Nach dem 7:1 im Test gegen Lettland ist Joachim Löw auf der Suche nach der idealen Aufstellung für den EM-Start gegen Frankreich : Arbeit am Detail

Es ging schon gegen Mitternacht, und die deutsche Mannschaft hatte ihre kleine Ehrenrunde längst hinter sich gebracht. Da kam ein Mann zu Wort, der gebrochen wirkte, wie jemand, der gerade nach einem fürchterlichen Ergebnis seine Entlassung ausgesprochen bekommen hatte. Die Journalisten aus Lettland hatten kein Mitleid mit diesem Mann, der nun zu erklären hatte, warum seine Mannschaft und er (am liebsten wäre er doch in Düsseldorf geblieben) mit diesem peinlichen Ergebnis zurück in das Baltikum reisen mussten.

Dainas Kazakevics, der traurige Trainer der lettischen Nationalmannschaft, erschien in diesem Moment wie das Ebenbild Luiz Felipe Scolaris, der als verantwortlicher Trainer vor sieben Jahren nach diesem unerbittlichen 1:7 eine Abbitte an das Volk geleistet hatte. Noch heute trägt Brasilien das Debakel gegen Deutschland im WM-Halbfinale als Trauma in sich. Das „sete a um“, mittlerweile im brasilianischen Sprachgebrauch eine Metapher für den größten anzunehmenden Unfall, empfinden sie da immer noch als nationale Schande.

Nun sind die Letten keine Brasilianer, wie es Franz Beckenbauer ausdrücken würde, aber ein 1:7 verursacht selbst im Land des Weltranglisten 138., gelegen zwischen Tansania und Myanmar, Schmerzen. So fand auch Kazakevics nach dem Spiel gegen die DFB-Elf nur eine Antwort, die alles erklären sollte: Wenn man nicht so hoch verlieren wolle, dürfe man nicht gegen einen solchen Gegner spielen.

Selbst wenn es gegenteilige Meinungen gab (Thomas Müller: „Das Ergebnis war nicht das Wichtigste“), einer konnte seine helle Freude an dem Spiel nicht verbergen, wohl wissend, dass die deutsche Mannschaft in der Weltrangliste 126 Ränge besser als Lettland gestellt ist. Was sollte er auch sagen? Für ihn sei es der perfekte Abend gewesen, äußerte Robin Gosens, er habe seine „erste Hütte geknipst – da ist mir schon einer abgegangen“.

Der 26-Jährige hatte seinen überzeugenden Vortrag auf der linken Seite mit seinem Debüttreffer für die deutsche Auswahl garniert. Mit beinahe italienischem Temperament verabschiedete sich der Bergamo-Profi von den Zuhörern der virtuellen Pressekonferenz. „Ciao“, rief er und: „buonasera“, nachdem er zuvor seine Eltern, seine Verlobte, seine Schwester und seine beiden besten Freunde begrüßt hatte, die auf der Tribüne unter den 1000 fröhlichen Zuschauern in Düsseldorf weilten.Nicht nur aus familiärer Sicht war es ein „besonderer Abend“ für ihn. Denn mit seiner Dynamik und seinem Vorwärtsdrang war er einer der Gewinner des Spiels und der bisherigen Vorbereitung. Nach langer Zeit ist da mal wieder einer aus dem Nest geschlüpft, der die linke Seite als sein Hoheitsgebiet betrachtet. Sein 1:0 gegen die Letten hatte er dort mit einem Doppelpass mit Kai Havertz eingeleitet. Und wenn nicht alles täuscht, hat sich auch der Chelsea-Star, angetreten mit dem Selbstverständnis des Champions-League-Siegers („Ich bin mit einem guten Selbstvertrauen angereist“), unentbehrlich gemacht für Löw. In der internen Rangordnung dürfte der Feingeist inzwischen an Leroy Sané vorbeigedribbelt sein. Nun wäre es ein Irrglaube, aus der Formation gegen die Letten im Hinblick auf den EM-Start gegen das wuchtige Frankreich mehr Gewissheit ziehen zu können als die Tatsache, dass ein 7:1 selbst gegen einen solchen Gegner Selbstvertrauen vermittelt. Denn Joachim Löw hatte ja im Zuge seiner Experimentierfreude gar nicht vor, ein feststehendes Ensemble gegen den Außenseiter einspielen zu lassen. Dennoch ließ die Aufstellung vermuten, dass sie mehr war als eine Versuchsanordnung. Es sah zumindest nach einem hübsch anzusehenden Entwurf aus, der mit der Dreierkette um den zentralen Mann Mats Hummels aufwartete.

Gosens war links davor platziert, auf die andere Seite verpflanzte der Bundestrainer Joshua Kimmich (Löw: „Das macht ja seine Klasse aus, sich sofort auf seine Aufgaben einstellen zu können“) aus der Mittelfeldzentrale, die dafür die spielstarken und erfahrenen Toni Kroos und Ilkay Gündogan bildete. Löws Plan sieht auch weiterhin vor, dass „um die Plätze gekämpft und der Konkurrenzkampf hoch gehalten wird“.

Er will die Woche bis zum späten Turnierstart des DFB-Teams nutzen, die passende Komposition zu finden. Löw befand in Düsseldorf: „Die Arbeit beginnt jetzt erst.“ Ins Detail wolle er jetzt gehen, für die Offensive sind die Erfordernisse klar. „Räume bespielen, Räume öffnen, Räume freimachen.“ Schließlich gebe es im modernen Fußball „eine unheimliche Raumknappheit“.

Manuel Neuer jedoch hat damit in der Regel weniger zu kämpfen als mit dem Gegentreffer gegen Lettland. Der Jubilar ärgerte sich in seinem 100. Länderspiel über diesen genauso wie Löw. Selbst wenn der Schuss selbstredend unhaltbar war, er regte sich darüber auf, als wäre es das Halbfinale in Belo Horizonte. „Das 7:1 gegen Brasilien“, sagte er später etwas zerknittert, „war ein bisschen schöner.“