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Serie: Best of Olympia: Busemann lieferte zwei Tage Zehnkampf wie im Rausch

Serie: Best of Olympia : Busemann lieferte zwei Tage Zehnkampf wie im Rausch

In Atlanta erobert Frank Busemann 1996 sensationell Zehnkampf-Silber und die Herzen der Zuschauer. Eine viel verprechende Karriere wird später durch Verletzungen zunichte gemacht.

„Der Junge hat Beine wie ein Ochse, aber Arme wie die Krampfadern eines Spatzen.“ So hat Vater Busemann, zugleich Franks Trainer, seinen Sohn beschrieben. Nur eins hat er vergessen: Der Junge ist auch ein Mental-Monster. Wie sonst wären die zwei rauschhaften Tage des Zehnkämpfers Frank Busemann vor 24 Jahren zu erklären?

Angetreten, die „Großen ein bisschen zu ärgern“, wie es der Vater vorgibt, internationale Wettkampferfahrung zu sammeln auf dem Weg zu seinem großen Ziel: den Spielen in Sydney 2000. Der Bursche ist schließlich erst 21, Junior noch, kein Alter, in dem man Ansprüche anmelden könnte in der Königsdisziplin, nicht gegen die gestählten Kraftpakete, „Konfektion Kleiderschrank“, wie er sie nennt. Atlanta ist erst sein fünfter Zehnkampf, er ist Novize gewissermaßen, niemand bürdet ihm unangemessene Erwartungen auf – außer er selbst. Und doch nimmt er vom ersten Moment an, vom ersten Startschuss, die Leichtathletik-Fans, die Fachwelt, uns Reporter und nicht zuletzt auch sich selbst mit auf einen atemberaubenden, mitreißenden Parforceritt über zehn Disziplinen.

Sein Einstieg: perfekt. Persönliche Bestleistung über 100 Meter, gefolgt vom ersten Paukenschlag. 8,07 Meter im Weitsprung, wieder Bestleistung, spätestens von nun an steht er unter verschärfter Beobachtung. Kugelstoßen so lala – die dünnen Ärmchen. Die Gegner feixen, die Kugel könne ihm aus Versehen auf die Füße fallen.

13 Stunden im Stadion

Dann aber Hochsprung, PB, die persönliche Bestleistung, eingestellt und ein kämpferischer Schluss über 400 Meter, gekrönt von einem weiteren Hausrekord. Da liegt er dann, platt auf der Bahn, völlig ausgepowert nach 13 Stunden im Stadion. Wo so viele Top-Athleten aufeinandertreffen, zieht sich der Tag. Das ist eine neue Erfahrung; dazu die Hitze, knapp 30 Grad und eine extreme Luftfeuchtigkeit. Als er sich wieder sortiert hat, erklärt ihm sein Vater, dass er nach fünf Disziplinen Zweiter ist und erste Stimmen aus der Heimat von Medaillenchance sprechen.

Frank Busemann selbst ist zu müde und erschöpft, um sich damit zu beschäftigen. Ab ins olympische Dorf, Essen, Massage, um 1.45 Uhr liegt er im Bett, drei Stunden später klingelt der Wecker. Er hat Gliederschmerzen, vermutet eine Grippe, die Ärzte beruhigen ihn: nur die Aufregung. Im Stadion ist er wieder der „Alte“, seine Sahne-Disziplin wartet: 110 Meter Hürden. Junioren-Europameister und -Weltrekordler war er, aber die Gegner sind allesamt erfahrene Hürdler. Ein mäßiger Start nur, aber dann läuft er die Konkurrenz in Grund und Boden: 13,47 Sekunden – Weltrekord für Zehnkämpfer. Jetzt sind es nicht mehr die Lockerheit und Unbekümmertheit, die ihn tragen, jetzt spürt er, das kann eine große Nummer werden. Jetzt ist er nicht mehr Außenseiter, jetzt kämpft er mit um die Medaillen.

Das Adrenalin treibt ihn von einer Bestleistung zur nächsten: Diskus, Stabhochsprung, Speerwerfen, er ist nicht aufzuhalten, als gäbe es keine Limits. Respekt vor den Gegnern ja, aber keine Angst. Geradezu furchterregend ist vielmehr seine Fähigkeit der Konzentration – für seine Konkurrenten. Zwei unglaubliche Zehnkampf-Tage kulminieren in einem packenden Finale, 1500 Meter. Jetzt werden die Medaillen verteilt. Es ist 4.30 Uhr in Deutschland, als auch im Hause Busemann in Recklinghausen Familie und Freunde ganz still werden. Dan O’Brien ist Gold nicht mehr zu nehmen, es sei denn, er stürzt.

Der Gewinn von Olympischem Silber

Aber dann: Vier Athleten für zwei noch zu vergebende Medaillen, das ist die Ausgangslage. Als der Startschuss fällt, sitzt keiner mehr im Stadion, nicht wir, die Reporter, und erst recht nicht bei Mutter Busemann zu Hause. Frank Busemann übernimmt couragiert die Führung, für einen Moment ist man in Sorge, er könne sich übernehmen. Er zieht nur das Feld auseinander, bleibt im Tempo gleichmäßig und lässt sich auch von einer Attacke Eduard Hämäläinens nicht locken, lässt ihn laufen, obwohl auch der Weißrusse um Medaillen mitkämpft, so wie Tomas Dvorak, der plötzlich das Tempo verschärft.

Letzte Runde, Busemann heftet sich an die Hacken des Tschechen, beide passieren Hämäläinen, der durchgereicht wird. Zielgerade: ein packender Spurt, den Dvorak knapp vor Busemann gewinnt. Beide stürzen ins Ziel, liegen schnaufend am Boden. Und dann ist es perfekt: Frank Busemann gewinnt olympisches Silber. Gold für Dan O’Brien, Bronze für Tomas Dvorak, es ist unglaublich.

Ich habe in 30 Jahren als Reporter stets den Begriff „Sensation“ vermieden, so gut es ging, in jener magischen Nacht habe ich ihn mit Wonne ins Mikrofon gestammelt, bevor mich die Emotionen zu einer Pause zwangen. Niemals werde ich dieses spannende Finale vergessen, diese zwei mitreißenden Tage in Atlanta.

Busemann wird „Olympic Hero“

Frank Busemann braucht fast eine Stunde, um sich zu erholen, sein Vater ist inzwischen bei ihm, beide in Tränen aufgelöst, bevor der Vater ihm zuraunt: „Weißt du, was du uns da eingebrockt hast?“ Ein echter Westfale hat seit jeher Mühe, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen ...

8706 Punkte, Junioren-Weltrekord, sechs persönliche Bestleistungen, zwei eingestellt, was für eine Glanzvorstellung. Und noch eins: Frank Busemann wird der „Olympic Hero“, obwohl Lars Riedel, Astrid Kumbernuss, Ilke Wyludda jeweils Gold gewinnen. Gefeiert wird er, der Sunnyboy aus dem Ruhrpott, schlagfertig, herzerfrischend, nervenstark. Selten ist ein zweiter Platz so glorifiziert worden; dies ausgerechnet in den USA, wo der Zweite als erster Verlierer gilt, „the winner takes it all“.

Zahlreiche Ehrungen folgen, im Dezember dann „Sportler des Jahres“, ein deutsches Sportidol im Turbogang. Keine Frage, dass ihm die Zukunft gehören muss, nur macht sein Körper nicht mit. 1997 erkämpft er noch mal wacker Bronze bei den Weltmeisterschaften in Athen, fortan gilt sein Kampf den vielen Verletzungen, den Rückschlägen, den verzweifelten Comeback-Versuchen, bis er 2003 im besten Zehnkampfalter von 28 Jahren das Handtuch wirft. Nichts geht mehr. Der „Mann ohne Grenzen“ kapituliert vor der Unvollkommenheit seines Körpers. Die zwei triumphalen Tage von Atlanta, die Silbermedaille aber kann ihm keiner nehmen, ihm, dem tragischen Helden der Königsdisziplin.

Wolf-Dieter Poschmann war langjähriger ZDF-Sportchef, als Langstreckenläufer startete er unter anderem für den LC Bonn. In seiner Kolumne „Poschis Position“ hinterfragt er samstags im GA Aktuelles und Entwicklungen im Sport. Für die Serie „Best of Olympia“ schreibt er über Ereignisse, die er selbst kommentiert hat.