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Löw-Nachfolger steht fest: Hansi Flick unterschreibt Vertrag

Nachfolger von Joachim Löw steht fest : Hansi Flick wird neuer Bundestrainer

Der Vertrag beim DFB ist unterschrieben: Hansi Flick soll als Bundestrainer die Fußball-Nationalmannschaft zurück an die Weltspitze führen.

Nun verhält es sich ja nicht so, dass Hansi Flick überhaupt keine Erfahrung hätte in verantwortlicher Position als Bundestrainer. Dass mehr oder weniger aber auch der Zufall mitspielte, als er 2008 für ein Spiel die Nationalmannschaft als Chefchoreograf betreute, ist auch ein Teil der Wahrheit. Sein damaliger Chef Joachim Löw hatte sich verzogen hinter eine Glasscheibe in eine Loge des St. Jakobs-Parks in Basel. Vermutlich hat Flick die lustigen Bilder gar nicht live vor Ort mitbekommen, als sich Löw vor lauter Aufregung dort eine Zigarette ansteckte. Da der Immer-noch-Bundestrainer aber im Viertelfinale der EM seinerzeit gesperrt war, durfte er weit abseits des Rasens ordentlich Dampf ablassen. Denn seinen Job an der Seitenlinie übernahm Flick, den er zwei Jahre zuvor nach der märchenhaften Heim-WM als seinen Assistenten installiert hatte.

Bierhoff voll des Lobes über Flick

Schon damals wusste Flick zu überzeugen. Dank des 3:2 gegen Portugal zog die deutsche Mannschaft ins Halbfinale ein, und Flick hinterließ der Fußball-Nation eine hundertprozentige Ausbeute. Der „Jogi“ hinter Glas hatte da ja schon längst erkannt, dass er sich zu jeder Zeit auf einen Fachmann wie ihn verlassen konnte. Einen, der die Journalisten in seiner Zeit als Coach des damaligen Süd-Regionalligisten TSG 1899 Hoffenheim seriös zurückrief, hatten sie ihm eine Nachricht auf Band gesprochen. Von seiner Verlässlichkeit profitierte auch Löw ungemein, der in Flick seinen wichtigsten Helfer fand auf dem Weg zum WM-Titelgewinn in Brasilien. In solche Sphären soll Flick, 56, nun den deutschen Fußball zurückführen: in seiner Funktion als Bundestrainer. Am Mittwoch vollzog er den Schritt, den alle erwartet hatten, mit seiner Vertragsunterschrift beim DFB. Sein Kontrakt läuft bis einschließlich der Heim-EM 2024. „Er stand von Anfang an ganz oben auf meiner Wunschliste“, betonte der „stolze“ DFB-Direktor Oliver Bierhoff. „Wir haben ein großes gemeinsames Ziel: zurück an die Weltspitze.“ Bierhoff lobte Flicks „menschliche und fachliche Qualitäten“. In seiner Zeit bei Bayern habe er zudem gezeigt, „wohin er eine Mannschaft als Cheftrainer führen kann“: zu sieben Titeln.

Diese Entwicklung als verantwortlicher Meistertrainer war so nicht absehbar. Angefangen hatte es für den früheren Profi (Bayern, Köln) als Spieler beim beschaulichen BSC Mückenloch, „Müggeloch“, wie die Mückenlocher selbst sagen, und auch als Trainer fing er in kleinen Schuhen an. Seine erste Station: FC Victoria Bammental. Nun tritt er nach der EM das schwere Erbe Löws beim krisengeplagten DFB an. Richtige Flickarbeit. Dennoch: Seine Vorfreude sei riesig, sagte Flick, denn er sehe „die Klasse der Spieler, gerade auch der jungen Spieler in Deutschland. So haben wir allen Grund, die kommenden Turniere, zum Beispiel die Heim-EM 2024, mit Optimismus anzugehen“.

Als oberster Trainer Deutschlands war er lange kaum vorstellbar. Der Hintergrund, so schien es, war der natürliche Lebensraum Flicks. Selbst auf Pressekonferenzen während des Turniers in Brasilien wirkte der gebürtige Heidelberger sehr zurückhaltend, wie jemand, der das erste Mal in der neuen Klasse an die Tafel muss. Nun jedoch ist die Häutung des in der Öffentlichkeit lange eher scheu daherkommenden Assistenten zu einem selbstbewussten, selbstsicheren Chef endgültig abgeschlossen. Da greift er auch schon mal zu groberem Sprachbesteck, um sich durchzusetzen – wie seine allerdings weniger kluge Aufforderung im Streit mit Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic belegt („Halt’s Maul!“).

Flick setzt auf Bayern-Block

Flick ist dabei, sein Profil zu schärfen. Damit hat er bei den Bayern angefangen, bei denen er vom Assistenten zum Cheftrainer aufstieg. Innerhalb kürzester Zeit hat er die Mannschaft sportlich sanft in die Spur geschubst. Er hat es geschafft, die Stars hinter sich zu bringen, hat eine neue Achse des Guten eingebaut ins System und den Spielern Selbstvertrauen geimpft.

Auch beim DFB wird er auf seine exzellente Verbindung zum Bayern-Block bauen können. Flicks Spielanschauung haben die Münchner wie Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller verinnerlicht. Leroy Sané bezeichnete Flick, der den Job als Bundestrainer den bei Real Madrid oder beim FC Barcelona vorgezogen haben soll, schon als „guten Fang“ für den DFB. Nicht weniger als acht Bayern-Profis zählen auch zu Löws Aufgebot für die EM (11. Juni bis 11. Juli).

Die Aufgabe beim DFB dürfte dennoch nicht leicht werden für Flick, der am 2. September in Liechtenstein beim Qualifikationsspiel zur Winter-WM in Katar erstmals als Bundestrainer auf der Bank Platz nehmen wird. Der scheidende Bundestrainer Löw jedoch traut sie ihm zu und bescheinigte seinem Nachfolger „hervorragende Voraussetzungen“, um sein Erbe weiterzuführen. Mit Flick beginnt eine neue Zeitrechnung beim DFB.

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sieht in seinem ehemaligen Angestellten sogar den „perfekten Trainer für die Nationalelf“. Da dürfte es Flick auch nicht demotivieren, dass er beim DFB weniger Gehalt erhalten wird als in München. Nach den Wünschen Bierhoffs soll er sich einbringen „als oberster sportlicher Kopf des Verbandes im Rahmen vieler weiterer Projekte und Initiativen unserer Direktionen, die alle Nationalmannschaften, die Trainerausbildung und die DFB-Akademie einschließen“.

Der oberste Kopf muss dabei den für die EM unterbrochenen Umbruch moderieren, junge Spieler zu Anführern ausbilden. Und was passiert mit den von Löw zurückbeorderten Routiniers Thomas Müller und Mats Hummels? Schickt er sie nach dem Turnier gleich zurück in den DFB-Ruhestand? Fragen, mit denen sich Hansi Flick zu beschäftigen hat. Spätestens jetzt.