EM-Nominierungen der Nationalmannschaft Witzig und clever oder Gift für die Stimmung?

Meinung | Bonn · Der DFB geht bei der Nominierung des EM-Kaders neue Wege. Über verschiedene Kanäle wird die Berufung einzelner Nationalspielers noch vor der Pressekonferenz am Donnerstag bestätigt. Witzig und clever, meint Marcel Wolber. Für Sebastian Siebertz ist es zu viel des Guten.

 Nominierung außen, Mehrkornbrötchen innen: Chris Führichs EM-Teilnahme wurde auf Tüten einer Bäckerei im Schwarzwald verkündet.

Nominierung außen, Mehrkornbrötchen innen: Chris Führichs EM-Teilnahme wurde auf Tüten einer Bäckerei im Schwarzwald verkündet.

Foto: dpa/Christoph Schmidt

Pro: Ein kluger Schachzug

Natürlich, die Art und Weise, wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gerade seinen Kader für die Europameisterschaft im eigenen Land scheibchenweise bekannt gibt, ist übertrieben. Gut gemeint, die Umsetzung: mit Luft nach oben. Der Nervfaktor, wenn man gefühlt alle halbe Stunde auf irgendwelchen Kanälen einen weiteren Spieler für den Kader genannt bekommt, ist hoch. Aber schiebt man das Wie mal an Seite, ist das Vorgehen des DFB ein cleverer Schachzug.

Zunächst einmal öffnet er die Tür zu einer neuen Art der medialen und öffentlichen Einbindung. Das mediale Interesse an der Kadernominierung bleibt über mehrere Tage hoch und wird gezielt gesteuert. Und das, wo es im Zeitalter der Schnelllebigkeit und der Flut von Informationen für Nachrichten eigentlich doch schwer ist, länger als nur einen flüchtigen Moment Aufmerksamkeit zu erregen. Der Fokus liegt schon Tage vor der eigentlichen Pressekonferenz mit Bundestrainer Julian Nagelsmann und vermutlich auch noch einige Zeit danach auf dem EM-Kader.

Fußball-EM 2024: Das ist der Kader der deutschen Mannschaft
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Das ist der EM-Kader der deutschen Mannschaft

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Doch es geht nicht allein um das mediale Interesse. Auch die 82 Millionen Bundestrainer und -trainerinnen in Deutschland haben ausreichend Zeit, lang und breit über den Kader zu diskutieren. Das fördert auch das Engagement der Fans. Und mal ehrlich: Dass die Tagesschau, Brötchentüten, Fußball-Influencer und Oma Lotti die Nationalspieler nominieren, ist irgendwie auch ein bisschen witzig. (Marcel Wolber)

Contra: Zu viel des Guten

Die Dosis macht das Gift – wäre Sepp Herberger Toxikologe gewesen, man hätte diese Weisheit wohl ihm zugeschrieben. Nun war Herberger Bundestrainer, ein erfolgreicher noch dazu, ein prägender zweifelsohne. Julian Nagelsmann hat als DFB-Coach noch viele Stufen vor sich, um diesen Status zu erreichen. Der 36-Jährige muss dabei einem Stolperstein ausweichen, den es zu Herbergers Zeiten noch nicht gab: die völlige Überfrachtung der Fußballfans.

Die Frage ist doch, ob die Fußball-Nationalmannschaft durch gezielte Aktionen mehr Aufmerksamkeit braucht. Die Antwort von Fans und Aktiven anderer Sportarten dürfte eindeutig ausfallen. Aber auch wenn man viel für Fußball übrig hat, gibt es insbesondere aktuell genug Gesprächsstoff: die Bayern in der Krise, die unbezwingbaren Leverkusener und der BVB als Königsklassen-Finalist.

Die einzelnen Aktionen zur Kadernominierung mögen witzig sein, der DFB läuft allerdings Gefahr, es mit der Dosis zu übertreiben. Schließlich wurde dieses Jahr neben dem Sportlichen auch schon über pinke Trikots, einen Ausrüsterwechsel und Nagelsmanns Zukunft debattiert.

Das eingangs erwähnte Zitat wird übrigens Paracelsus zugeschrieben. Jenem Arzt aus dem 16. Jahrhundert, nach dem heute Apotheken und Kliniken benannt sind. Angeblich soll er an einer selbst verabreichten Überdosis gestorben sein. Man kann nur hoffen, dass es dem DFB mit der EM-Stimmung nicht ähnlich ergeht.

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