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Stratege im Mittelfeld: Warum Joshua Kimmich für die DFB-Elf unverzichtbar ist

Stratege im Mittelfeld : Warum Joshua Kimmich für die DFB-Elf unverzichtbar ist

Beim souveränen 3:0-Auftakterfolg in der WM-Qualifikation gegen Island glänzt Joshua Kimmich als Antreiber und Führungsspieler. Findet Toni Kroos bei der starken Mittelfeld-Konkurrenz noch einen Platz?

Lange nach Spielschluss zog die Stadionregie noch einmal alle Register. Es war kurz vor Mitternacht, und durch die menschenleere Arena in Duisburg dröhnte die Titelmelodie der schnurrigen 60er Jahre Hit-Filme um den Apachen Winnetou. Dass solch dezente Klänge bei Joshua Kimmich Gehör finden und er sich geradewegs in die Welt der Cowboys und Indianer zurückversetzt fühlt, ist unwahrscheinlich. Er bevorzugt die schnelleren Beats des Hip Hop. Dennoch ist davon auszugehen, dass der Nationalspieler aus München die Geschichte des edlen Indianer-Häuptlings kennt und sie durchaus einen Reiz auf ihn ausübt; seine eigene Geschichte als aufstrebendes Stammesoberhaupt schreibt er schließlich gerade selbst.

Im mitteleuropäischen Stamm der deutschen Fußballer hat sich Kimmich zum Anführer aufgeschwungen: mit Ehrgeiz, Wissbegierde, Lerneifer. Nicht nur im WM-Qualifikationsspiel gegen Island (3:0) hat er noch einige wertvolle Eigenschaften mehr offenbart. Kimmichs Kampfkraft verschmilzt mit ausgeprägter Technik und Übersicht vorbildlich zu einer omnipräsenten Führungsfigur. Er fordert die Bälle, behauptet sie, verteilt sie. Übernimmt Verantwortung, so wie es dem jungen Mann mit dem Einser-Abi-Schnitt von Hause aus mitgegeben war. Nicht nur bei diesem souveränen Erfolg gegen die angeblich angsteinflößenden Nordmänner.

Gegen Island kam der 26-Jährige bereits zur Pause auf 91 Pässe und damit auf einen Pass mehr als die gesamte gegnerische Mannschaft (am Ende stand der Spiel-Bestwert von 163). Bemerkenswert an der Seite Ilkay Gündogans, noch so eine Passmaschine, der auch bei Manchester City seine Qualitäten fortwährend abruft. Gemeinsam mit dem ballsicheren, gleichwohl wuchtigen Leon Goretzka bildeten die beiden gegen Island die Grundsubstanz des deutschen Spiels. Mit einem engen Geflecht aus Aberhunderten messerscharfen Pässen ließen sie dem Gegner keinen Raum zur Entfaltung.

Löw bezeichnet Mittelfeld als "Herzstück"

Kimmich tat sich zudem als Ausgangspunkt der ersten beiden Treffer, beide Folge rasanter Kombinationen, durch seinen Clubkollegen Leon Goretzka (3.) und Kai Havertz (7.) hervor. Und spätestens nach diesen wenigen Minuten war die Partie von jeglichem Verdacht befreit, Kummer und Sorge für die deutsche Mannschaft bereitzuhalten.

Joachim Löw konnte den ersten Teil des als WM-Quali angelegten Testtriples für die EM im Sommer, zu dem Gündogan das dritte Tor beisteuerte (56.), genussvoll von außen betrachten. Sein Mittelfeld, das Experten als eines der besten, wenn nicht das beste Europas bezeichnen, sollte der Bundestrainer später als „Herzstück“ bezeichnen. „Das war ein Pfund für uns“, stellte Löw fest. „Alle drei waren extrem ballsicher und immer anspielbar. Sie haben die Angriffe initiiert, die es in der Enge des Mittelfelds gab.“

Vorarbeiter im deutschen Maschinenraum

Auch City-Profi Gündogan fühlte sich dort sichtlich wohl, obschon er von Münchnern quasi umzingelt war. Serge Gnabry und der wuselige Leroy Sané bildeten neben dem Ex-Leverkusener Kai Havertz die offensivere Ausführung. Freuen durften sich die Bayern zudem über einen Debütanten: Jamal Musiala lief nach seiner Einwechslung erstmals für das deutsche A-Team auf, für England darf er das jetzt nicht mehr.

Doch entscheidend haften blieb der starke Eindruck, den vor allem Kimmich hinterließ. Der „Babynator“, wie der „Stern“ ihn einmal nach einem überragenden Champions-League-Auftritt und der Geburt seines zweiten Kindes bezeichnete, verdiente sich als Vorarbeiter im deutschen Maschinenraum. „Er ist prägend für unser Spiel“, sagte Löw am Donnerstagabend. „Das ist ein Weltklassespieler.“ Dass dieses glänzende Urteil gar nicht ihn selbst betraf, sollte Kimmich nicht weiter irritieren. „Warum sollte Toni Kroos um seinen Platz fürchten müssen?“, stellte der DFB-Trainer nach dem Spiel leicht pikiert eine Gegenfrage. Muss also Kroos nun um seinen Platz fürchten? Leon Goretzka hatte immerhin „elf Jungs auf dem Platz gesehen, die richtig Bock haben“.

Situation wie bei der Reise nach Jerusalem

Dass der verletzt abgereiste Kroos seinen Status als Chefstratege abgeben und auf die Bank muss, ist in der Tat sehr unwahrscheinlich. Und dort beginnt Löws (Luxus)-Problem: Im Mittelfeld herrscht ein Überangebot, wie es sonst nur in Klopapierregalen vor der Pandemie der Fall war. Es ist ein bisschen wie bei der Reise nach Jerusalem, nur, dass es womöglich zwei Stühle zu wenig gibt. Eigentlich müsste das Dreigestirn aus dem Island-Spiel immer spielen, aber Kroos müsste ebenfalls spielen.

Und da gibt es ja noch einen weiteren Münchner, der mit seinen dünnen Wadln durch Löws Gedanken geistert: der Müller, Thomas. Eine Entscheidung über die Berufung des Weltmeisters von 2014 schiebt der Badener konsequent bis zur EM-Kadernominierung im Mai auf. Auch über eine mögliche Rückbeorderung Kimmichs auf den Posten des Rechtsverteidigers hat er noch nicht abschließend befunden. Verbindlichkeit besteht aber immerhin in einem Punkt: Einer wie Kimmich, der spielt immer.