Glänzender Sieg zum EM-Auftakt DFB-Team weckt die Euphorie im Land

München · Die deutsche Nationalmannschaft beeindruckt zum Start gegen Schottland. Die jungen Wilden Wirtz und Musiala zaubern. Nur einer gibt den Mahner.

Einer der „Zauber-Zwillinge“: Florian Wirtz bejubelt seinen Treffer zum 1:0 gegen Schottland.

Einer der „Zauber-Zwillinge“: Florian Wirtz bejubelt seinen Treffer zum 1:0 gegen Schottland.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Auf dem Rasen ist er mit seinen spindeldürren Haxen schon auf Pfaden gewandelt und in Räume vorgedrungen, die der Menschheit bis dahin verschlossen geblieben waren. Meistens hat Thomas Müller dann am Ende dieser Pfade einen Raum entdeckt, in dem er den Ball laut Regelwerk und irgendwie – und sei es mit dem Hintern – seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt hat: im Tor zu landen. Obgleich immer in München geblieben, hat er in der Welt des Fußballs so viel Neues entdeckt und erlebt wie einst der große Seefahrer Magellan.

Dass der Müller, Thomas jedoch ein besonderes Verhältnis zu großen Wassern hat, ist bislang nicht bekannt, doch in München, ja, da kennt er sich aus. Im Speziellen natürlich in der Münchner Arena, wo der bekennende Urbayer nicht nur jeden Grashalm mit Vornamen kennt, sondern ebenso die verschlungenen Wege im Bauch, bis hin zur sogenannten Mixed-Zone. Umso überraschter wirkte er, als er dort, wo die Fußballer in der Regel Aug‘ in Aug‘ mit den Reportern plaudern, in einer exponierteren Stellung zu Wort kam. Bei seiner Ankunft staunte er, „eine neue Situation hier“, entfuhr es ihm nach dem berauschenden 5:1-Auftaktsieg gegen Schottland, denn die Uefa hatte für Ordnung sorgen wollen in diesem ansonsten wilden Gerangel um Antworten und drei Rednerpulte installiert, die für die Fußballer über Stufen erreichbar waren. Dort stand ein Mikrofon bereit. „Wie der Bundeskanzler“ fühle er sich, hatte eben noch Kai Havertz gesagt, ehe Müller seine Rede an die Nation hielt.

Müller hält Rede zur Nation

Er tat dies wie gewohnt als Spaßminister, dafür blieben ihm nach Uefa-Vorgaben jedoch nur schmale drei Minuten Zeit, dann ermahnte der Verbandsoffizielle ohne einen Anflug von Humor: „Ladies and Gentlemen, one last question“, was die Medienmenschen nur dazu animierte, in einem babylonischen Sprachgewirr Müller noch mehrere letzte Fragen entgegenzuschleudern. Und der Redewillige und -gewaltige setzte sein berühmtes von Ohr-zu-Ohr-Grinsen auf und sagte lachend: „Wow, wow! Das ist ja fast ein Bieterverfahren hier“, um dann als Fachmann nachzuschieben: „Eine Pferdeauktion.“ Müller kennt sich schließlich nicht nur aus in der Welt Münchens und des Fußballs, sondern auch in der der Pferde. Er ist Pferdezüchter, dem mit seiner Frau Lisa ein Gestüt gehört, auf dem auch Turnierpferde ausgebildet werden.

„Last question, please!“, mahnte der Uniformierte also, was einen wie Müller natürlich nicht davon abhalten lässt, eine Redezeitbegrenzung einzuhalten. Er trat dabei als Mahner und Warner auf nach einem Spiel der DFB-Elf, das zu einer reichlichen Portion Euphorie angetan schien. „Dieses Emotionsgedusel“ sagte Müller gleichwohl, lese sich immer „ganz nett, aber es trägt dich keiner durchs Turnier“. Mit diesem öffentlichen Hinweis trat der 34-Jährige in Konkurrenz zu Bundestrainer Julian Nagelsmann, der vor der zweiten Partie am Mittwoch gegen Ungarn wenig Sinn darin erkannte, „jetzt viel zu bremsen“.

Schwierige deutsche Spiele nach Auftaktsieg

Doch Müller, der Altgediente, erinnerte an unliebsame Erlebnisse bei großen Turnieren. Am Ende seiner ersten WM 2010 war er zwar Torschützenkönig (neben anderen), aber auch um die Erfahrung reicher, dass eine gute Ouvertüre noch längst keinen guten zweiten Akt nach sich ziehen muss. Das hatte die deutsche Mannschaft erlebt in Südafrika, als sie zwar schlussendlich Dritte wurde, aber nach einem 4:0 zum Start gegen Australien ein 0:1 gegen Serbien folgen ließ. Und selbst als das DFB-Team 2014 als Weltmeister aus Brasilien zurückkehrte, hatte es ein 2:2 gegen Ghana im Gepäck, nachdem es zuvor ein ganz herrliches 4:0 gegen Portugal gegeben hatte.

So wiederholte er in München, es gehe nicht um Gefühle, „es geht um Punkte“. Um dann eine gelungene Schlusspointe zu setzen. „Wir hatten immer tolle Gefühle, aber dann haben wir gegen Ghana 2:2 gespielt.“ Einen Vorteil erkannte er dann aber doch in dem Hoffnung stiftenden Auftaktsieg, und Müller offenbart nicht nur als Fußballer und Pferdezüchter gehobene Qualität, sondern auch in der Kunst der Mathematik. „Dadurch, dass du das erste Spiel gewonnen hast, bist du noch im Turnier, nachdem du das zweite verloren hast.“ Das sei ein Unterschied.

Spielerische Glanzmomente gegen Schottland

Für diese Gewissheit zeichnete auch Musiala in höchstem Maße verantwortlich. Er war die treibende Offensivkraft in einer kompakten Mannschaft voller treibender Offensivkräfte wie sein Zauber-Zwilling Florian Wirtz, wie Ilkay Gündogan, die vorne in Kai Havertz den passenden Spielkameraden gefunden haben. Voller Freude betrachtete Nagelsmann seine tüchtige und glanzvolle Gemeinschaft, in der kein Spieler abfiel (außer Manuel Neuer, der keinen Ball halten musste). „Es ist schon wertvoll, dass nicht nur einer die Blumen heute kriegt“, sagte er „sondern wir das verteilen können.“

Gerade aber die beiden blutjungen Hochbegabten Musiala und Wirtz (beide 21 Jahre) entglitten ihren Gegenspielern immer wieder wie nasse Seife. „Sie haben gezeigt, dass sie nicht nur vom Potenzial her kommen, sondern dass sie auch Macher sind“, sagte Pferde- und Spielerflüsterer Müller. Tatsächlich hatten sie nicht nur spielerische Glanzmomente kreiert, sondern mit den ersten beiden Treffern auch den Sieg in die Wege geleitet. Für Top-Joker Niclas Füllkrug, der neben Havertz (Elfmeter) und Emre Can die weiteren Treffer beisteuerte, sind sie „Unterschiedsspieler“.

Nagelsmann warnt vor Ungarn

Müller hatte da schon den nächsten Auftritt gegen Ungarn am Mittwoch im Blick, das ominöse zweite Spiel. Wie sein Trainer, der warnte vor dem Gegner, der nach 14 Spielen ohne Niederlage gegen die Schweiz (1:3) überraschend konfus wirkte. In den Ungarn erkennt er dennoch einen „unangenehmen Gegner, schwer vorzubereiten“. Und „schwer zu packen“ seien sie, „da sind viele Freigeister unterwegs“.

Man darf annehmen, dass sich Musiala mit dieser Causa noch nicht so eingehend beschäftigt hat wie sein Anleiter. Doch sprach der als „Man of the Match“ ausgezeichnete Münchner aus, was sich wohl alle wünschen, die es mit der Nationalmannschaft halten: „Hoffentlich kommen noch mehr solcher Momente.“