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Bundestrainer Joachim Löw benennt Aufgebot für die Europameisterschaft

Bundestrainer benennt sein EM-Aufgebot : Löw nominiert letztmals EM-Kader

Joachim löw nominiert zum letzten Mal seinen EM-Kader – 13 Jahre nach seinem ersten großen Turnier als Bundestrainer. Wie immer wird es Überraschungen geben. Rio-Weltmeister Thomas Müller erhält wohl einen Platz im EM-Kader.

Die historische Bergsteigerkluft stand ihm gut. Die noch pechschwarzen Haare präzise in der Mitte gescheitelt, das Seil lässig um den schlanken Körper gewickelt, mit der Spitzhacke die Richtung anzeigend: nach oben. Neben Joachim Löw die Kraxler seiner Zeit: Michael Ballack und Philipp Lahm, dem Blick des Bundestrainers über die Berggipfel aufmerksam folgend. Das Werbeplakat sah tatsächlich schick aus – dass sich die schlauen Köpfe in den Kreativstuben des DFB ordentlich Gedanken gemacht hatten, war gleich zu erkennen. Und kurz vor der EM 2008 in Österreich und der Schweiz spiegelte es ja auch das Credo der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wider: Bergtour 2008.

Dass die Präsentation des EM-Kaders tatsächlich auf der Zugspitze, in einer noblen gläsernen Panorama-Lounge zelebriert wurde, rundete das Bild des „Hochhinauswollens“ trefflich ab. Löw beschäftigte sich damals mit seiner ersten großen Meisterschaft als Cheftrainer der deutschen Mannschaft. Die Kaderbekanntgabe auf dem höchsten Berg des Landes liegt nun exakt 4752 Tage zurück, wenn der Immer-noch-Bundestrainer an diesem Mittwoch wieder zur Verkündung schreitet vor seinem siebten und letzten Turnier als Boss.

Der 61-Jährige wird wieder einige Überraschungen aus dem EM-Zylinder zaubern. So wie 2008, als er in Marko Marin, Oliver Neuville und dem Kölner Patrick Helmes gleich drei Zweitligaprofis in den vorläufigen Kader hievte. Dieses Mal läuft coronabedingt alles eine Nummer kleiner ab, weniger pompös, dafür virtuell. Auf Löws Liste sollen, wie der „Kicker“ berichtet, 40 mögliche Fahrer stehen, die auf ihre Reiseerlaubnis durch Europa hoffen. 26 Spieler darf das Aufgebot umfassen. Gut möglich allerdings, dass der Badener auch mehr Spieler castet, denn den endgültigen Kader muss der DFB erst am 1. Juni dem europäischen Verband Uefa übermitteln. „Wir haben alles, was möglich war, noch mal überprüft“, sagte Löw kürzlich. Namen nannte er keine. Der DFB kündigte vorsorglich schon mal einige „Überraschungsgäste“ an. Wir stellen die Kandidaten vor…

Torwart: Manuel Neuer wird bei der EM im Tor stehen. Das ist so sicher wie der Wechsel der Jahreszeiten. Sein Vertreter sollte Marc-André ter Stegen sein, der seine Rolle als Vertreter langsam leid ist. Doch selbst vertreten darf er nun nicht mehr. Eine Knie-OP hindert den früheren Gladbacher daran zu versuchen, bei der EM an Neuer vorbeizukommen. Damit sind die Positionen hinter der Nummer 1 vergeben: Der Frankfurter Kevin Trapp ist nun eine zuverlässige Nummer 2. Und Bernd Leno von Arsenal, der ohnehin aus England Ansprüche auf einen EM-Platz angemeldet hatte, wird wie 2016 bei der EM im deutschen Reisetross sein.

Abwehr: Irgendwie ist Philipp Lahm noch immer sehr präsent, wenn es um die Nationalmannschaft geht. In jedem Turnier-Aufgebot wünscht man sich den Rio-Weltmeister, der in seinen 113 Länderspielen 112 Mal Weltklasse verkörperte – und einmal einfach nur klasse war: gleich, ob hinten links, hinten rechts, zentral davor. Selbst seinem langjährigen Kollegen Neuer hätte der Cheforganisator der Heim-EM in drei Jahren dank seiner Sprungkraft Konkurrenz machen können. So geht es schon lange auf den Außen zu wie auf einem Verschiebebahnhof, wobei die Protagonisten gerne noch einige Schippen Kohle drauflegen könnten. Die Kandidaten für links: Marcel Halstenberg, Robin Gosens, Philipp Max. Zuletzt versuchte sich dort Emre Can. Der Dortmunder kann auch links wie rechts oder zentral, ist aber leider nicht ganz so weltklasse wie Lahm. Einen Kaderplatz erhält er dennoch. Zuletzt war Löw auch wieder mal in dem Stadion seiner Heimat in Freiburg zu sehen. Es ist zu hören, dass Christian Günter, pfeilschneller Linksfuß und Torschütze gegen Meister Bayern, auf seiner Liste stehen soll. Auch die Suche auf der anderen Seite hat Löw noch nicht abgeschlossen. Der rasante Lukas Klostermann ist ein sicherer Kandidat. Hoffnungen darf sich auch der Leipziger Benjamin Henrichs machen. Der Wolfsburger Ridle Baku würde der Gruppe der Überraschungsgäste angehören. In der Innenverteidigung führt kein Weg vorbei an Antonio Rüdiger. Sehr gute Chancen haben daneben Niklas Süle und Matthias Ginter. Auch der nach England zu Leeds ausgewanderte Robin Koch hat nach seiner Verletzung Ansprüche angemeldet. Kein Platz dürfte dann für Jonathan Tah sein. Auch eine Begnadigung von Weltmeister Jerome Boateng ist nicht zu erwarten. Ganz anders als bei Mats Hummels, der sich, weniger schnell als Günter, als Cheforganisator dem Löw’schen Kader angenähert hat.

Mittelfeld: Große Verblüffung würde es nicht mehr auslösen, sollte der listige Müller, Thomas mit seinen dünnen Hax’n nicht doch noch durch die EM-Tür schlackern. Der Vorlagen-König der Bundesliga hat sich, wenn man so will, selbst in den Kader assistiert. Die „Bild“-Zeitung jedenfalls berichtet, dass der 31 Jahre alte Münchner nach seiner unwürdigen Ausbootung 2019 die Rückkehr-Papiere bereits in Händen hält. Löw muss ja nun keine Rücksicht mehr nehmen auf das vom DFB geforderte Konzept, eine junge Mannschaft mit Perspektive für die nächsten beiden Großturniere (WM 2022, EM 2024) zu formen. „Nur die Leistung zählt“ – an seinen eigenen Leitsatz kann sich Löw nun ohne große Gedankenexperimente halten. Von der Leistungsstärke her darf es kein Vertun geben, dass einige Etablierte nicht von zu vielen Überraschungsgästen an den Rand gedrängt werden: Die Anführer Toni Kroos, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Ilkay Gündogan sind fest eingeplant. Der Gladbacher Florian Neuhaus hat gezeigt, dass er eine gute Ergänzung ist. In der Offensive lässt Löw die Hightec-Flitzer Leroy Sané, anders als bei der WM vor drei Jahren, und Serge Gnabry von der Leine, womöglich auch den kleinen Dribbler Amin Younes (alle drei könnten auch unter der Rubrik Angriff stehen). Zudem hat sich BVB-Kapitän Marco Reus nach Hunderten Verletzungen mal wieder rechtzeitig vor einem Turnier in eine tadellose Form gebracht. Er dürfte eine Chance erhalten, sollte er sich nicht wieder kurz vor einem Turnier verletzen. Als DFB-Randgestalten sind erstmal andere in der Verlosung: Mahmoud Dahoud, Florian Wirtz, Maximilian Arnold, Jonas Hofmann, Nadiem Amiri, Lars Stindl, Jamal Musiala und selbst 2014er Weltmeister Julian Draxler.

Angriff: Dass Miroslav Klose seinen Abschied von den Bayern gerade verkündet hat, sollte nicht zu der Hoffnung verleiten, er konzentriere sich jetzt ausschließlich auf die Nationalmannschaft. So gut Löw einen solchen Weltklassestürmer in seinem Team gebrauchen könnte: Klose ist 42 und seit dem WM-Titel 2014 ein DFB-Klose a.D. Timo Werner ist zwar ein sehr guter Nationalspieler, aber eben kein reiner Strafraumspieler mit einer gewissen Durchschlagskraft auch beim Kopfball. Einen solchen Stürmertypen gibt der erweiterte Kader nicht her. Werner ist gesetzt, könnte aber auch unter der Rubrik Mittelfeld auflaufen. Abgeschrieben ist auch Luca Waldschmidt noch nicht, im Gegensatz zu Kevin Volland.