Kommentar zum Fußball in China Der lange Marsch

Meinung | Bonn · China lockt Fußballer mit Rekord-Gehältern ins Reich der Mitte. Was dahinter steckt und warum es vorerst nicht funktionieren kann, erklärt GA-Redakteur Gert auf der Heide.

Früher war es so: Wenn ein Fußballprofi langsam behäbiger wurde, wechselte er in die Schweiz, um dort einen gut gepolsterten sportlichen Vorruhestand zu verbringen. Später lockten einige Scheichtümer mit unmoralischen Gehältern, und aktuell drehen die Chinesen durch. Der Argentinier Carlos Tevez soll bei Shanghai Shenhua künftig 40 Millionen Euro pro Jahr verdienen und damit womöglich mehr als Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo in Spanien. Was ist da los?

Die Fußballbegeisterung in China wird von oben verordnet. Von ganz oben. Staatspräsident Xi Jinping ist ein glühender Fan und will es nicht länger hinnehmen, dass sein Land in der Weltrangliste irgendwo zwischen den Kapverden und Ruanda mäandert. Deshalb verankerte er Fußball im Bildungswesen und lässt im ganzen Land 20 000 Fußball-Internate entstehen. Eines nicht gar so fernen Tages, so will es Xi Jinping, soll China Weltmeister sein.

Die Club-Bosse der Erstligisten spielen das Spiel mit. Sie holten Stars wie Hulk, Oscar und Tevez oder Trainer wie Scolari, Eriksson und Magath. Warum? Weil viele aus der Immobilienbranche kommen und sich staatliche Aufträge erhoffen.

Man kennt so etwas aus China: Know-how einkaufen, kopieren, besser machen. So wurde das Riesenreich zum Weltmarktführer für Hochgeschwindigkeitszüge oder Solarmodule. Beim Fußball wird das nicht so holzschnittartig funktionieren.

Weil 22 Mann auf dem Platz stehen und der Fuß ungeschickter ist als die Hand, stellt Fußball ziemlich hohe Anforderungen. Das lernt ein Land nicht "mal eben so" auf Anordnung des Staatspräsidenten. So etwas muss wachsen und braucht länger als einen chinesischen Fünfjahresplan. Außerdem erschweren Größe und Unwegsamkeit Chinas die Talentsichtung. Von fehlenden Trainern und lückenhaftem Spielbetrieb ganz zu schweigen.

China mag den Transfermarkt verrückt machen können. Eines Tages vielleicht sogar noch mehr als England. Bis das Land der Tischtennisspieler aber FußballWeltmeister wird, fließt noch viel Wasser den Jangtse hinunter. Oder im Jargon der chinesischen Parteikader: Es ist ein langer Marsch.