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Erfolgreich bei Olympia: DDR-Sportler waren Diplomaten im Trainingsanzug

Erfolgreich bei Olympia : DDR-Sportler waren Diplomaten im Trainingsanzug

Die DDR war sportlich eine Großmacht. Die Sportler wurden als Vertreter des Sozialismus angesehen. Es gab eine systematische Förderung aber auch ein groß angelegtes Staatsdoping.

Nach drei Vierteln der Strecke nimmt Roland Matthes Tempo raus, hat beim Anschlag dennoch mehr als eine Sekunde Vorsprung vor dem Zweiten. „Ich bin die ersten 50 Meter ziemlich schnell angegangen. Als ich nach 75 Metern in Führung lag, wusste ich, dass ich gewinnen könnte. Deshalb bin ich etwas verhalten geschwommen“, sagt der 21-jährige Erfurter. Die 56,58 Sekunden, die er am 29. August 1972 über die 100 Meter Rücken schwimmt, sind gleichwohl olympischer Rekord. In München steht Matthes im Zenit seines Könnens. Wie vier Jahre zuvor triumphiert er auf beiden Rückenstrecken. Zudem holt er zwei Staffelmedaillen. Über 4x100 Meter Lagen schwimmt er als Startschwimmer des DDR-Quartetts mit 56,30 Sekunden auch noch Weltrekord.

Matthes gilt als großer Stilist. Bewundert werden seine langsame und dennoch kraftvolle Zugfolge sowie sein virtuoser Beinschlag. „Er liegt nicht im Wasser, sondern auf dem Wasser“, hat Harry Valérien schon im Olympia-Buch von 1968 geschrieben. Sieben Jahre bleibt der Thüringer im Rückenschwimmen unbesiegt. Er ist in der DDR ein Volksheld, wird sieben Mal zum Sportler des Jahres gewählt, seine Erfolge passen der Staats- und Parteiführung aber auch in das Konzept. Das sieht vor, den Sport „als wichtige politische Waffe zu betrachten und zu handhaben – eine Waffe, die wir zur Stärkung unserer sozialistischen Heimat und zur Erhöhung des internationalen Ansehens des Sozialismus einsetzen“, wie Stasi-Minister Erich Mielke 1983 zusammenfasste. Oder wie Matthes nach der Wende im WDR sagte: „Das sozialistische System konnte wirtschaftlich nicht mit dem Westen konkurrieren. Als Mittel zum Zweck blieb der Sport übrig.“

In der DDR wurden schon Jugendliche gedopt

Bis 1972 ging es der Partei vor allem um die Anerkennung des Staates. „DDR-Sportler auf den Siegerpodesten bei Welt- und Europameisterschaften, das ist die beste Antwort an die Adresse der Bonner Alleinvertreter und Revanchisten“, sagte SED-Generalsekretär Walter Ulbricht 1966. Als „Diplomaten im Trainingsanzug“ sollten die Sportler unterwegs sein. Nachdem die DDR in München erstmals mit Flagge und Hymne auftreten durfte, war das Ziel, so viele Medaillen wie möglich zu gewinnen, um, so Matthes, „die Überlegenheit des sozialistischen Menschen zu zeigen“. Dazu wurden Sportarten mit vielen Disziplinen gefördert, andere nicht. Das hieß: Ja zu Schwimmen, Leichtathletik, Kanu oder Rudern. Nein zu Reiten, Fechten, Tennis oder dem alpinen Skilauf.

Damit keine Talente verloren gingen, wurde umfangreich gesichtet. Jährlich zog man die besten 2500 in Kinder- und Jugendsportschulen zusammen und förderte sie systematisch. Von ihnen kam wiederum ein kleiner Teil in den Nationalkader. Noch heute kämpfen viele von ihnen mit den Spätfolgen ihrer Karrieren. Denn systematisch wurden Spitzensportler mit Rückendeckung des Staates schon in jungen Jahren gedopt, oft mit dem Anabolikum Oral-Turinabol.

„Die sind zum Schwimmen hier, nicht zum Singen“

„Eine Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen fand nicht statt. Für den Fall, dass sich besorgte Eltern an die Sportclubs wandten, hatte die Sportführung als Sprachregelung verabredet, es handele sich bei den Tabletten und Spritzen um die Zufuhr von Vitaminen oder erlaubten Ersatzstoffen“, schrieb Herbert Fischer-Solms 2009 im Katalog zur Ausstellung „Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland“ im Bonner Haus der Geschichte. Augenfällig wurde der Dopinggebrauch in den 70er Jahren, als DDR-Sportlerinnen mit breiten Schultern und tiefen Stimmen auftauchten. „Die sind zum Schwimmen hier und nicht zum Singen“, wies Nationaltrainer Rolf Gläser Dopinggerüchte zurück. Nach der Wende gab er die Abgabe unerlaubter Mittel zu und entschuldigte sich laut der Webseite „cycling4fans.de“ bei seinen ehemaligen Schützlingen.

Roland Matthes, der im vorigen Jahr 69-jährig starb, wollte nach den Spielen von München seine Karriere, auch wegen diverser Verletzungen, beenden, doch die Sportführung ließ ihn bis 1976 nicht. Später wurde er Sportlehrer und Arzt. Nach dem Fall der Mauer stellte er ernüchtert fest: „Ich habe meinen Körper einem Land zur Verfügung gestellt, das es nicht mehr gibt. Also gibt es mich auch nicht mehr“, wie im „Kicker“-Heft „Die Helden der Sommerspiele“ von 2016 zu lesen ist. Und im WDR sagte er, im Nachhinein müsse er sich schämen, die drei Buchstaben DDR auf seinem Trainingsanzug getragen zu haben.