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Expertenanalyse: Der Fokus des 1. FC Köln liegt auf der Mannschaft

Expertenanalyse : Der Fokus des 1. FC Köln liegt auf der Mannschaft

Die FC-Verantwortlichen betonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass das Team als Ganzes und nicht Einzelspieler für den derzeitigen Erfolg verantwortlich sind. Kommunikationsexperte Christoph Bertling ordnet ein.

Der Erfolg beim 1. FC Köln trägt einen Namen: Modeste. Anthony Modeste. Zumindest in der Wahrnehmung zahlreicher Fans. Kein Wunder, der FC-Stürmer hat in dieser Spielzeit zwölf der 30 Kölner Tore erzielt. Und damit nur zwei weniger als zum gleichen Zeitpunk in der Spielzeit 2016/2017, als er die Geißböcke mit insgesamt 25 Toren Richtung Europa schoss. Der Franzose hat bereits neun Kopfballtreffer erzielt und befindet sich damit auf Liga-Rekordkurs.

Doch die Kölner Verantwortlichen wiederholen fast schon mantraartig, dass der Kölner Stürmer nur so gut sein kann, weil das Team es ist. „Tony macht, Tony tut, es ist trotzdem eine Mannschaftsleistung“, sagte FC-Trainer Steffen Baumgart nach dem 1:0-Erfolg über Stuttgart im Dezember. „Er krönt, was wir alle miteinander erarbeiten.“ Auch Thomas Kessler hob nach dem 3:1-Erfolg über Hertha BSC Mark Uth für die starke Flanke auf Torschütze Modeste hervor.

Das wiederholte Hervorheben der Mannschaftsleistung fällt auf. Nicht nur bei Modeste. Nach dem Erfolg über Berlin wurde Baumgart auf das neue Innenverteidiger-Duo Luca Kilian und Timo Hübers angesprochen. "Ich glaube, dass der Verbund passt und die ganze Mannsschaft funktioniert. Die beiden sind die, die den Ball in der einen oder anderen Situation retten. Das ist ihre Aufgabe", sagte Baumgart, und Kessler ergänzte am Montag: „Alles, was wir uns vorgestellt haben, hat die Mannschaft richtig gut umgesetzt. Und am Ende geht es halt bis zur letzten Kette.“ Auch Torschütze Jan Thielmann verdiente sich ein Lob, allerdings wies Kessler umgehend auf die Mannschaft hin. „Es ist nicht nur Jan. Wir leben davon, dass wir im Kollektiv erfolgreich und stark sind“, sagte der ehemalige Kölner Keeper.

Trainer schafft sich Kommunikationsspielräume

Die FC-Verantwortlichen werden nicht müde, die Stärke der Mannschaft zu betonen. Steckt System dahinter? Für den Kommunikationsexperten Christoph Bertling von der Sporthochschule Köln ist das zumindest denkbar. „Wenn man die Mannschaft in den Fokus stellt, kannst du viel mehr Angriffspunkte abfedern“, sagt Bertling. „Wenn beispielsweise Modeste plötzlich nicht mehr funktioniert, dann fokussiert sich die komplette Berichterstattung auf ihn. Wenn man sagt, er war aber nie der Star, dann könnte man ihn letztendlich in Schutz nehmen und sagen, das System hat nicht gut funktioniert, so konnte er ja nicht glänzen.“  Durch solche Äußerungen könne sich ein Trainer generell Kommunikationsspielräume verschaffen, meint der Experte.

„Es ist aber auch immer eine Sache der Perspektive. Für viele Kölner Fans ist Modeste nun mal der Star“, sagt Bertling. „Der Trainer sieht es aber wahrscheinlich anders. Vielleicht, dass Modeste nur so gut ist, weil die Mannschaft ihn so gut bedient. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte: Er kann nur Dank der Leistung seiner Mitspieler herausragen.“

Transparente Konkurrenzsituaion

Möglicherweise wollen die Kölner Verantwortlichen so aber auch das Wir-Gefühl innerhalb des Teams stärken. Denn die Mannschaft wirkt intakt. Auch hier betont der Kölner Trainer immer wieder, dass es nicht nur die erste Elf gebe. Baumgart holt auch die Spieler ab, die vermeintlich hinten anstehen, er motiviert sie. Ein gängiges Mittel: Klare Leistungsparameter. „Wenn ein Dauerreservist weiß, warum er auf der Bank sitzt und dass er selbst die Leistung nicht gebracht hat, um spielen zu können, vom Trainer aber die Chance bekommt, seine Leistung wieder zu bringen, dann kann er gut motiviert werden“, sagt Bertling. Ein Trainer könne so ein Gefühl von Fairness und Wertschätzung schaffen. „Damit schafft man eine Konkurrenzsituation, die transparent und nicht auf dubiosen Kriterien fußt.“

Ähnlich transparent ist Baumgart auch in der Causa Timo Horn vorgegangen. Beide Torhüter und auch das Team wurden frühzeitig über die Entscheidung in der Torwartfrage informiert. Während andere Trainer bis kurz vor Spielbeginn ein Geheimnis aus ihrer Aufstellung machen, erfuhr auch die Öffentlichkeit bereits zwei Tage vor dem Spiel gegen Hertha, wer in Berlin das Tor hüten sollte. Bertling findet die Vorgehensweise des Trainers professionell. „In der Torwartdebatte geht es ja eigentlich gar nicht so sehr darum, ob Marvin Schwäbe im Tor steht, sondern wie Timo Horn geschützt wird. Man kann ihn natürlich schützen, in dem man die Nachricht im Vorfeld veröffentlicht und damit die Luft zum Spieltag herausnimmt“, sagt der Kommunikationsexperte. „Hätte Schwäbe überraschend im Tor gestanden, hätte sich ein Großteil der Berichterstattung im Nachgang auf dieses Thema konzentriert. So hat der Trainer dem Ganzen die Aufregung genommen.“

Aufregung herrscht in Köln nach dem 3:1-Erfolg über die Hertha ohnehin nur im positiven Sinne. Die Euphorie vor dem Bayern-Spiel ist groß. Nach elf Jahren soll der erste Sieg über München gelingen – egal, ob der Star Modeste oder „die Mannschaft“ heißt.