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Annika Zeyen strebt Medaille bei Paralympics an

Bonner Handbikerin : Annika Zeyen strebt Medaille bei Paralympics an

Die Bonner Handbikerin Annika Zeyen steht vor ihren fünften Paralympischen Spielen. Nach drei Medaillen mit der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft will die ehemalige Monatssiegerin der GA-Sportlerwahl auch in der neuen Sportart Edelmetall holen.

Die Lust auf das Training war mit einem Schlag weg. In diesem Moment wollte Annika Zeyen einfach nur allein sein. Statt eine Einheit auf dem Handbike zu absolvieren, machte die Bonnerin einen Ausflug in die Natur. „Nachdenken“ und „verarbeiten“, erinnert sie sich knapp vier Monate später.

An eben jenem Tag, dem 24. März, hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgrund der Corona-Pandemie die Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele auf 2021 bekannt gegeben und so auch Zeyens Sportlerleben komplett auf den Kopf gestellt. „Es war ja abzusehen, dass in diesem Jahr die Spiele nicht stattfinden werden, und es ist meiner Meinung nach auch die einzig richtige Entscheidung“, sagt die 35-Jährige. „Trotzdem musste ich die Nachricht erst einmal sacken lassen.“

Keine zweite Karriere im Rennrollstuhl

Den ganzen Winter über hatte sie im Kraftraum und mit dem Handbike trainiert, um sich die Teilnahme an ihren fünften Paralympics zu ermöglichen. Bereits 2004, 2008, 2012 und 2016 war sie für Deutschland angetreten – damals allerdings noch für die Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft. Nach mehr als einem Jahrzehnt Leistungssport inklusive einer Goldmedaille bei den Paralympics in London (2012), zwei weiteren Silbermedaillen (2008, 2016) und zahllosen nationalen und internationalen Erfolgen entschloss sich Zeyen im Sommer 2016 dazu, eine andere Sportart auszuprobieren.

Nach den Spielen in Rio kehrte sie der Mannschaftssportart den Rücken zu und wechselte in die Leichtathletik zum Rennrollstuhl. Doch Zeyens Leichtathletik-Karriere war nur von kurzer Dauer. Eine Verletzung schränkte ihre Bewegungsfähigkeit ein, das Zurückführen des linken Armes hinter den Körper war nicht mehr möglich, sodass ein erneuter Sportarten-Wechsel vonnöten war. Ihr Trainer Alois Gmeiner schlug das Handbike-Fahren vor.

Ein Vorschlag, der – wie sich bald herausstellte – Gold wert war. Anfang 2019 startete Zeyen bei ihren ersten Rennen, um nur neun Monate später bei der WM im Para-Radsport im niederländischen Emmen zur großen Überraschung des gesamten Teilnehmerfelds den Weltmeistertitel im Straßenrennen zu gewinnen. Für diese Leistung wurde sie zur GA-Sportlerin des Monats September gewählt.

Im Handbike schnell weltklasse

Spätestens danach war klar, dass die Athletin der SSF Bonn nach ihrer Rollstuhlbasketball-Karriere auch im Handbike in der Weltspitze angekommen war. Eine Botschaft an die Konkurrenz, dass im Sommer 2020 in Tokio mit ihr als heißer Medaillenkandidatin zu rechnen war, und zusätzliche Motivation, in der Saisonvorbereitung alles für den Erfolg zu geben. „Das Training im Winter ist nicht immer angenehm, weil man viele Stunden drinnen auf der Rolle im Handbike verbringt“, sagt Zeyen. „Umso schöner war dafür unser zweiwöchiges Trainingslager auf Fuerteventura im März. Vor Ort haben wir damals auch noch nichts von den Corona-Beschränkungen mitbekommen.“

Das sollte sich allerdings schon bei der Rückreise am 15. März komplett ändern: Hohe Hygienemaßnahmen und gesperrte Duty-Free-Shops am Flughafen waren die Vorboten des einen Tag später angeordneten Lockdowns in NRW. Zeyen begab sich bei ihrer Arbeit beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) ins Home-Office, der Sportpark Nord als Trainingsstätte wurde geschlossen, kurz darauf wurden die Paralympics verschoben. „Ich habe dann viel auf der Straße trainiert, aber es war schon ein gehöriger Dämpfer für mich, als alle Wettkämpfe abgesagt wurden“, erinnert sich Zeyen. „Mittlerweile sind aber wieder Lichtblicke zu erkennen.“

"Motivation ist immer noch enorm hoch"

Ende August ist ein Höhentrainingslager in St. Moritz geplant, im November soll wieder auf Lanzarote geschuftet werden – mit einem neuen Ziel: Tokio 2021. „Die Motivation ist immer noch enorm hoch, und ich hoffe sehr, dass die Spiele nächstes Jahr stattfinden werden und dass ich teilnehmen werde“, sagt Zeyen. Mit welchem Ziel? „Da ich ja schon drei Medaillen gewonnen habe, kann ich nicht mit dem Motto ‚dabei sein ist alles‘ antreten. Sollte ich nominiert werden, möchte ich um eine Medaille kämpfen.“

Auf der letztjährigen Gala der GA-Sportlerwahl überreichte Annika Zeyen ihrem Trainer Alois Gmeiner die Auszeichnung zum Trainer des Jahres. Sollte die Bonner Ausnahmeathletin nach der coronabedingten Pause an ihre vorherigen Leistungen anknüpfen, könnte sie bei der nächsten Gala statt der Rolle der Überbringerin die der Empfängerin einnehmen.