"Pizza Endstatione" "Pizza Endstatione"

BONN · Der viermalige Weltmeister spielt selten brillant, aber sehr effektiv. Deutsche Schreckensbilanz

BONN. Es war nur eine kurze Handbewegung. Greg Dyke, Chef des englischen Fußballverbandes FA, fuhr sich während der Auslosung im brasilianischen Costa do Sauípe Anfang Dezember vergangenen Jahres mit dem Zeigefinger die Kehle entlang, als die Gegner von England bei der WM 2014 feststanden: Italien, Uruguay, Costa Rica - eine "Todesgruppe". Dazu passte der Spielort: Manaus liegt tief in der "grünen Hölle" des brasilianischen Regenwaldes.

Während die "Sun" in England auf ihrer Titelseite die Jesus-Statue von Rio zeigte und in großen Lettern die flehende Botschaft "Herr, hilf uns!" ins Land sendete, fielen die Reaktionen in Italien geradezu unaufgeregt aus. Gegner von Niveau, so der einhellige Tenor zwischen Mailand und Neapel, seien für die italienische Fußballerpsyche eher hilfreich.

Als Gedächtnisstütze erinnerten die italienischen Gazetten an alptraumhafte Begegnungen mit Exoten bei vergangenen WM-Turnieren. Wie 1966, als die "Squadra Azzura" nach ihrer frühen Rückkehr aus England am Flughafen mit einem Vitamin-Bombardement aus Tomaten und Südfrüchten empfangen wurde. Pak Do Ik hieß der Mann aus Nordkorea, der Italiens Heroen im Viertelfinale mit seinem Tor eine nie erlebte Schmach bereitete.

Oder 2010 in Südafrika, als der amtierende Weltmeister nach zwei Unentschieden gegen Paraguay und Neuseeland und einer Niederlage im Duell mit der Slowakei nicht einmal die Vorrunde überstand. Marcello Lippi, der Italien zum WM-Sieg 2006 in Deutschland geführt hatte, trat zurück. Cesare Prandelli übernahm - ein Glücksgriff des Verbandes.

Italien ist mit vier WM-Titeln (1934, 1938, 1982 und 2006) hinter Brasilien die zweitbeste Fußball-Nation der Welt. Doch im Gegensatz zu den Offensiv-Künstlern aus Südamerika basierte der Erfolg des italienischen Fußballs lange Zeit vor allem auf seiner schmucklosen Effizienz. Hinten der berüchtigte Catenaccio, ein fast unüberwindbarer Abwehrriegel, der dem Gegner jeden Spaß nahm, und vorne ein Angriff, der Tore fast aus dem Nichts schoss. Einmal in Führung liegend, bediente man sich dann ungeniert auch unkonventioneller Methoden. Das Zeitspiel-Repertoire der Azzurri schien so breit gefächert wie das Kultur-Angebot des Landes. Schauspielerische Einlagen und gestenreiche Diskussionen galten als probates Mittel, Minuten von der Uhr zu nehmen.

Prandelli hat der Nationalmannschaft einen neuen, erfrischenderen Stil verpasst - unitalienisch. Weg vom Catenaccio, hin zu einer überraschend offensiven Spielanlage. "Geht lachend auf den Platz, habt Spaß, keine Angst, seid mutig", predigt er seinen Spielern immer wieder. Die leisen Zweifel am "Offensiv-Irrsinn", die Italiens Medien hegten, sind längst verflogen. Prandelli hat Erfolg. Bei der EM 2012 stoppten erst die Spanier im Finale den Siegeszug der Italiener. Ihre taktische Brillanz bekam im Halbfinale auch die deutsche Mannschaft nachhaltig zu spüren. Im Duell der Trainer wirkte Joachim Löw gegenüber dem ausgefuchsten Prandelli wie ein Lehrjunge. Löws strategische Fehler hinterließen in seiner Trainer-Vita einige unschöne Kratzer.

Vielleicht sind es diese taktischen Defizite, die Deutschland seit 18 Jahren daran hindern, bei internationalen Turnieren einen Titel zu holen - oder überhaupt Angstgegner Italien Paroli bieten zu können. Acht Mal hat Deutschland bei einer WM oder EM gegen Italien gespielt, aber nie gewonnen. An der Qualität der Spieler kann es nicht liegen. Sieht man vom launischen Mario Balotelli, dem fast 35-jährigen Andrea Pirlo oder Mittelfeld-Kraftwerk Daniele de Rossi ab, hat Italien kaum Feldspieler von höchstem internationalen Format. Es sind andere Qualitäten, die die "Squadra" auszeichnen. Ein funktionierendes Kollektiv, ihre Anpassungsfähigkeit an den jeweiligen Gegner und die Fähigkeit, taktische Änderungen des Trainers während des Spiels schnell umzusetzen. Prandelli drückt es so aus: "Es gibt in jedem Spiel mehrere Spiele." Diese Variationsvielfalt bereitet auch großen Nationen Probleme.

Auf Italien würde Deutschland in Brasilien frühestens im Halbfinale treffen. In K.o.-Spielen bei Weltmeisterschaften ging immer Deutschland K.o., wie auch in der epochalen Schlacht mit fünf Toren in der Verlängerung 1970 in Mexiko. Nur einmal, bei der EM 1996, versperrte die DFB-Auswahl den Tifosi das Weiterkommen - mit einem auf italienische Weise schrecklich ermauerten 0:0 im letzten Gruppenspiel. Italien war 'raus. Ganz Mutige gingen, berauscht vom späteren EM-Sieg, im Deutschland-Trikot in die Pizzeria nebenan und bestellten eine "Pizza Endstatione." Auch wenn die Reaktion entsprechend heftig ausfiel: Wenigstens einmal schmeckte Schadenfreude süß wie prickelnder Lambrusco.

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