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Die Ringe-Bewegung: Als Tauziehen noch olympisch war

Die Ringe-Bewegung : Als Tauziehen noch olympisch war

Die Ringe-Bewegung nimmt bei den Olympischen Spielen um 1900 Fahrt auf. Bis 1912 gibt es Tabakweitspucken und Keulenschwingen.

Olympische Spiele in den Jahren 1900 und 1904 – das sind keine glanzvollen eigenen Veranstaltungen, sondern unbedeutende Anhängsel der fünfmonatigen Weltausstellungen von Paris und St. Louis. Dabei hat Pierre de Coubertin, der Begründer der neuzeitlichen Spiele, nach der ersten Auflage in Athen 1896 noch getönt, die Spiele in seiner Heimatstadt würden noch schöner, noch besser und noch atemberaubender. Eine Fehleinschätzung. So gibt es in Paris nicht einmal ein Stadion. Die Leichtathletik-Wettbewerbe werden im Bois de Bou­logne ausgetragen, gelaufen wird dort auf einer holprigen Wiese, den Werfern stehen Bäume im Weg, sodass mancher Hammer oder Diskus im Geäst hängen bleibt. Medaillen gibt es noch nicht, stattdessen „Regenschirme und Spazierstöcke aus einem billigen Bazar“, wie es in einem Olympia-Buch von 1936 heißt.

Dieselben Fehler wie in Paris machen die Olympier vier Jahre später in St. Louis. Im Programm der Weltausstellung gibt es kaum Hinweise auf Wettkämpfe, in einigen gehen nur Amerikaner an den Start. Aus Europa reisen lediglich kleine Mannschaften aus Ungarn und Deutschland an. Darunter ist der Berliner Emil Rausch, der zu dieser Zeit als weltbester Freistilschwimmer gilt und dann auch zweimal gewinnt: über 880 Yards und eine Meile. Das Programm umfasst so abstruse Wettbewerbe wie Tabakweitspucken, Tonnenspringen und Keulenschwingen. Selbst de Coubertin hält es nicht für nötig anzureisen. Die Olympischen Spiele stehen schon vor ihrem Ende.

Da sind es die Griechen, die der Bewegung neuen Schwung verleihen, indem sie zur Erinnerung an die ersten Spiele zehn Jahre zuvor zu sogenannten Zwischenspielen nach Athen einladen. Zehntausende Zuschauer kommen, erstmals gibt es ein Zeremoniell mit Eröffnungsfeier, Einmarsch der Nationen und den drei Medaillen. Ein Höhepunkt der Spiele ist das Finale im Tauziehen: „Aus dem Hafen Athens hatten die Griechen die stärksten Männer aufgeboten, acht Riesen an Gestalt und Gewicht“, zitiert Olympia-Historiker Karl Adolf Scherer einen ano­nymen Zeitgenossen, „sie sollten die deutsche Mannschaft wie Strohhalme umreißen.“ Was allerdings nicht gelingt, denn am Schluss werden den Griechen „die Knie weich“, und sie werden über die Linie gezogen.

In London zwei Jahre später sind die IV. Spiele der Neuzeit kein Anhängsel mehr, sondern ein Sportereignis, das die Briten vor allem für sich nutzen wollen. „Die Gastgeber taten für sich das Beste und für die Gäste nur das Notwendige“, schreibt Scherer. So gibt es ausschließlich britische Kampfrichter und teils unverständliche Disqualifikationen. Diese übertriebene Rivalität vor allem zwischen Briten und Amerikanern greift der Bischof von Pennsylvania in einer Predigt in St. Paul’s Cathedral auf und spricht davon, dass die Teilnahme wichtiger als der Sieg ist. Dabei sein ist alles – das olympische Motto ist geboren.

In Stockholm 1912 setzt sich die olympische Idee endgültig durch. Es sind kompakte, perfekt organisierte Spiele der kurzen Wege, an denen sich Sportler aus fünf Kontinenten beteiligen. Es gibt erstmals Zielfotos und elektrische Stoppuhren, die auf die Zehntelsekunde genau messen. Nicht der Nationalismus, sondern die Freude am Wettkampf und an der Leistung stehen im Vordergrund. Mit dem dreifachen Olympiasieger Hannes Kolehmainen tritt erstmals ein finnischer Langstreckenläufer ins Rampenlicht. Der Breslauer Schwimmer Walther Bathe imponiert über 200 und 400 m Brust, und der Amerikaner James Thorpe wird überlegen König der Athleten. Doch ein Jahr zuvor hat er für ein paar Baseball-Spiele Geld genommen und wird disqualifiziert. Ein bitterer Nachgeschmack mustergültiger Spiele.