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Alexander Wehrle zum 1. FC Köln: Größte Herausforderung der Clubgeschichte

Interview mit Alexander Wehrle : „Die größte Herausforderung der Clubgeschichte für den 1. FC Köln“

Die Corona-Krise hat auch den 1. FC Köln, vor allem finanziell, getroffen. FC-Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle spricht über die Auswirkungen der Bundesliga-Unterbrechung und die kommende Saison.

Wahrscheinlich war es nur ein Zufall. Gerade als Alexander Wehrle über die Möglichkeit einer Teilöffnung für Zuschauer bei Spielen der Fußball-Bundesliga spricht, meldet sich im Besprechungsraum des Geißbockheims die Corona App auf seinem Handy mit einer Nachricht. Der 45-Jährige hat als Geschäftsführer den 1. FC Köln und als Mitglied des Präsidiums die DFL unaufgeregt mit durch den Corona-Lockdown geführt. Martin Sauerborn sprach mit dem Schwaben über die nächsten Herausforderungen der Covid19-Krise.

Herr Wehrle, die Corona-Pandemie hat viele Clubs der Fußball-Bundesliga in eine schwierige finanzielle Situation gebracht. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund den Auftritt des 1. FC Köln am letzten Spieltag beim 1:6 in Bremen, als die Mannschaft die Möglichkeit auf fünf Millionen Euro verspielt hat?

Alexander Wehrle: Ich habe mich sehr geärgert und war ein paar Tage nicht gut auf dieses Ereignis ansprechbar. Es war vorher bekannt, dass wir mit einem Sieg in der TV-Geld-Tabelle einen Sprung nach oben machen konnten. Wir hatten es in der eigenen Hand. Nun ist es so und wir müssen die Gelder anders generieren.

Stimmt es, dass der FC rund 43,8 Millionen Euro aus der nationalen TV-Vermarktung erhalten wird?

Wehrle: Wieviel Geld es wird, hängt von der Verteilungsmasse ab. Die Corona-Effekte spielen da eine Rolle. Discovery hat ja seinen Vertrag gekündigt. Wir werden erst im Laufe der Saison final wissen, wie hoch die Summe genau ist.

Schon bald geht es um die Verteilung der TV-Gelder in Höhe von insgesamt 4,4 Milliarden Euro ab der Saison 2021/22. Sie treten mit dem „Team Marktwert“ für eine gerechtere Verteilung auf der Basis mehrerer Säulen ein und sind mittlerweile Mitglied des DFL-Präsidiums. Mit welchen Vorstellungen gehen Sie in die anstehende Diskussion?

Wehrle: Das Team Marktwert existiert nicht mehr, das war damals eine Initiative bei der letzten Rechteperiode. Klar ist, dass wir über die Verteilung erst einmal intern im Präsidium sprechen. Das Ziel ist ein nachhaltiger Ansatz im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga. Wir brauchen Clubs, die international wettbewerbsfähig sind, und wir brauchen mehr Ausgeglichenheit im nationalen Wettbewerb. Dieses Spannungsfeld gilt es auszugleichen. Die Bundesliga muss den unsicheren Spielausgang wieder mehr in den Fokus rücken und deshalb die Grundsystematik der TV-Gelder-Verteilung hinterfragen.

Sie sprechen die Ausgeglichenheit einer Liga an, in der mit den Bayern der kommende Meister schon von vorneherein festzustehen scheint. Birgt Corona die Gefahr, dass die Schere zwischen Investoren geführten Clubs wie Hertha BSC und Mitglieder geführten Clubs wie dem 1. FC Köln weiter aufgeht?

Wehrle: Ja, es steht zu befürchten, dass die Investoren-Clubs in Corona-Zeiten mehr investieren, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Für Clubs ohne Investoren besteht eine gewisse Gefahr.

Welche unmittelbaren Corona-Effekte bekommt der FC zu spüren?

Wehrle: Uns sind von heute auf morgen die Zuschauereinnahmen weggebrochen, die für die Liquidität und Rentabilität voll eingeplant waren. Das beläuft sich bei fünf Heimspielen auf etwa neun Millionen Euro. Und es ist eine große Unsicherheit auf dem europäischen Transfermarkt zu befürchten. Möglicherweise gibt es auch Abstrahleffekte im Sponsorenbereich. Corona bleibt voller Unwägbarkeiten und die größte Herausforderung der Vereinsgeschichte.

Während des Lockdowns hat die DFL ihr eigenes Produkt angesichts der ausufernden Spielergehälter und immer höher werdenden Ablösesummen auch selbstkritisch beleuchtet und Wasser gepredigt. Angesichts der aktuellen Transferoffensive etwa in Richtung Kai Havertz sieht es aber so aus, als würde am Ende doch wieder Wein getrunken.

Wehrle: Nun, Kai Havertz wäre ja ein Abgang aus der Liga. Wir sind aber gut beraten, die Ansätze und die gesellschaftliche Debatte aus den Zeiten des Lockdowns im Fokus zu behalten. Mit Ablösen von 220 Millionen Euro wie bei Neymar verliert der Fußball auf Strecke den Fan. Wir müssen das aber im europäischen Kontext erörtern. Es darf keinen deutschen Alleinweg geben, denn die Bundesliga muss wettbewerbsfähig und attraktiv bleiben. Die Fans kommen auch ins Stadion, um mal einen internationalen Topstar zu sehen.

Ein großes öffentliches Thema ist auch der Gehaltsverzicht der Spieler. Beim FC gab es einen dreimonatigen Verzicht der Spieler bis zum 1. Juli. Müssen Sie noch einmal auf die Spieler zugehen und erneut über einen Verzicht sprechen?

Wehrle: Wir regeln diese Punkte weiter intern zwischen Management und Lizenzspielern und werden nach dem Urlaub mit den Jungs ins Gespräch gehen. Welche Ergebnisse diese Gespräche haben werden, wissen wir noch nicht genau. Wir müssen mehr über die Situation wissen, zum Beispiel, ob wieder Zuschauer zu den Spielen zugelassen werden oder wie sich der Transfermarkt entwickelt.

Glauben Sie, dass ab der neuen Saison wieder Zuschauer in die Stadien dürfen. Auf welchen Stand sind die Vorbereitungen?

Wehrle: Wir arbeiten seit Wochen an den Modellen. Es ist ein komplexes Thema. Wir haben alleine neun unterschiedliche Dimensionen für die Abstandsmessungen im Stadion. Es wird auf jeden Fall intelligente Möglichkeiten geben, um die Abstände einzuhalten. Wichtig ist auch, wie viele Zuschauer bei einer möglichen Teilöffnung rein dürfen und wie die Relation zwischen Public und Business sein wird. Ich wünsche mir auch bei einer Teilöffnung einen Stehplatzbereich im Rheinenergiestadion.

Die Gegebenheiten vor Ort sind in Bezug auf Stadion und Anreise sehr unterschiedlich. Die Clubs sind demnach deutlich mehr gefordert, als bei Planung und Umsetzung des schon umfangreichen Hygiene- und Sicherheitskonzepts für die Geisterspiele. Wie weit ist der FC in dieser Richtung?

Wehrle: Wir brauchen ein bundesweit einheitliches Konzept, dessen Vorgaben dann jeder Club mit der zuständigen lokalen Behörde adaptieren muss. Die DFL wird eine Teilöffnung genauso im Dialog mit der Politik vorbereiten und umsetzen wie die Geisterspiele. Wir dürfen die Gesundheit nicht gefährden. Ein Besuch im Stadion darf kein Superspreader-Event werden.

Haben Sie eigentlich mit den Kölner Sportstätten schon eine Einigung über eine Minderung der Stadionpacht für die fünf Geister-Heimspiele der Saison 2019/20 erzielt?

Wehrle: Wir befinden uns im Austausch, der aber noch nicht beendet ist.

Ein Problem des 1. FC Köln mit Blick auf die Finanzen und die kommende Saison ist der aktuell noch zu große Kader. Hat der FC einigen Spielern zu langfristige Verträge mit zu hohen Gehältern gegeben?

Wehrle: Pauschal kann man das nicht beantworten. Wichtig ist bei solchen Debatten immer, dass es zwei unterschiedliche Blickwinkel gibt: Den im Nachhinein und den zu dem Zeitpunkt, zu dem die Entscheidungen getroffen werden. In der Rückschau kann man Dinge immer anders beurteilen und natürlich erweisen sich Entscheidungen dann manchmal auch als Fehler. Niemand macht alles richtig, ich definitiv auch nicht. Aber in den konkreten Momenten haben wir aus meiner Sicht nachvollziehbar entschieden, mit Zustimmung aller zuständigen Gremien.

Sie stehen aber vor der Situation, den Kader, der ohne Neuzugänge noch 33 Spieler umfasst, verkleinern zu müssen. Wie sehen die Lösungen der Geschäftsführung aus? Gerade bei komplizierteren Fällen wie Marcel Risse oder Simon Terodde?

Wehrle: Zunächst einmal haben die Spieler bei uns Arbeitsverträge und die halten wir ein. Die Situation jedes Spielers ist individuell zu betrachten. Horst Heldt (Sportchef des 1. FC Köln, d. Red.) und Markus Gisdol (FC-Trainer, d. Red.) haben allen Spielern gegenüber eine klare Sprache. Jeder weiß, welche Möglichkeiten er für die neue Saison besitzt und kann erst einmal selber für sich entscheiden, was er möchte. Wir werden für viele Spieler Lösungen finden und unseren Kader verkleinern. Ich hätte nicht gedacht, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt schon so weit sind.

Muss der FC aufgrund von Corona auch seinen Etat für die kommende Saison niedriger ansetzen?

Wehrle: Wir wollen einen wettbewerbsfähigen Etat. Wettbewerbsfähig bedeutet, dass wir nächste Saison eine Chance auf den Klassenerhalt haben. Es kann auch sein, dass wir dabei den Etat reduzieren.

Welche Summe kann Horst Heldt denn im kommenden Transferfenster für neue Spieler ausgeben?

Wehrle: Horst Heldt kennt unseren finanziellen Spielraum. Den muss ich ihm jetzt nicht auch noch öffentlich übermitteln.