig (Simakan) und Freiburg (Sildillia) setzen gleich vier Top-Teams immer wieder auf gelernte Innenverteidiger rechts in der Abwehr. Ob das eine Option bei dem Kölner Kader ist, ist eine andere Frage. Jedoch scheinen die großen Vereine der Bundesliga lieber einen zusätzlichen Innenverteidiger aufstellen zu wollen, um damit weniger Offensivdrang der Gegner über eine Abwehrseite in Kauf zu nehmen. Dieses Modell fährt der FC bereits auf der linken Abwehrseite mit Kristian Pedersen, der defensiv seine großen Stärken hat und dafür in der Vorwärtsbewegung Defizite aufweist.

Es bieten sich für Steffen Baumgart und den 1. FC Köln einige Möglichkeiten, um in der Defensive stabiler zu werden. Dabei ist auch der FC-Trainer gefragt. Die Kölner haben über zwei Monate Zeit, sich diesen Fragen zu stellen, und vielleicht andere Systeme wie eine Fünferkette einzustudieren, in der Kingsley Schindler als Rechtsaußen möglicherweise besser aufgehoben wäre.

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