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Best of Olympia: Becker und Stich vereinigen 1992 die Gegensätze

Gold bei den Olympischen Spielen : Tennislegenden Becker und Stich vereinigen 1992 die Gegensätze

Sie mochten sich nicht und sprachen fast kein Wort miteinander. Und dennoch gewannen Boris Becker und Michael Stich bei den Olympischen Spielen 1992 im Doppel die Goldmedaille.

Niki Pilic war nie ein Mann großer Worte. Eher ein stiller Beobachter, zurückhaltend, stets höflich, reserviert. Er war ein Minimalist als Tennis-Trainer. Seine Ansprachen: kurz und knapp. „Geh raus, mach‘ Break“. Ende. Auf diese reduzierte Art waren ihm große Erfolge beschieden. Fünf Mal allein gewann der gebürtige Kroate mit einem Team den Davis Cup, drei Mal mit Deutschland (1988, 1989, 1993), je ein Mal mit Kroatien (2005) und Serbien (2010, offiziell als Berater, da er nicht den „richtigen“ Pass besaß). Er selbst jedoch mied die große Bühne, die gehörte stets seinen Spielern.

Doch Pilic, früher selbst ein begnadeter Tennisspieler, wusste auch, wann es angeraten war, sich redseliger zu geben. Er musste raus aus seiner Haut. Musste den Vermittler spielen zwischen den beiden besten Tennisspielern, die Deutschland je hervorgebracht hat: Boris Becker und Michael Stich waren auserkoren, ihr Heimatland bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona würdig zu vertreten. Im Einzel, aber auch im Doppel. Das Problem: Sie mochten sich nicht, ihr Verhältnis war von leidenschaftlicher Abneigung geprägt.

Großer Ehrgeiz stachelt beide an

Viele Wörter wechselten Becker und Stich nicht miteinander. Guten Tag, auf Wiedersehen. Zu groß war ihr Ehrgeiz, besser zu sein als der andere. Zumal Stich 1991 in Beckers Hoheitsgebiet eingedrungen war und ihn im Finale von Wimbledon besiegte. Die Rivalen, gar Feinde, hatten sich nichts zu sagen. Bis Olympia, während, aber auch danach. Zu grundverschieden die Charaktere. Zu groß die Differenzen. Hier Becker, der ewige 17-Jährige, emotional, wuchtig, der die Zuschauer mit seiner kämpferischen Spielweise mitriss. Dort Stich, der kühle Hanseat, distanziert, klug, bisweilen mit einem Anflug von Arroganz daherkommend, beschenkt mit einem feinen Händchen, dem gewissen Touch.

Pilic hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Becker und den „Spieler Stich“, wie der Leimener seinen Konkurrenten, der sein Partner werden sollte, abschätzig nannte, zu vereinen. Weil er ahnte, sie „wären perfekte Doppelpartner“. Die Vereinigung der Gegensätze, das erzählte Pilic später, habe ihn „Jahre seines Lebens gekostet“. Da die beiden auch in Spanien nicht miteinander sprachen, musste das der Trainer selbst erledigen. Er sei zwischen den Zimmern hin- und hergependelt und „musste viel lügen, um die beiden bei Laune zu halten“.

Becker und Stich schließen Pakt

Jahre später bestätigte Becker das Stillschweigeabkommen: „Zwischen den Ballwechseln haben wir eigentlich gar nicht miteinander gesprochen, denn wir mochten uns nicht wirklich“, sagte der Rotschopf über die Zweckgemeinschaft, aber: „Wir haben einen Pakt geschlossen: ,Hey, wir müssen uns nicht mögen, aber wir sind Profis‘.“ Der Plan: Treffen eine halbe Stunde vor dem Spiel, etwas aufwärmen – und dann, wie Becker meinte: „Geben wir unser Bestes – mit deiner Technik und meinem Stil haben wir eine Chance.“ Und das war gut genug, um die Konkurrenz auf dem trockenen Sandplatz in Barcelona in Schach zu halten.

Zu ihrem Nutzen geriet, dass beide im Einzel früh ausgeschieden waren. So konnten sie ihre ganze Konzentration auf „ihr“ Doppel lenken. Es waren zermürbende Spiele, die sie in der Hitze von Barcelona durchzustehen hatten. Doch das an Nummer sechs gesetzte deutsche Duo zeigte sich widerstandsfähig. Der erste große Härtetest wartete im Viertelfinale gegen die Lokalmatadoren Sergio Casal/Emilio Sanchez, gegen die sie vor 6000 fanatischen Fans in fünf Sätzen kurz vor Mitternacht gewannen. Nicht einmal 24 Stunden später kämpften sie sich gegen die Argentinier Javier Frana/Christian Miniussi ins olympische Finale – ebenfalls in fünf Sätzen. Sie hatten sich angenähert. „Es stellte sich dieser Groove ein, und wir fühlten uns richtig als Teil der Olympischen Spiele“, sagte Becker, der Profi.

Keine gemeinsame Feier nach Olympiasieg

Das Gefühl sollte sich noch verstärken, als Becker/Stich im Endspiel auch noch die Südafrikaner Wayne Ferreira/Piet Norval nach einigem Auf und Ab besiegten. Mit Gold in den Händen, den Blick bei der Siegerehrung stolz auf die Medaillen gerichtet, entstand im Moment der Seligkeit so etwas wie Harmonie zwischen den beiden. Sie umarmten sich innig. Der erste Dank ging schließlich an Niki Pilic, der mit seinem diplomatischen Geschick den Weg gewiesen hatte. Während Becker anschließend sein Verhältnis zu Olympia „goldig“ nannte, sagte Stich: „Gold kann man nicht planen. Aber wir haben es gewonnen, das zählt.“

Die Harmonie allerdings sollte nicht lange halten. Während Becker den Triumph mit Stich gebührend feiern wollte, reiste dieser nur wenige Stunden nach dem Finale überstürzt ab. Becker hatte noch versucht, ihn umzustimmen, aber der Hamburger blieb stur. Und das, so Becker verärgert, „nachdem wir uns vierzehn Tage lang gemeinsam herumgequält hatten, bei bis zu 50 Grad im Schatten“. Aufgehoben, aber auch aufgeschoben? Eine Siegesfeier, ein gemeinsames Essen, soll Jahrzehnte nach dem Triumph von Barcelona noch stattfinden, kündigte Stich neulich an. Das Verhältnis hat sich inzwischen entspannt. Denn, „wir wissen“, sagt Stich heute, „dass wir einander viel zu verdanken und uns trotz aller Konkurrenz gegenseitig befruchtet haben“.