FC-Gegner Union mit Interimstrainer Marco Grote: „Der 1. FC Köln juckt mich“

Köln · Der 1. FC Köln empängt am vorletzten Bundesliga-Spieltag Union Berlin. Die Kölner wollen ihre letzte Chance im Abstiegskampf nutzen. Doch Unions Interimstrainer Grote ist voller Zuversicht und will das verhindern.

Auf seine Dienste können die Kölner gegen Union Berlin vertrauen: Abwehrspieler Jeff Chabot (Mitte).

Auf seine Dienste können die Kölner gegen Union Berlin vertrauen: Abwehrspieler Jeff Chabot (Mitte).

Foto: dpa/Marius Becker

Die Eruption eines Vulkans wird landauf, landab gerne als Metapher verwendet für einen Menschen, der vor Energie zu bersten droht. Und wer die Pressekonferenz am Freitagmittag vor dem Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und Union Berlin einen Tag später (15.30 Uhr/Sky) verfolgte, konnte sich ein Bild davon machen, dass sich dieser Mann von nichts und von niemandem aufhalten lassen möchte. Ungebremste Lust und Laune verkörperte er, in dem es innerlich zu brodeln scheint. „Sie“, rief er den Journalisten zu, „sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Bock ich habe!“. Er pflasterte seine Ausführungen mit Begriffen wie „Energie“, „Vertrauen“, „Überzeugung“. Und noch mal: Überzeugung! Es wirkte, als wollte er alle Zweifel am Klassenerhalt gründlich ausräumen. Seiner „unfassbaren Freude“ gab er in einer kernigen Wortwahl Ausdruck. Es stecke eine „ganze Menge in mir drin“.

Er klang tatsächlich zweifellos überzeugt von seiner Mannschaft und davon, mit seiner Mannschaft seinen Auftrag zu einem glücklichen Ende zu führen. Auch der besonderen Konstellation, die ihn als Helden oder traurigen Gescheiterten ausweisen kann, will er keine unnötige Belastung zuschreiben. „Das ist die Geschichte vom 1. FC Köln, dass sie den Druck haben, dass sie das Spiel gewinnen müssen. Wir wollen es ja auch gewinnen“, sagte der Trainer, der selbstredend nicht Timo Schultz heißt. Ein Zeitgenosse, der sehr offensichtlich von anderem Geblüt und Gemüt ist. Selbst wenn Marco Grote (51), in Bremen geboren, als Norddeutscher eher nicht im Verdacht steht, von einem heißblütigen Temperament begleitet zu werden, vermittelte er doch genau das Gegenteil.

Union könnte mit Sieg in Köln nicht mehr direkt absteigen

Er ist bei Union Berlin angetreten, die Mannschaft vor der Degradierung in die Zweitklassigkeit zu bewahren. Wie Schultz in Köln. Und wie es ausschaut, sind die Chancen dafür deutlich erhöht im Gegensatz zum Kontrahenten vom Rhein, dem nur ein Sieg die Chance auf den Ligaverbleib erhält. Bei jedem anderen Ausgang der Partie stünden die Kölner nach dem SV Darmstadt 98 als zweiter Absteiger fest. Mit einem Sieg in Müngersdorf könnten ihrerseits die Köpenicker die Mission schon einen Spieltag vor Ultimo zu einem erfolgreichen Ende führen. Im Zuge dieser Ausgangssituation halten die Berliner, die Grote nun als Nachfolger für den geschassten Nenad Bjelica wie im November (nach Urs Fischer) nun zum zweiten Mal interimistisch betreut, die Trümpfe in der Hand. „Es ist seit Wochen alternativlos“, sagte Schultz am Freitag in der kölschen Version der Frage-und-Antwort-Runde, „dass wir gewinnen müssen. Jetzt ist es tatsächlich ein Endspiel, um uns ein weiteres zu holen.“

Nein, der Typ Vulkan ist der stets gelassen wirkende Friese gewiss nicht. Was nichts daran ändert, dass seine Herangehensweise ebenso zielführend sein kann. Allein, die Aussichten sind überaus begrenzt. Selbst bei einem verpflichtenden Heimsieg müssten die Kölner eine Woche später beim 1. FC Heidenheim einen weiteren Sieg folgen lassen und sind dann auf entsprechende Resultate der Konkurrenten angewiesen. Die Kölner müssen hoffen, dass Mainz 05 (gegen Dortmund und in Wolfsburg) und Union (zum Abschluss gegen Freiburg) nicht mehr punkten. Im Falle der Mainzer aufgrund des deutlich besseren Torverhältnisses gegenüber dem FC. „Mutig bleiben“ wolle man, sagte er, und „das Spiel gewinnen“. Mit dieser wöchentlichen Litanei versucht Schultz nun seit seiner Arbeitsaufnahme beim FC im Januar, seine Gefolgschaft zu begeistern, allein die Umsetzung wies doch einige Mängel auf. Seit dem Glücksmoment gegen Bochum (2:1) ist die Schultz-Elf in vier Spielen sieglos geblieben und hat gegen die Abstiegskonkurrenten Darmstadt (0:2) und Mainz (1:1) nur einen Punkt von insgesamt sechs in dieser Phase geholt. „Offensiv zu Werke gehen“, so lautet die Forderung von Schultz, der auf die Langzeitverletzten Davie Selke und Luca Kilian sowie die erkrankten Leart Pacarada und Dejan Ljubicic verzichten muss. Was bleibt ihr auch anderes übrig, so dicht vor dem Abgrund.

Pacarada und Ljubicic fehlen

Zwar kommt Schultz nicht mit der vulkanischen Attitüde daher wie sein Amtskollege Grote, doch ist auch ihm bewusst, welche Faktoren am Samstag einen großen Stellenwert einnehmen. „Energie und Freude“, das hat er, der sich in dieser entscheidenden Phase selbst als angespannt wahrnimmt, zumindest bei seinen Spielern im Training entdeckt. Nur der Transfer auf das Pflichtprogramm misslingt zu häufig. Die Harmlosigkeit und fehlende Gier vor des Gegners Tor sind schon die ganze Spielzeit ein unliebsamer Begleiter der Kölner. Lediglich 24 Treffer in bislang 32 Spielen sind beschämend. Die Hoffnung auf Besserung ist bislang stets erschüttert worden. Doch ist sie das Einzige, was bleibt. Und daher bemüht Thomas Kessler eine weitere Metapher, die die Lage beim FC gut auszudrücken vermag. „Vielleicht“, sagte der Leiter der Lizenzspielerabteilung, „ist es wie mit der Ketchup-Flasche, auf die man immer draufhaut und irgendwann alles rauskommt“. Sorge sei jedoch, betont der Ex-Torhüter, in so einer Situation kein guter Wegbegleiter.

Was am Ende in dieser Saison rauskommt, kann niemand mit Gewissheit sagen. Erst recht nicht, ob Schultz im Abstiegsfall eine Zukunft hat in Köln. Dieses Thema will er im Moment nicht an sich heranlassen. Nicht jetzt, nach der Saison, da legt er großen Wert drauf, werde man „einen Strich machen und alles analysieren. Wir konzentrieren uns darauf, in der Liga zu bleiben.“ Ähnlich ist die Situation bei Union Berlin bezogen auf eine Weiterbeschäftigung des bisherigen U19-Anleiters Grote als Trainer der Profis. Seine Erwartungen? „Das juckt mich nicht, der 1. FC Köln juckt mich.“

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