Abstiegsendspiel in Heidenheim Der 1. FC Köln klammert sich an den letzten Strohhalm

Köln · Der 1. FC Köln hat seine letzte Chance im Abstiegskampf genutzt. Jetzt kommt es zum erneuten „Endspiel“ in Heidenheim. Der Glaube an den Klassenerhalt ist gewachsen.

 Kölner Hoffnungsschimmer: „Joker“ Damion Downs bejubelt sein Tor zum 3:2 in der Nachspielzeit gegen Union Berlin.

Kölner Hoffnungsschimmer: „Joker“ Damion Downs bejubelt sein Tor zum 3:2 in der Nachspielzeit gegen Union Berlin.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Was hat der Fußball nicht alles für Götter und Titanen hervorgebracht? Toni Turek wurde einst in den Stand eines Fußballgottes erhoben, da er nach Einschätzung der Deutschen den Ball viel besser abzuwehren vermochte als der Teufel das Weihwasser, selbst der bescheidene Alexander Meier diente sich insbesondere in den Augen der Frankfurter Fans hoch in nicht irdische Sphären. Und erst Oliver Kahn, vor dessen Stärke sich sogar Hades vermutlich in Acht genommen hätte. Nun werden nicht alle Fußballgötter auch mit Stollenschuhen über den Rasen pflügen, sondern stehen sinnbildlich für Gerechtigkeit und Glück. In welchem Maße der Sieg des 1. FC Köln gegen Union Berlin tatsächlich gerechtfertigt war, lässt sich nur schwer beantworten. Dass er aber unter äußerst glücklichen Umständen zustande kam, würde wohl kein Fußballweltgericht in Zweifel ziehen.

Erklärungen zu finden einige Momente nach einem Fußballspiel fällt je nach Verlauf nicht immer leicht. Wie lässt sich auch ein Sieg darstellen, der wenige Minuten zuvor noch jeglicher Logik entbehrte. Und diesen Sieg hatte der FC ja benötigt, zwingend, um noch eine Restchance auf den Klassenerhalt zu wahren. Allein, kurz vor dem Ende schien vielmehr eine Niederlage gegen den Konkurrenten aus der Hauptstadt so nah wie einst die Zähne Kahns am Hals eines gewissen Heiko Herrlich. Doch unter der Sonne Müngersdorfs ereignete sich plötzlich Ungewöhnliches. Irrationales. Für das kaum Worte übrig bleiben. Nein, sagte dann auch Dominique Heintz kurz nach dem Drama von Müngersdorf, die habe er noch gar nicht. Stattdessen hatte er schon auf dem Rasen, das Spiel war nicht einmal beendet, die Kontrolle über seine Gefühle nicht mehr vollständig im Griff, hatte, wie er zugab, „Gänsehaut und Tränen in den Augen beim 3:2“.

FC-Profi Heintz mit Tränen in den Augen

Es sind eben solche Momente, die selbst erfahrene Profis voller Ehrfurcht auf den Moment schauen lassen. Mit 0:2 hatten die Kölner nach nicht einmal 20 Minuten bereits zurückgelegen – was beinahe jede Hoffnung auf den Klassenerhalt zerstörte. Doch Lazarus zeigte sich auch in Müngersdorf noch mal hellwach. „Eigentlich waren wir weg, tot“, sagte ein beinahe ergriffener Heintz. „Und auf einmal lebst du wieder.“ Und dann kamen weder Turek noch Meier noch Kahn, sondern einer, der auch wegen seiner praktischen Handreichungen immer gerne gesehen ist. „Der Fußballgott hatte noch einen Strohhalm für uns“, sagte Heintz, der in der vergangenen Saison mit dem VfL Bochum auch durch einen 3:0-Erfolg am letzten Spieltag der Deklassierung in die Zweite Liga entging. „An den haben wir uns heute ganz festgeklammert.”

Zehn Minuten, bevor der Strohhalm gereicht wurde, herrschte auf den Rängen in Müngersdorf eine sehr merkwürdige Mischung aus Aufgabe, Fatalismus und Wehmut, die das Szenario des fast sicheren Abstiegs umrahmte. In einem Spiel, in dem Köln erneut der Wille nicht abzusprechen war, wohl aber auf Distanz eine gewisse Berechtigung für einen weiteren Aufenthalt in der Erstklassigkeit. Doch nachdem Florian Kainz mit seinem verwandelten Foulelfmeter kurz vor der Pause und die Ersatzkräfte Steffen Tigges kurz vor dem Ende (87.) und Damion Downs kurz nach Ablauf der 90 Minuten die Partie noch zugunsten des FC haben kippen lassen, explodierte Müngersdorf. „Ich habe gedacht, das Stadion fliegt auseinander“, befand Heintz. Doch nicht nur jedem, der das miterlebte, war bewusst, dass das Klammern an Herrgotts Strohhalm auch noch den abschließenden Spieltag am kommenden Wochenende fest einschließt. Die Kölner müssen in Heidenheim gewinnen, um noch eine Chance auf den Relegationsplatz zu haben, und sind zudem abhängig von des Gegners Resultat (siehe Kasten).

Krimi gegen Köpenicker hat Spuren hinterlassen

Die Blickwinkel nach dem überaus glücklichen Erfolg, der Züge des Dramas gegen den VfL Bochum beinhaltete (2:1-Sieg durch zwei FC-Treffer in der Nachspielzeit), waren different. Bei Abwehrspieler Timo Hübers, der vor dem 0:1 Torschütze Robin Knoche entwischen ließ, hatte sich beinahe Defätismus breitgemacht. „Hatten Sie Zweifel nach dem 0:2?“, wurde er gefragt, der sich nach dem Köpenick-Krimi „körperlich und mental komplett am Ende“ wähnte. „Ja, unbedingt!“ Ganz im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, Sportgeschäftsführer Christian Keller, der solchen Erschütterungen offenbar mit einem Lächeln begegnet: Nein, er habe „immer daran geglaubt, weil wir immer zusammenstehen“. Zusammenhalt und Wille, keine Frage, ist den Kölnern tatsächlich nur selten abzusprechen in dieser Saison. Ganz im Gegensatz zum spielerischen Vermögen, das sich auch gegen Union deutlich zu verstecken wusste.

Keinen Hehl machten die Kölner jedenfalls daraus, dass der Gedanke zuletzt an den Abstieg die Gemüter mehrmals kräftig erschwert hatte. „Die erste Halbzeit ist einfach scheiße gelaufen“, sagte Torhüter Marvin Schwäbe. „Da gehst du in die Pause und denkst, du bist gebrochen.“ Und Florian Kainz wühlte noch einmal in der nahen Vergangenheit. „Letzte Woche (nach dem Remis gegen Freiburg, Anm. d. Red.) hatten wir alle das Gefühl, dass es vorbei ist“, gestand der Kapitän. „Aber nach dem Sonntag waren wir alle wieder da.“ Auf wie viele Leben von ihren sieben nun die etwas müde Katze Köln noch vertrauen kann, ist nicht überliefert. Doch Timo Schultz ahnt, dass das „einer der kuriosesten Klassenerhalte werden kann, die es seit langer Zeit gegeben hat“.

Kölner Gedanken an den Abstieg

Die Relegationsspiele gegen den Dritten der Zweiten Liga am 23. und 27. Mai sind für den FC nun das noch mögliche Optimum in dieser Saison. Ein kleiner Strohhalm nur, doch für Schultz Anlass genug, einen Aufruf zum Durchhalten an seine Spieler zu richten. Und so bemühte er am Samstagabend, ohne einen Namen zu nennen, eine Fußball-Weisheit des einstigen BVB-Managers Michael Meier, die er vor mehr als 20 Jahren hoffnungsvoll platzierte. „Wir sind schon seit Wochen in der Rolle des Jägers“, sagte also Schultz. Und einst habe ein Manager gesagt: „Am Ende gewinnt immer der Jäger.“

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