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„Mucki“ Banach: Wie der verstorbene FC-Spieler zum Mythos wurde

Tod vor 30 Jahren : Wie FC-Spieler Maurice „Mucki“ Banach zum Mythos wurde

Er galt als großes Talent, war auf dem besten Weg Nationalspieler zu werden: Maurice Banach. Der Spieler des 1. FC Köln kam am 17. November 1991 bei einem tragischen Unfall ums Leben. Um ihn ist der Mythos „Mucki“ Banach entstanden.

Es ist einer dieser regnerischen Tage, die man London nachsagt. Wie dünne Bindfäden fällt der Regen. Usselig würde man in der Heimat in Köln sagen, in London eher unpleasant. Es ist früher Abend, als das Telefon in einem Vorort der englischen Metropole klingelt. Im Display: eine deutsche Nummer. Eine bekannte Nummer. „Jung, der Mucki ist tot“, sagt die vertraute Stimme. Es dauert einen Moment bis die Nachricht ihren Weg ins Verständnis findet. Mucki, Maurice Banach, ist an jenem 17. November 1991, heute vor 30 Jahren, gestorben. Die Worte des längst verstorbenen Großvaters sind noch immer präsent. Die Sportwelt steht an diesem Tag für einen Moment still. Es ist eine dieser Nachrichten, an die sich der Fußball-Fan ein Leben lang erinnern wird.

Einige Stunden zuvor warten die Spieler des 1. FC Köln vergeblich auf Nachricht. Sie warten auch auf Maurice, „Mucki“ wie sie ihn nannten, Banach. Der 24-Jährige hat den Abend mit seiner Frau Claudia in seiner Heimat Münster verbracht. Zuvor gab es noch eine bittere 0:3-Pleite gegen Schalke. Banach übernachtet bei seinen Schwiegereltern in Münster und wird zum Training erwartet. Doch der Stürmer kommt nicht.

„Da hast du schon ein mulmiges Gefühl gehabt“, sagte später Pierre Littbarski. „Wenn ein Platz in der Kabine leer bleibt.“ Die schreckliche Nachricht überbringt die Polizei Trainer Jörg Berger. Ob Maurice Banach zum Training erschienen sei, will der Beamte wissen. Als Berger verneint, schildert der Polizist seine Befürchtungen. Sie sollen sich bewahrheiten.

Ungeklärte Unfallumstände

Maurice Banach befindet sich in seinem Opel auf der A1 auf dem Weg zum Training. „Eigentlich wollte ich mit Mucki nach Köln fahren, aber er sagte zu mir: Bleib ruhig hier, wir sehen uns gleich wieder. Danach gab er mir einen Kuss“, sagte Claudia Banach-Weigl unlängst der „Bild“. Doch die beiden sehen sich nicht wieder. Banach kommt aus ungeklärter Ursache in Höhe Remscheid von der Fahrbahn ab, prallt gegen einen Brückenpfeiler, das Fahrzeug geht in Flammen auf. Banach hat keine Chance. „Ich konnte nichts mehr denken, war fassungslos, musste erstmal in die Kabine und mich sammeln", erzählte der mittlerweile verstorbene Berger später dem "Spiegel". Nach dem Training offenbarte der Coach seinem Team die schreckliche Nachricht. „Wenn man eine solche Nachricht erhält, erkennt man die Dimensionen außerhalb des Sports“, sagte Littbarski damals und nun der „Bild“: „Ich habe mich als Kapitän so hilflos wie noch nie in meinem Leben gefühlt. Meine Taktik war das Verdrängen, nur nicht drüber reden.“

Nicht nur der Kapitän steht unter Schock. Der gesamte Fußball ist gezeichnet. Die kommende Partie des 1. FC Köln gegen Dynamo Dresden wird abgesagt. Acht Tage zuvor wurde in Müngersdorf gespielt. Gegen den rheinischen Nachbarn aus Düsseldorf setzt sich der FC 4:1 durch. Zwei Tore erzielt Maurice Banach. Der FC verbessert sich auf den achten Tabellenplatz. Für Banach sind es die Saisontore neun und zehn. Nur einer ist bis dahin erfolgreicher vor dem Tor: Stéphane Chapuisat. Dennoch: Dem 24-jährigen Banach wird eine große Zukunft prophezeit.

Auf dem Sprung zur Nationalmannschaft

Maurice Banach wird im Oktober 1967 als Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen in Münster geboren. Sein Talent wird schon in Münster erkannt. Banach spielt in der Jugend für die Preußen, wechselt nach Dortmund und erhält mit 17 Jahren beim BVB bereits einen Profivertrag. Doch Banach kann sich nicht richtig durchsetzen. Im Sommer 1988 wechselt er nach Wattenscheid, wird Torschützenkönig der zweiten Liga und weckt Interesse. Für 1,2 Millionen D-Mark zieht es Banach weiter zum 1. FC Köln. „Man darf nicht vergessen, dass die Verpflichtung von Banach nicht von Beginn an glücklich war“, sagt Thomas Reinscheid, Chefredakteur des Fanzine effzeh.com und Co-Autor des Buches „Maurice Banach – Sie nannten ihn Mucki“. „Udo Lattek wollte eigentlich einen großen, teuren Namen verpflichten. Mucki kam eher so nebenbei. Und nach dem Uefa-Pokal-Aus gegen Bergamo wurde er von manchen Medien bereits als Fehleinkauf betitelt.“

Doch das Blatt wendet sich. In der ersten Spielzeit erzielt der Stürmer für den FC 14 Treffer und seine Art kommt gut an. Bei Fans und Spielern. Er wird als besonnen beschrieben, gilt in der Kabine aber gleichzeitig als Spaßvogel, Stimmungsmacher. Und: Banach spielt sich in den Fokus der Nationalelf. Zwar hat er mit Rudi Völler und Jürgen Klinsmann harte Konkurrenz, doch der damalige Bundestrainer Berti Vogts hat Banach auf dem Zettel.

Die unerfüllte Erfolgsstory vom Nationaltrikot, die tragische Geschichte auf der A1 spielen in den Mythos Banach ein. 18 Monate spielt der 24-Jährige für Köln, schießt weniger Tore als andere Torjäger und dennoch: Banach wird heute auf eine Stufe mit Littbarski, vielleicht auch einem Lukas Podolski gestellt. „In Köln spricht man ja gerne im Konjunktiv. ,Was hätten wir mit Mucki nur alles erreichen können’, wird da gesagt“, meint Reinscheid. „Der Verfall des FC zu Beginn der 90er Jahre hat den Mythos um Mucki sicherlich mit aufleben lassen. Sein Tod, genauso wie die Entlassung Daums. Bis dahin war der FC eine Top-Adresse in der Liga. Das wird oft mit dem Verfall gleichgesetzt. Dazu hat er natürlich als Strafraumstürmer seine Tore gemacht.“

Benefizspiel und Sondertrikot

Vor allem die Fans lassen den Mythos um Banach auch 30 Jahre nach seinem Tod weiterleben. Und Menschen wie Ex-Profi Andreas Gielchen. Der Wegbegleiter und beste Freund von Banach kämpft für die Familie des Verstorbenen, sammelt Spenden – unter anderem mit einem Sondertrikot. Unterschrieben von zahlreichen Prominenten – ehemaligen Wegbegleitern, der DFB-Elf, aktuellen Profis.

Im Sommer soll es vermutlich ein Benefizspiel geben. Denn der FC und die Familie Banach-Weigl haben sich nach einstigen Querelen wieder angenähert. Für seine Recherche sprach Reinscheid mit zahlreichen Weggefährten. „Mich hat überrascht, dass da nicht einer dabei war, der irgendetwas an Banach auszusetzen hatte. Egal, ob in Dortmund, Wattenscheid oder Köln“, sagt Reinscheid. „Das zeigt, wie präsent er ist.“ Und der Umstand, dass viele Fußballfans sich an den Tag der Todesnachricht noch erinnern können. Nicht nur in Deutschland.