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Streit im Profifußball: Der Aufstand der Ultras

Streit im Profifußball : Der Aufstand der Ultras

Mit Schmähplakaten gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp verschafften sich einige Fan-Gruppen zuletzt Gehör. Dabei geht es ihnen eigentlich nicht um Beleidigungen, sondern um Protest gegen die Kommerzialisierung und Kollektivstrafen.

Rauchschwaden ziehen Richtung Nachthimmel, gelb-orange beleuchtet von einem grellen Feuerherd. Vermummte Gesichter, aggressive Drohgebärden, einheitliches Gegröhle. Dazu Banner, auf denen in großen Lettern Beleidigungen stehen, ein Konterfei in einem Fadenkreuz. Eine Machtdemonstration. Wöchentlich, in vielen Stadien der Republik.

In Sinsheim gibt es vor zwei Wochen auch ein anderes Bild: Zitternd steht Dietmar Hopp am Spielfeldrand. In seinem Gesicht sind Fassungslosigkeit, Unverständnis, Traurigkeit abzulesen. Die Spruchbänder einiger Bayern-Fans, die ihn als „Hurensohn“ bezeichnen, treiben dem Mehrheitseigner der TSG 1899 Hoffenheim Tränen in die Augen. Neben ihm will Karl-Heinz Rummenigge seinem zutiefst getroffenen Freund beistehen. Mehrfach greift der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München nach Hopps Hand. Allein, Hopp will nicht Händchen halten und weicht dem Griff des Bayern-Bosses geschickt aus – es ist das Sinnbild für missverstandene Solidarität und übertriebenen Aktionismus an diesem Nachmittag in Sinsheim.

Tiefen Graben vor Augen geführt

Denn was im Nachgang zu den Schmähplakaten gegen Hopp beim Fußball-Bundesligaspiel der Hoffenheimer gegen die Bayern an verbalen Geschützen von Rummenigge und später vielen anderen Funktionären aufgefahren wird, hat den tiefen Graben, der die Fans auf der einen und Verbände und Clubs auf der anderen Seite seit Jahren entzweit, eindrucksvoll vor Augen geführt – und weiter vertieft. Von einer überschrittenen roten Linie und hartem Durchgreifen gegen die Verursacher ist da die Rede. Und von einer inhaltlichen Verbindung zwischen den Fadenkreuzplakaten gegen Hopp und dem rechtsmotivierten Terroranschlag von Hanau.

Bei vielen Fans treffen die harten Aussagen auf Unverständnis. „Bei Rassismus im Stadion passiert nichts. Aber wenn ein reicher weißer Mann beleidigt wird, steht ein Spiel vor dem Abbruch und alle brüllen nach Repressalien. Das ist für viele schwer nachzuvollziehen“, erklärt Felix Tamsut. Der 33-jährige Journalist berichtet seit Jahren für die Deutsche Welle über die Ultra-Szene. Zudem ist er selbst Fan des 1. FC Köln und bei rund 60 Spielen im Jahr im Stadion.

Deutliches Zeichen gegen Diskriminierung gesetzt

Gerade die unterstellte Verbindung der Hopp-Aktion zu Hanau sei den Fußballfans übel aufgestoßen, erklärt Tamsut, habe doch die Ultra-Szene viel für die Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung auf den Tribünen getan. So wurde beispielsweise 2014 die Münchner Schickeria mit dem Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ausgezeichnet. Die Gruppe habe ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung gesetzt, hieß es, nachdem die Ultras mit verschiedenen Aktionen an die Geschichte des ehemaligen Bayern-Präsidenten Kurt Landauer erinnert hatten.

Landauer war im zweiten Weltkrieg von den Nazis verfolgt worden. Weitere Ultra-Gruppen distanzierten sich im Laufe der Jahre immer wieder von rechtem Gedankengut. „Ich bin Jude aus Israel. Wenn ich höre, was in den 80er und 90er Jahren in den Stadien gesungen wurde, wäre ich da sicher nicht ins Stadion gegangen“, sagt Tamsut. Und fügt an: „Dank der Ultras gibt es solche Gesänge heute nicht mehr.“

Ein ambivalentes Bild

Es ist ein ambivalentes Bild, das die Ultras abgeben. Für einen Großteil der Öffentlichkeit stehen die Gruppierungen für Gewalt, Aggressivität, gezeichnet durch Platzstürme oder Aktionen wie den Marsch Dresdener Fans 2017 Richtung Karlsruher Wildparkstadion, gehüllt in militärähnliche Uniformen. „Das ist aber kein einheitliches Bild“, sagt Andreas Buderus, ehemaliger Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans. „Die Ultras sind nicht zwangsläufig die bösen Schläger, vor allem nicht in der Wahrnehmung der eigentlichen Fans.“

Tatsächlich gibt es zahlreiche Ultras mit akademischem Abschluss. Viele der Gruppierungen engagieren sich für soziale Einrichtungen, setzen sich für Bedürftige ein, sammeln Spenden. Die Choreos lassen sie sich mitunter sechsstellige Beträge kosten. „Das ist zum Teil wie in einem Karnevalsverein“, sagt Buderus. „Die Mitglieder treffen sich mehrfach in der Woche, sie basteln und arbeiten an ihrer Choreografie.“ Viel Aufwand für viel Ertrag, nur nicht immer in der gewünschten Wahrnehmung. „Der DFB vergisst oft, dass sie ein Teil des Gesamten sind“, sagt René (Name geändert), ein Fan, der der Ultra-Szene nahesteht. „Immerhin helfen sie mit ihren bunten Aktionen bei der Vermarktung des Produktes, das der DFB verkaufen will.“

Zwei Gesichter

Vermarktung, bunte Aktionen – was sich so friedlich anhört, hat aber auch ein anderes Gesicht. Es gibt handfeste Auseinandersetzungen. Anfang Februar 2020 lauerten Schalker Ultras ihren Rivalen aus Dortmund vor deren Räumlichkeiten auf. Es kam zu einer wilden Massenschlägerei. 2015 stürmten vermummte FC-Anhänger den Rasen des Gladbacher Stadions. Nun sorgen die Schmähplakate beinahe für einen Spielabbruch und maximale mediale Aufmerksamkeit. Es sei das „hässliche Gesicht des Fußballs“, sagt Rummenigge.

Auch die an den Hopp-Beleidigungen beteiligten Münchner Fangruppen Schickeria und Red Fanatics haben sich in Statements zu Wort gemeldet. Man sei „vor allem von den undifferenzierten und völlig überzogenen Reaktionen auf allen Ebenen entsetzt“. Es sei „schlichtweg schwachsinnig“, eine bloße Beleidigung „mit rassistisch motivierten Taten zu vergleichen“.

Vielmehr geht es um einen Protest gegen Kollektivstrafen durch den DFB, wie sie vor kurzem gegen die Fans von Borussia Dortmund ausgesprochen wurden. Weil dort Hopp auf Plakaten in einem Fadenkreuz gezeigt wurde, dürfen die BVB-Anhänger zwei Jahre lang nicht zu Spielen nach Hoffenheim reisen. „Ultras identifizieren sich zu 100 Prozent mit ihrem Verein. Sie würden alles für ihn geben“, sagt René. „Nimmst du ihnen den Besuch im Stadion, nimmst du ihnen ein Teil des Lebens. Zumal es bei den Kollektivstrafen viele Unschuldige trifft.“

800 Millionen für gute Zwecke gespendet

Drastische Worte und der Stein des Anstoßes. Ein Stein, der wie ein ins Wasser geworfener ungeahnte Kreise zieht. „Und plötzlich solidarisieren sich Fangruppierungen, die sich eigentlich spinnefeind sind“, sagt Buderus. Die aktuellen Beleidigungen treffen in erster Linie Dietmar Hopp. Den Mann, der nach eigenen Angaben rund 800 Millionen Euro für gute Zwecke gespendet hat, der einer ganzen Region ein sportliches Gesicht gegeben hat. Auch an diesem Nachmittag in Hoffenheim.

Hopp wird als „Hurensohn“ beschimpft, sein Konterfei steht im Fadenkreuz. Mal wieder. Seit zehn Jahren gibt es das Plakat. Mal wird es in Dortmund gezeigt, mal in Gladbach, mal von den Union-Fans. Das hat einen Grund. Dietmar Hopp ist für viele Fans das Gesicht der Kommerzialisierung. Der Milliardär führte die TSG innerhalb weniger Jahre von der Kreis- bis in die Bundesliga. Eigentlich legt die 50+1‑Regelung fest, dass ein Investor keinen Einfluss auf einen Verein ausüben darf. Das tut Hopp und hat es immer getan. Der Groll gegen den Milliardär hatte sich in den vergangenen Jahren ein wenig Richtung RB Leipzig verlagert.

Juristische Konsequenzen

Doch durch die Inbetriebnahme von Richtmikrofonen lenkte der 79-Jährige den Fokus wieder auf sich. Hopp machte so Ultras ausfindig, die ihn beleidigten, und zog juristische Konsequenzen. So schaukeln sich die beiden Seiten aufs Neue auf. Der Protest gegen die Kollektivstrafen findet auch in den Anfeindungen gegen Hopp seinen Ausdruck. In Dortmund, Köln oder München. „Es geht in erster Linie darum, sich Gehör zu verschaffen“, sagt René.

Seitens ihres Clubs drohen den Mitgliedern der beiden Münchner Ultragruppierungen harte Strafen. Das hat Rummenigge angekündigt und davon gesprochen, man wolle „dieses hässliche Gesicht vom FC Bayern nicht mehr wiedersehen“. Den Hardlinern im deutschen Fußball spricht er damit aus dem Herzen. Sie fordern seit Langem ein viel härteres Durchgreifen der Verbände und Clubs gegen Fans, die über die Stränge schlagen, vor allem in Sachen Gewalt und Pyrotechnik.

Doch die Realität sieht anders aus. „Es haben sich bislang wenige Vereine gewagt, gezielt einzelne Ultra-Gruppen auszuschließen“, sagt ein Insider. Zwar werden Stadionverbote gegen Einzelpersonen ausgesprochen, aber Repressalien gegen Gruppierungen blieben bislang aus. Möglicherweise fehlt Vereinsverantwortlichen der Mut, gegen die eigenen Fans vorzugehen, zielführend wäre es ohnehin nicht.

Farbenfrohe Choreografien

Dazu ist die Position der Ultras, die oft hunderte Mitglieder haben, in den Clubs zu stark. Sie erstellen die farbenfrohen Choreografien, mit denen auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) gerade im Ausland gerne für die Bundesliga wirbt, und sie sorgen für die tolle Stimmung in den Kurven. „Die Aktionen der Ultras haben für die Vereine doch einen erheblichen kommerziellen Effekt“, sagt Buderus. „In welchem Werbetrailer kommen denn keine Choreo-Bilder oder Aufnahmen von Bengalos vor. Diese Bilder sollen die gute Stimmung in den Stadien widerspiegeln.“ Die Vereine profitieren also von den „bunten“ Bildern. Und die gute Stimmung, die von den Gruppierungen ausgeht, hat wiederum Einfluss auf die Zuschauerzahl. „Die echten Fußballfans wollen doch kein Familienfest. Sie wollen den Fußball spüren, ihn erleben. Für die Vereine ist das Festhalten an den Ultras also ein ökonomisches Eigeninteresse“, sagt Buderus.

Zudem haben diese Gruppierungen häufig enge Kontakte zu den Spielern und auch zu Vorstandsmitgliedern. Vereinzelt sollen Clubvertreter auch Angst vor körperlicher Gewalt durch Ultras gegen sie haben. Der Fanbeauftragte des 1. FC Köln, Rainer Mendel, wurde 2017 von Kölner Ultras bedroht. Auf einem Banner stand: „Mendel, deine Tage sind gezählt“. Gerade deshalb würden auch aus Angst Beschlüsse, die in den Gremien des DFB und der DFL gemeinsam mit den Clubs getroffen werden, auf Vereinsebene selten umgesetzt, erklärt der Insider. „Alle fordern, dass DFL und DFB etwas tun müssen, aber selbst wollen sie sich die Hände nicht schmutzig machen“, sagt er. In Köln stimmt das nicht ganz. So wurde den Boyz nach dem Platzsturm 2015 der Fan-Status entzogen. Seit 2016 hat es im Rheinenergie-Stadion keine Choreo mehr gegeben.

Szene ist ersetzbar

Es ist aber auch kein Zufall, dass ausgerechnet der FC Bayern den Hopp-Skandal zum Politikum macht. Nur wenige andere Clubs in Deutschland können und werden es sich leisten, gegen die eigene Ultra-Szene in solch massiver Art vorzugehen. Die Bayern-Bosse wissen aber genau, dass sie die frei werdenden Plätze auf der Südkurve problemlos füllen werden. Die Allianz-Arena ist seit Jahren in jedem Spiel ausverkauft, tausende Fans stehen auf den Wartelisten. In München ist die Szene schlichtweg ersetzbar. Bei anderen Clubs hingegen ist die Furcht vor leeren und emotionslosen Rängen zu groß, da die tolle Stimmung auf der Fantribüne auch andere Zuschauer anlockt. Auch deshalb wird es, trotz großer Reden und vollmundiger Ankündigungen, kaum eine ligaweite Haltung geben.

Zumal der ökonomische Aspekt nur ein Grund für die Macht der Ultras ist. „Die sind in ihren Gruppen nicht nur sehr gut organisiert, sie sind auch extrem vernetzt“, sagt Buderus. „Und sie wollen mitentscheiden. Die machen Politik. Wenn sie eine klare Meinung zu einem Punkt haben, dann wird es für den Verein schwer, etwas anderes durchzusetzen.“ Über die politische Macht der Ultras sprach auch Kicker-Redakteur Frank Likesch im Doppelpass von Sport1. „In Nürnberg gibt es Aufsichtsräte, die werden nur gewählt, wenn sie die Ultras hinter sich haben“, sagt der Reporter. „Zu den Mitgliederversammlungen kommen 600 bis 700 Leute, 200 bis 300 davon sind Ultras. Wenn du die nicht auf deiner Seite hast, kommst du nicht ins Gremium. Solche Dinge müssen aufhören. Die dürfen nicht diese Macht haben.“

In Nürnberg kommt es an diesem Wochenende zu einem Eklat. Auf weißen Flyern und Stickern steht mit schwarzen Lettern: „Wann trennt man sich endlich von solchen Anti-Fußballern, welche auch noch ihren eigenen Verein an andere Ex-Vereine verkaufen, wenn die genug bezahlen. Muss es erst einen zweiten Fall Escobar geben?“ Eine Anspielung auf die Hinrichtung des kolumbianischen Fußballspielers Andres Escobar, der nach einem Eigentor bei der WM 1994 auf offener Straße erschossen wurde. Das hässliche Gesicht des Fußballs ist um eine Facette reicher – eine Morddrohung. Allerdings wohl nicht von Seiten der Ultras. Die helfen aktiv bei der Beseitigung der Aufkleber.