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Als Bob Beamon 1968 in Mexiko zum olympischen Rekord sprang

Serie „Best of Olympia“ : Als Bob Beamon zum olympischen Rekord sprang

Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City fliegt Bob Beamon fast aus der Weitsprunggrube. Seine 8,90 Meter sind auch heute noch olympischer Rekord.

Den WDR-Hörfunkreporter Kurt Brumme haut es fast von seinem Platz im Olympiastadion von Mexiko-City. „Welch eine Weite! Das ist ja ungeheuerlich“, schreit er am 18. Oktober 1968 ins Mikrofon. Und die Gazetten weltweit überschlagen sich am nächsten Tag vor Superlativen. Vom Sprung ins nächste Jahrhundert, ja sogar ins nächste Jahrtausend ist da die Rede, von einem Rekord für die Ewigkeit.

Sie alle huldigen einem US-Weitspringer, der in der dünnen mexikanischen Höhenluft auf der Anlage gegenüber der Haupttribüne den bis dahin bestehenden Weltrekord verbessert hat. Er hat den bisherigen Rekord regelrecht pulverisiert, er ist in Sphären vorgedrungen, die kein Mensch je für möglich gehalten hat. Bob Beamon fliegt auf 8,90 Meter und übertrifft damit die alte Bestmarke seines Landsmannes Ralph Boston und des Armeniers Igor Ter-Owanesjan aus der damaligen Sowjetunion um 55 Zentimeter.

Einen Sprung, der nicht nur die Sportfans in aller Welt aus der Fassung bringt, sondern auch die Funktionäre und Verantwortlichen am Ort des Geschehens. Selbst die elektronische Messanlage macht nicht mehr mit. Angesichts der Tatsache, dass Beamon fast über den Rand der Weitsprunggrube hinaussegelt, versagt sie kurzerhand ihren Dienst und gibt auf.

Sechs Sekunden dauert der Flug des damals 22-jährigen US-Amerikaners in die Geschichtsbücher, bis er im Sand landet. Sechs Sekunden bis zur Ewigkeit ­– aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn bis endlich die 8,90 Meter auf der Anzeigetafel erscheinen, vergeht noch geraume Zeit. Es mögen fünf, zehn oder 15 Minuten sein – manche sprechen sogar von 20. Kein Wunder, denn die Kampfrichter müssen erst ein Maßband organisieren und die Weite von Hand nachmessen. Und das nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach, denn sie alle können nicht glauben, was ihnen die gute alte Messvorrichtung da gerade anzeigt. Doch es ist Realität:  8,90 Meter bei einem gerade noch zulässigen Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde bedeuten bis zum heutigen Tage immer noch olympischen Rekord, kein anderer Athlet sprang bei den Sommerspielen jemals weiter als Beamon.

Der Rekordhalter und Goldmedaillengewinner braucht freilich noch ein bisschen länger, um sich zu vergegenwärtigen, was er da gerade geleistet hat. Als die Weite angezeigt wurde, „konnte ich nichts damit anfangen; mit dem metrischen System war ich nicht vertraut. Erst als ich 29 Fuß und 2,5 Inches las, bin ich vor Freude zusammengesackt“, erzählte er vor einigen Jahren dem „Spiegel“ in einem Interview.

Auf der Rechnung hat den 22-Jährigen nicht zuletzt angesichts seiner privaten Probleme damals keiner. Gerade erst ist er von der Universität Texas-El Paso ausgeschlossen worden, weil er sich geweigert hat, für sein Uni-Team zum Wettkampf gegen die Brigham Young University aus Utah anzutreten, die aus seiner Sicht eine rassistische Politik vertritt. Auch seine Ehe ist erst vor Kurzem gescheitert.

In Mexiko-City übersteht Beamon die Qualifikation für das Weitsprung-Finale nach zwei ungültigen Versuchen nur dank seines Rivalen und amtierenden Weltrekordlers Ralph Boston. Dieser rät Beamon, seine Anlaufmarkierung um drei Fuß zurückzusetzen – und prompt schafft der angehende Olympiasieger mit 8,19 Metern den Sprung ins Finale. „Alles lief schief, also bin ich in die Stadt und habe mir einige Tequilas genehmigt“, berichtete Beamon in einem weiteren Interview über den Vorabend des Wettkampfes – nicht gerade die beste Vorbereitung auf einen olympischen Weitsprung-Endkampf. Doch der 22-Jährige belehrt alle Kritiker eines Besseren: Gleich im ersten Versuch segelt er auf die neue Weltrekordweite. Boston indes, der in der Qualifikation mit 8,27 Metern Olympiarekord gesprungen war, wird schließlich im Finale mit 8,16 Metern Dritter hinter Klaus Beer aus der DDR mit 8,19 Metern.

Die 8,90 Meter bleiben indes ein „One-Hit-Wonder“. Nie mehr kommt Beamon danach an seine historische Glanzleistung heran. Er wechselt zunächst zum Basketball, ein Comeback in der Leichtathletik scheitert, später wird er Trainer. 1983 wird er in die US-amerikanische Olympic Hall of Fame aufgenommen. Den Weltrekord hat er mittlerweile verloren. 1991 übertrumpft ihn sein Landsmann Mike Powell in Tokio mit 8,95 Metern.