„Das ist ein historischer Tag“ Freudentränen und riesige Party: Bayer 04 Leverkusen feiert den Meistertitel

Leverkusen · Leverkusen feiert nach dem 5:0-Erfolg über Werder Bremen vorzeitig den Meister-Titel. Doch der Triumph ist erst der Anfang – Xabi Alonso und sein Team haben noch größere Ziele im Blick.

Xabi Alonso wird bei der Pressekonferenz nach dem Spiel von seinen Spielern mit Bier übergossen.

Xabi Alonso wird bei der Pressekonferenz nach dem Spiel von seinen Spielern mit Bier übergossen.

Foto: AP/Martin Meissner

Schwer gezeichnet saß Reiner Calmund tief eingesunken in einem roten Sofa in den Katakomben der Bayarena und gab ein Interview. Der 5:0-Erfolg von Bayer Leverkusen gegen Werder Bremen und die damit verbundene Freude und Erleichterung hatten sichtbare Spuren hinterlassen bei dem 75-Jährigen, der fast 30 Jahre die Geschicke des Clubs als Funktionär maßgeblich mitbestimmt hat. Doch über das Vize-Triple in Fußball-Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League im Jahr 2002 war er nie hinausgekommen. Es war also wenig verwunderlich, dass er diesen Abend auf der Stadiontribüne als wertvollsten seiner größten Fußballmomente einstufte – und dabei Tränen in den Augen hatte. Schließlich hatte Bayer Leverkusen soeben seinen ersten Meistertitel in der 120-jährigen Vereinsgeschichte gewonnen.

Nicht minder bedeutungsvoll sortierte der ehemalige Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Wenning, der inzwischen Vorsitzender des Gesellschafterausschusses ist, den Erfolg ein: „Heute schaut die gesamte Fußball-Welt auf Bayer 04 Leverkusen. Das ist ein historischer Tag: für die Mannschaft, für den Verein, für die Fans und für die gesamte Stadt. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich bin sehr glücklich, dass wir das geschafft haben“, sagte er in der Mixed Zone gegenüber dem GA.

Bei vielen der Bayer-Spieler war die Bedeutung des Moments in diesem Augenblick vermutlich noch gar nicht so richtig ins Bewusstsein gesickert. Eine Gruppe um Jonathan Tah und Florian Wirtz plante viel profanere Dinge. Bewaffnet mit überdimensionalen Biergläsern trommelten sie das Team zusammen, um dann in Richtung Pressekonferenz zu schleichen. Dort überraschten sie ihren Trainer Xabi Alonso und übergossen ihn mit dem Gerstensaft – mindestens zum zweiten Mal an diesem Abend, nachdem sich der Spanier zuvor auch schon in der Kabine mit Bier hatte duschen lassen und sich ein neues Meister-T-Shirt hatte überstreifen müssen. Alonso ließ das typische Ritual über sich ergehen – und gab in seinem völlig durchnässten Shirt grinsend zu: „Es ist kalt.“

Bier und Pizza mit den Familien

Es folgte eine riesige Party, zunächst mit den Fans im Stadion, dann mit den Familien bei Bier und Pizza. Danach ging es noch an einen zumindest für Leverkusens Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes unbekannten Ort. „Allzu lange habe ich nicht geschlafen. Ich hatte eine kurze Nacht, war aber nicht als Letzter im Bett“, sagte Rolfes am Morgen danach, die Spieler seien noch weitergezogen, als er sich verabschiedete. Der Club hatte laut Rolfes nichts vorbereitet, weil die Leverkusener gewinnen mussten, um den Triumph schon am 29. Spieltag perfekt machen zu können. „Wir haben noch Ziele vor uns, die große Feier wird es nach dem Pokal geben. Gestern war es eher spontan, aber das sind ja oft die schönsten Feiern“, sagte der 42 Jahre alte ehemalige Profi.

Besonders beeindruckt hatte Rolfes dabei der Auftritt von Florian Wirtz, der auch abseits des Feldes glänzte. „Als wir mit den Fans gefeiert haben, da hat er mehr gesungen und geredet als manchmal in der Kabine“, erklärte der Sport-Geschäftsführer. Der Jung-Nationalspieler war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Leverkusen schon gegen Werder alles klarmachte. Nach den Treffern von Victor Boniface (25., Foulelfmeter) und Granit Xhaka (60.) schoss der zur Halbzeit eingewechselte und dann überragende Joker Wirtz (68./83./90.) die Fans in den siebten Fußball-Himmel. Völlig euphorisiert stürmten sie beim letzten Treffer des 20-Jährigen den Platz, sodass sich Schiedsrichter Harm Osmers veranlasst sah, die Partie abzupfeifen und die Titelfeier beginnen zu lassen.

Titelhunger noch nicht gestillt

Meistermacher Alonso, dem die Stadt Leverkusen die Ehrenbürgerwürde verleihen und eine Straße, einen Platz oder einen Weg nach ihm benennen will, erteilte seinen Spieler zwar die Erlaubnis am Sonntag und Montag richtig zu feiern, richtete den Blick aber auch schon auf die weiteren Titelchancen. „Es ist toll, deutscher Meister zu sein“, sagte der 42-Jährige auf der Tribüne der Bayarena zu den jubelnden Fans. „Aber wir wollen mehr. Wir wollen auch den Pokal und die Europa League.“ In das DFB-Pokalfinale gegen den Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern (25. Mai) geht Bayer Leverkusen als klarer Favorit, und im Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League hat die Werkself am Donnerstag bei West Ham United (Hinspiel 2:0) beste Chancen auf die nächste Runde.

Und deswegen soll es die offizielle Feier mit Meisterschale für die seit nunmehr 43 Pflichtspielen ungeschlagene Bayer-Elf erst am 26. Mai geben – dem Tag nach dem Pokalfinale. Dann vielleicht mit zwei weiteren Trophäen.

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