Bittere 1:4-Pleite in Heidenheim Abstieg des 1. FC Köln in die 2. Liga ist perfekt

Heidenheim/Bonn · Der 1. FC Köln hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und ist nach einem desaströsen Vortrag in Heidenheim zum siebten Mal in seiner Geschichte aus der Bundesliga abgestiegen. Zwar hat Konkurrent Union Berlin seine erledigt durch den Sieg gegen Freiburg, doch die deutliche 1:4-Niederlage des FC hinterlässt Bitterkeit.

Geschlagen und frustriert – das entsprach dem Bild, dass die Kölner in Heidenheim hinterließen.

Geschlagen und frustriert – das entsprach dem Bild, dass die Kölner in Heidenheim hinterließen.

Foto: dpa/Harry Langer

Wunder zu besingen, die es immer wieder gibt, geht einem leicht über die Lippen. Ganz anders sieht es dagegen aus, solche selbst zu erschaffen. Und wie hatten sie rund um den 1. FC Köln dieses utopische Ereignis herbeigesehnt! Auch und gerade der Trainer, der sich wohl erinnert hatte an den letzten Spieltag der Saison 2020/21, als sich der FC in letzter Sekunde in die Relegation rettete (und diese schließlich überstand). „Am letzten Spieltag passieren die wundersamsten Sachen”, sagte Timo Schultz vor dem Letzte-Chance-Spiel beim 1. FC Heidenheim und riet zur Geduld – bei seinen Spielern, aber auch bei den Fans. „Nicht unbedingt in Spielminute acht oder zwölf, sondern häufig sehr spät im Spiel.“

Die Geduld aber hat nun ein Ende. Das Wunder von Heidenheim, es blieb aus. Ganz im Gegenteil: Das Schultz-Team erlebte sein blaues Wunder. Durch einen Vortrag, der als Desaster beschrieben werden muss, und einer 1:4 (0:3)-Niederlage ist der siebte Abstieg in der Historie des FC perfekt. Und nach dieser bedenklichen Aufführung lässt sich festhalten: In dieser Verfassung hat keine Mannschaft des Planeten den Aufenthalt in der Erstklassigkeit verdient. Es war nicht weniger als ein Debakel, ein Offenbarungseid der unglaublich überforderten Kölner, die ihre Nervosität, ihre Furcht nie ablegen konnten. Er habe keine Erklärung für den Aufritt der Mannschaft insbesondere vor dem Wechsel, sagte ein konsternierter Mark Uth, der gerade seinen auch für die 2. Liga gültigen Vertrag verlängert hat. So dürfe man nicht ins Spiel gehen, „wir haben keinen Zweikampf gewonnen, nicht mal einen geführt“. Was ihn zur Schlussfolgerung verleitete: „Wir sind verdient abgestiegen.“

Der Schultz-Elf war ja nicht mehr geblieben, als ihre Hausaufgaben zu erledigen. Nur ein Sieg bei einer gleichzeitigen Niederlage des einzig verbliebenen Konkurrenten Union Berlin gegen den SC Freiburg hätte die Relegation gegen den Zweitliga-Dritten Fortuna Düsseldorf bedeuten können – wenn der FC die um drei Tore schlechtere Tordifferenz gegenüber den Berlinern wettgemacht hätte. Dass durch den Sieg Unions der Abstieg ohnehin nicht zu vermeiden gewesen wäre, entlastet Köln nicht. Der FC vergaß schlicht, um was es in diesem „Endspiel“ ging, vergaß die Hausaufgaben. Und muss nun eine Klasse tiefer einen Neuanfang starten. Die Mannschaft droht auseinanderzubrechen. Torhüter Marvin Schwäbe, der den Verein verlassen könnte, antwortete auf die Frage, ob er bleibe: „Da muss sich erstmal der Verein im Klaren sein, wer gehen soll, wer bleiben darf.“

Schultz modifizierte seine Mannschaft auf gleich fünf Positionen gegenüber dem 3:2 gegen Union Berlin. Jan Thielmann und Dejan Ljubicic ersetzten die gesperrten Benno Schmitz und Denis Huseinbasic. Außerdem standen Dominique Heintz und Steffen Tigges für die verletzten Max Finkgräfe und Luca Waldschmidt in der Startelf. Und anstelle von Sargis Adamyan ließ der Trainer Linton Maina von der Leine.

Beide Mannschaften begannen verhalten. Dass Köln dem Zwang unterworfen war, Tore zu schießen und das Spiel zu gewinnen, schien das Team zu hemmen. Die Nervosität ob der Herausforderung war den Kölnern anzumerken. Der Einfluss auf das Spiel war sehr überschaubar, wenn so etwas wie Spielfluss aufkam, dann von den Schwaben. Und so nutzten sie gleich ihre erste Chance. Jan-Niklas Beste entwischte Jan Thielmann auf der linken Seite, und nach einem Querpass des Heidenheimers zog Eren Dinkci eigentlich recht harmlos ab. Doch Jeff Chabot fälschte den Ball mit dem Körper unhaltbar für Marvin Schäbe ins Kölner Tor ab – 1:0 (16.).

Den Kölnern fehlte nicht nur in dieser Szene der Zugriff. Sie ließen das Spiel an sich vorbeiziehen – beinahe ohne Gegenwehr. Und es kam noch schlimmer. Nur sechs Minuten später leistete sich Faride Alidou einen Ballverlust an der Mittellinie und von Tim Kleindienst eingesetzt, düpierte Dinkci die zu Salzsäulen erstarrten Timo Hübers und Chabot, um Schwäbe erneut mit einem trockenen Schuss ins linke untere Eck (22.) zu überwinden. Die Schultz-Elf schien bereits jetzt die weiße Fahne zu hissen. Ein Aufbäumen? Mehr Aggressivität? Mitnichten.

1. FC Heidenheim - 1. FC Köln
24 Bilder

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Die Umstellung auf eine Dreierkette und eine offensivere Formation bescherte den Gästen zumindest eine leichte optische Überlegenheit. Doch in den Räumen, in denen es gefährlich werden konnte, waren die Heidenheimer sehr präsent. Wie auch in der Offensive gegen willenlose Kölner. Nach einem halbherzig verteidigten Ball von Heintz hatte Kevin Sessa keine Mühe, Kainz wie beim Schulhofskick stehen zu lassen und den Ball platziert ins Eck zu schießen (36.). Auflösungserscheinungen machten sich breit bei den Gästen. Die vor der Partie viel beschworenen Glauben und Wille – nichts war zu erkennen. Stattdessen Selbstzweifel statt Selbstvertrauen.

Bezeichnend: Erst nach 39 Minuten verzeichnete der FC den ersten einigermaßen vielversprechenden Abschluss, Thielmanns Schuss jedoch nach einem langen Lauf flog deutlich drüber. Vorn, in der Mitte, hinten, die Kölner Unzulänglichkeiten und Lücken waren so groß wie das Weltall. Anders die Heidenheimer, die leichtes Spiel hatten und beinahe auf 4:0 erhöht hätten. Erst kratzte Thielmann nach einem Freistoß den Ball von der Linie (41.), dann lenkte Schwäbe einen Schuss Sessas mit den Fingerspitzen über die Latte (42.). Mit Abstiegskampf, dass muss man so sagen, hatte das nichts zu tun. Heidenheim zeigte sich in allen Belangen überlegen und hätte höher führen können. Es schien, als seien die Kölner zu Gast auf ihrer eigenen Beerdigung.

Apathie hatte sich schon vor der Pause breitgemacht bei den mehr als 2000 Kölner Fans im Stadion. Und es gab auch danach keine Grundlage für eine Stimmungsaufbesserung. Zumal Heidenheim keine Anzeichen gab nachzulassen. Schultz versuchte es mit zwei Neuen, Uth und Damion Downs, der Held gegen Union Berlin, sollten die Offensive ankurbeln. Allein ein ungefährliches Schüsschen Eric Martels nach einer Stunde aus der Distanz war lange alles, was die Gäste zu bieten hatten. Selbst als Steffen Tigges per Kopf nach einer Flanke des eingewechselten Rasmus Carstensen verkürzte (64.), blieb die Stimmung in der Kölner Kurve unterkühlt. Für einen Hoffnungsschimmer war dies ja auch immer noch zu wenig, selbst wenn der FC nun den Druck etwas erhöhte. Und Uth eine gute Chance vergab (68.). Zumal Konkurrent Union Berlin gegen Freiburg beinahe gleichzeitig die 1:0-Führung erzielte.

Im Angesicht des fast sicheren Abstiegs zeigten die Kölner nun wenigsten etwas Einsatz, der von Anfang an zwingend gewesen wäre. Doch erneut Uth scheiterte knapp (74.). Heidenheim, im Gefühl des sichereren Sieges, beschränkte sich auf Konter. Und so durfte sich Beste von seiner besten Seite zeigen, er wuchtete den Ball ansatzlos und herrlich in den Winkel (78.). Die Kölner Anhänger blieben ruhig. Fassungslosigkeit machte sich bei ihnen breit. Bis zum bitteren Ende.

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