Interview mit Mike Rockenfeller Der DTM-Champion über Rennintelligenz, gute Autos und Vettel

BONN · Er hat das Ziel bereits erreicht, auf das sein Lieblings-Fußballclub erst zusteuert. Der 1. FC Köln kann im Mai 2014 Meister der zweiten Liga sein. Mike Rockenfeller ist es schon seit Oktober – in der DTM, die in der öffentlichen Wahrnehmung weit hinter der Formel 1 kommt. Zu Unrecht, meinen viele Motorsportexperten, weil das fahrerische Können in der besten Tourenwagenserie der Welt eine größere Rolle spielt als in der Motorsport-Königsklasse.

DTM-Champion Mike Rockenfeller im Interview.

DTM-Champion Mike Rockenfeller im Interview.

Foto: Horst Müller

Völlig relaxt, mit Drei-Tage-Bart, erscheint Rockenfeller in der Redaktion des General-Anzeigers. Der 30-jährige, der aus Neuwied stammt und inzwischen am Bodensee auf der Schweizer Seite wohnt, erzählt im Gespräch mit den GA-Redakteuren Berthold Mertes, Gerhard Mertens und Guido Hain seinen langen Weg zum ersten DTM-Titel, reflektiert den schweren Unfall, bei dem er 2011 dem Tod ins Auge blickte - und erklärt den Unterschied zwischen Tourenwagen und Formel-1-Autos. „Die sind Biester“, sagt Rockenfeller.

Herr Rockenfeller, haben Sie Verständnis für Leute, die Motorsport als widersinnig betrachten? Muss man angesichts der vielen Probleme in der Welt wirklich im Kreis herumfahren und Energie verschwenden?
Mike Rockenfeller: Ich kann es verstehen, wenn Leute so denken. Aber die sehen das Leben und die Welt ohnehin mit anderen Augen. Wenn man diese Gedanken konsequent zu Ende denkt, dann darf man im Grunde auch keinen Fußball mehr spielen.

Erklären Sie uns die Daseinsberechtigung aus Ihrer Sicht?
Rockenfeller: Gerne. Zunächst ist da der Unterhaltungsaspekt. Wir bereiten mit dem Motorsport sehr vielen Menschen große Freude. Es schauen Millionen in aller Welt zu, das ist ein starkes Argument. Sie haben Spaß daran zu sehen, wenn man Autos am Limit bewegt – das trifft besonders in der DTM zu. Dann ein wichtiges, wenn auch nicht neues Argument: Die Automobilhersteller erproben Technologien, die auch dem Otto-Normal-Verbraucher zugutekommen. Für die Hersteller ist der Rennsport zudem ein wesentliches Marketing-Instrument. Jeder Käufer eines Audi soll das Gefühl haben, in einem Winner-Auto zu sitzen.


Und Ihre persönliche Motivation? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte...

Rockenfeller: Meine Kumpels und ich haben wie alle Jungs Fußball gespielt. Ich habe schnell verstanden, dass ich dafür nicht gut genug bin. Ich bin in der Landwirtschaft aufgewachsen, auf den Höfen war alles, was man fahren kann. Mein Cousin Andreas und ich, wir sind schon immer alles gefahren, sei es Traktor, Bagger oder Lkw – irgendwie war klar für mich: so etwas will ich machen. Und dann haben wir mit dem Kartfahren angefangen.

Ist Ihr Cousin auch Rennfahrer geworden?

Rockenfeller: Ist er nicht. Er hat vielleicht nicht die körperlichen Voraussetzungen, ist sehr groß und kräftig. Aber sein Fahrgefühl war und ist grandios. Seine Familie hat einen Garten- und Landschaftsbau, er ist also hauptsächlich mit dem Bagger unterwegs und mit dem LKW. Er hat ein unglaubliches Gefühl für diese Maschine.

Also hat die Familie das Benzin im Blut, oder?

Rockenfeller: Ich weiß nicht, ob es einem in die Wiege gelegt ist oder ob man damit groß wird. Wir waren zu dritt, als wir zum ersten Mal Kart gefahren sind. Andreas, mein bester Kumpel Michael und ich. Michael konnte von Anfang an kein Auto fahren, hatte einfach kein Talent. Er war aber ein recht guter Torwart. Das Fahren hat ihn nicht gereizt, das war nicht sein Ding. Mein Cousin und ich aber hatten Blut geleckt und wollten nur noch auf die Kartbahn. Wenn ich gemerkt hätte, ich bin gut im Fußball, hätte ich sicher auch den Ehrgeiz gehabt, dort weiter zu kommen.

Als Sie in Neuwied noch zur Schule gingen, träumten Sie da von der Formel-1-Karriere?

Rockenfeller: Fußball-Profi will jeder Junge mal werden. Also habe ich als Kart-Fahrer auch davon geträumt, Formel-1-Fahrer zu werden. Als ich gerade begonnen hatte, wurde Michael Schumacher zum ersten Mal Weltmeister. Ein Deutscher ganz oben, das war dann natürlich mein Idol.

Und wie ging es dann weiter?
Rockenfeller: Ich habe Glück gehabt. Die richtige Kartmeisterschaft gewählt, erste Erfolge, dann habe ich eine Förderung bei Porsche erhalten. Ab 18 habe ich im Prinzip mit meiner Leidenschaft Geld verdient. Nicht viel, aber ich konnte davon leben und musste nicht jeden Winter Klinken putzen, um Sponsoren zu finden. Es war das erste Mal, dass ich befreit fahren konnte.

Seit wann geht es Ihnen materiell richtig gut in ihrem Job als Rennfahrer?
Rockenfeller: Seit ich 18 bin, weil ich wusste: Wenn das Auto kaputt geht, dann habe ich beim nächsten Rennen wieder ein neues da stehen.

Aber damals waren sie doch noch nicht abgesichert...
Rockenfeller: Mit 18 hat man ein anderes Leben, ich habe ungefähr das verdient, was ich als ausgebildeter Kfz-Mechaniker auch gehabt hätte. Hauptsache ich konnte Rennen fahren. Mehr brauchte ich nicht, damit war ich glücklich. Alle anderen haben im Winter noch nach Sponsoren gesucht und selbst Geld mitgebracht. Es war der schönste Moment, zu wissen, nächstes Jahr fahre ich wieder, ohne Existenzangst zu haben. Als junger Mensch hatte ich nur Angst, keine Rennen mehr fahren zu können. Ich lebte zu Hause bei meinen Eltern und habe noch nicht viel gebraucht.

[kein Linktext vorhanden]Inzwischen sind Sie DTM-Champion, aber nicht in der Formel 1 angekommen.
Rockenfeller: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Jeder Motorsportler ist sehr von seinem Material abhängig, vom Budget auch. Von klein auf, bei allem Talent. Das prominenteste Beispiel ist die Formel 1: Viele bringen ja inzwischen Geld mit, um mitfahren zu dürfen. Mindestens zehn der aktuellen Piloten haben sich eingekauft. Wenn der General-Anzeiger morgen sagt, wir wollen, dass der Mike Rockenfeller fährt und zahlt 5 bis 10 Millionen, dann bin ich sicher dabei.

Suchen Sie einen Geldgeber?

Rockenfeller: Nein. Ich bin 30 jetzt, und bei Audi fühle ich mich sehr wohl.

Heißt, nach dem Titel sind Sie satt?

Rockenfeller: Überhaupt nicht, aber ich genieße mein DTM-Dasein und liebe meine Serie.

Haben Sie zu lange gebraucht: Kommt der erste Titel im siebten DTM-Jahr nicht einfach zu spät?
Rockenfeller: Definitiv nein. Als ich in die DTM gekommen bin, gab es noch Jahreswagen. Das heißt, ein Teil der Fahrer ist auf altem Material gefahren und musste sich erst für die neuen Wagen qualifizieren. Deshalb konnte ich die ersten vier Jahre nicht um den Sieg mitfahren. Als ich dann endlich in ein neues Auto gewechselt bin, wurde das Reglement angepasst und mein altes Auto hat gewonnen. Im ersten Jahr der neuen DTM (Audi, BMW, Mercedes) war ich stärkster Audi Pilot, im zweiten habe ich jetzt die Meisterschaft gewonnen.

Was fehlt Ihnen möglicherweise an fahrerischem Können oder Fitness für die Formel 1?
Rockenfeller: Fahrerisch könnte ich es. Und die nötige Fitness hätte ich. Wenn man 24-Stunden-Rennen fährt, also drei Stunden lang ein solches Auto am Limit bewegt, dann muss man körperlich topfit sein. Aber in der Formel 1 ist ein gezieltes Nackentraining noch wichtiger als bei uns. Ich glaube nicht, dass ich jetzt den Nacken hätte, um Formel 1 zu fahren.

Liegt das an den höheren Geschwindigkeiten?
Rockenfeller: Ja, in der DTM sind die Kurvengeschwindigkeiten etwas niedriger. Wenn ich Le Mans fahre, dann merke ich das auch. In der Formel 1 ist der Nacken einfach mehr gefordert, wegen der Beschleunigungskräfte und beim Bremsen. Ansonsten ist das ähnlich. Die Autos haben alle Servolenkung heute. Man braucht keine gewaltigen Arme. Was bei uns hinzukommt, ist die Hitze in den Autos. Das ist schwierig zu trainieren.

Bilder der Saison 2013 von DTM-Champion Mike Rockenfeller
37 Bilder

Bilder der Saison 2013 von DTM-Champion Mike Rockenfeller

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Was tun Sie dafür? Folterkammer, Mountainbike, laufen, schwimmen?
Rockenfeller: Im Moment leider sehr wenig, weil ich jetzt, nach der Saison, sehr viel auf Terminen unterwegs bin. Grundsätzlich, während der Saison: Eine bis eineinhalb Stunden laufen, viermal die Woche. Das kann ich am Rennwochenende auch machen. Ich bin nicht so der Radfahrer.

Arbeiten Sie in der unmittelbaren Renn-Vorbereitung auch im mentalen Bereich?
Rockenfeller: Ich versuche, eine halbe Stunde, bevor ich ins Qualifying oder das Rennen gehe, alles auf den Punkt zu bringen. Versuche, meine Ruhe zu haben, Musik zu hören, wärme mich auf.

Gehen Sie die Strecke auch vor dem Rennen im Kopf durch wie beispielsweise ein Skirennfahrer?

Rockenfeller: Ja, mal mehr, mal weniger. Nach dem freien Training schaust du dir mit den Teamkollegen die Fernsehbilder an, du siehst: in der einen Kurve musst du ein bisschen früher bremsen - oder ein bisschen später. Die Kurve, in der du gut bist, die fährst du auch im Rennen gut. Auf die anderen konzentrierst du dich.

Man nennt Sie „Rocky“, boxen Sie auch für Ihre Kondition?
Rockenfeller (lacht): Nein, der Spitzname kommt nur vom Nachnamen.

Das maximale Tempo eines Formel-1-Boliden ist etwa 60 km/h höher als das eines DTM-Rennwagen. Ist das der einzige Unterschied der beiden Wettbewerbe?
Rockenfeller: Wenn du in der Formel 1 im falschen Auto sitzt, kannst du nicht gewinnen, egal wie talentiert du bist. Sitzt du aber im richtigen Auto und hast Talent, dann fährst du garantiert vorne mit. Wenn es um den WM-Titel geht wie bei Sebastian Vettel, dann muss selbstverständlich alles stimmen. Ralf Schumacher war in der Formel 1 vorne dabei, solange er im richtigen Auto saß. Später im Toyota war das nicht mehr der Fall.

Und die Situation in der DTM?
Rockenfeller: Wir haben 22 Autos, jedes ist optimal abgestimmt, man kann aus jedem Auto alles rausholen, deshalb ist das gesamte Feld so dicht beisammen. Auch unter den drei Herstellern sind die Unterschiede marginal. Bei irgend einem kleinen Fehler, da braucht bloß der Luftdruck im Reifen nicht genau zu stimmen, bist du ratzfatz auf Platz 15. Deshalb siehst du relativ schnell schlecht aus. Ehrlich: Wie viele Autos haben in der Formel eins die Chance, Weltmeister zu werden?

Die von zwei, maximal drei Teams...

Rockenfeller: Genau, weil es eine Frage des Budgets ist. Ferrari, Red Bull – eventuell noch McLaren oder Lotus kommen in Frage, also vier bis sechs Autos. Wenn du in einem davon sitzt, kannst du nicht auf Platz 15 landen.

In der DTM fahren nur die Hersteller-Teams von BMW, Mercedes und Audi...
Rockenfeller: Ich habe immer noch sieben Teamkollegen, die das gleiche Auto und damit die gleichen Voraussetzungen haben. Die muss ich erst mal schlagen. Wenn ich keinen perfekten Job mache, bin ich womöglich nur Sechster innerhalb des Teams. Das ist heutzutage der Unterschied zwischen der DTM und der Formel 1.

Wäre Sebastian Vettel der zwangsläufige DTM-Champion, wenn er anträte?
Rockenfeller: Zwangsläufig sicher nicht. Ich glaube, dass er sich durchsetzen und um die Meisterschaft mitfahren würde. Aber man kann nicht zwangsläufig sagen.

Sie wurden zitiert, Vettel müsse Lehrgeld zahlen, wenn er DTM fahren würde.
Rockenfeller: Jeder, der in ein neues Metier wechselt, muss zunächst Lehrgeld zahlen. So wäre es sicher auch, wenn ich die Chance hätte, in der Formel 1 zu fahren.

Nervt es Sie, als DTM-Champion ständig nach dem Vergleich zur Formel 1 gefragt zu werden?
Rockenfeller: Ich verstehe den Gedanken. Die Leute fragen sich natürlich: DTM, wie gut ist das?

Ist die DTM die zweite Liga?
Rockenfeller: Das ist zu einfach ausgedrückt. Es gibt mehr als 22 Rennfahrer in der Welt. In der Formel 1 sind darunter zehn Fahrer, die sich eingekauft haben. Dann reden wir noch von zwölf Plätzen. Deshalb: Es gibt jede Menge Fahrer, die weder in die Formel 1 noch in die DTM waren und trotzdem so gut sind, dass sie dort gewinnen könnten.

Bei der Formel 1 heißt es immer: die Motorsport-Königsklasse.
Rockenfeller: Das ist ja auch so. Dafür sind wir die erste Tourenwagen-Liga in der Welt - die technischen Reglements sind ganz anders. Ein bisschen ist es so, als würde man diskutieren, ob die Tour de France besser ist als eine Leichtathletik WM. Wir reden über den Motorsport, aber das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen.

Also mehr als der Unterschied von 60 km/h?
Rockenfeller: Es ist ein ganz anderes Auto. Aber das ist nicht so entscheidend. Ich glaube, ein guter Rennfahrer kann sich auf verschiedene Autos einstellen. Jeder ist im Laufe seiner Karriere in verschiedenen Autos unterwegs. Die Formel 1 ist die Spitze, an die man es schaffen kann. Dennoch bin ich überzeugt, dass die DTM sportlich schwieriger ist als die Formel 1.

Sie sagten das Niveau der Autos in der DTM ist vergleichbar. Gibt also das fahrerische Können stärker den Ausschlag?
Rockenfeller: Das glaube ich wiederum nicht. Nur, weil einer im Red Bull sitzt, wird er nicht viermal Weltmeister. Aber wenn der Sebastian zu einem Formel-1-Rennen kommt und macht einen kleinen Fehler im Qualifying, dann steht er am Start trotzdem unter den ersten Fünf. Bei uns ist man schnell auf Platz 18 oder 15. Das ist einfach so. Das sage ich nicht, um die Formel 1 schlecht zu reden. Das fahrerische Können braucht man hier wie da. Aber das Formel-1-Fahrzeug ist halt ein Biest - das Ding hat so viel Leistung.

Wie lange bleibt Michael Schumacher noch Rekordweltmeister?
Rockenfeller: Jeder hat gesagt, siebenmal Weltmeister, das kann keiner mehr übertreffen. Aber der Sebastian wird es schaffen, da bin ich sicher.

Weder in DTM noch Formel 1 gibt es die Möglichkeit, außerhalb der offiziellen Testfahrten und Trainings im Auto zu üben. Sie könnten auf dem Nürburgring fahren, Ihre Eltern wohnen ja nicht so weit entfernt...
Rockenfeller (belustigt): Das stimmt. Einfach ein Ticket ziehen und ein bisschen üben. (wieder ernst:) Leider hat ein normales Straßenfahrzeug mit einem Rennauto nichts zu tun. Das sind ganz andere Geschwindigkeiten, erfordert ganz andere Reflexe.

Was kann man denn tun, um die Übung in den langen Pausen nicht ganz zu verlieren?
Rockenfeller:Die einzige Möglichkeit ist das Kart. Da ist das Gefühl ein bisschen gefordert, aber auch das hat mit dem Rennauto nicht wirklich zu tun. Es ist kurios: Je weiter man es in dieser Sportart bringt, desto weniger fährst du. Man kann nicht jede Woche trainieren. Das kann keiner bezahlen.

Und die Testfahrten vor und während der Saison?
Rockenfeller: Insgesamt sitzt du dabei maximal fünf bis zehn Tage im Auto. Ansonsten nur an den Rennwochenenden.

Wie gefährlich ist der Motorsport? Die Zeit der Toten scheint ja glücklicherweise vorüber.

Rockenfeller: Das stimmt leider nicht ganz, wir haben dieses Jahr einige talentierte Rennfahrer und tolle Menschen verloren. Aber der ganze Sport ist sicherer geworden, das stimmt schon. Die Verbände haben strenge Richtlinien für die Sicherheit der Fahrer. In der DTM gibt es die sichersten Autos, die ich mir vorstellen kann. Alleine weil man auch den Kopf geschützt hat durch das Dach. Ich fühle mich im Auto absolut sicher.

Ihre Familie hat auch keine Angst um Sie?
Rockenfeller
: Meine Mutter hat immer Angst gehabt. Ich glaube, das ist normal, wenn man etwas betreibt, wo etwas passieren kann. Sicherlich ist es der Familie wichtiger, dass ich heil wiederkomme, als dass ich ein Rennen gewinne.

Sie hatten 2011 einen schweren Unfall. Wie geht man damit um?
Rockenfeller: Das war in Le Mans, in der Nacht. Mir ist zum Glück nichts Schlimmes passiert. Ich hatte eine starke Gehirnerschütterung, mit der ich eine Weile zu kämpfen hatte. Aber keine Brüche, keine lange Genesungsphase. Drei Wochen später bin ich wieder ins Auto gestiegen. Insofern habe ich das gut verkraftet.

Auch in puncto Psyche?
Rockenfeller: Ich habe so gut wie keine Erinnerung an den Unfall selbst. Weiß nur noch, dass ich von einem Auto, das ich gerade überholte, touchiert worden bin. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich ausgestiegen bin. An das danach schon.

Da fühlten Sie was?
Rockenfeller: Ich hatte Schmerzen überall, habe kaum Luft gekriegt. Mein Rücken hat total wehgetan, mein Nacken war geschwollen und der Helm gebrochen. Das alles habe ich nicht gemerkt in dem Moment. Am meisten hatte ich Sorgen um meinen Rücken. Ich hatte verdammt Glück, keine inneren Verletzungen abbekommen zu haben – dafür, dass ich mit über 300 in der Leitplanke eingeschlagen war und vom Auto nur noch so ein Brocken übrig blieb.

Und wie haben Sie das Geschehene verarbeitet?
Rockenfeller: Mir wurde bewusst, wie schnell sich etwas verändern kann - von einem Tag auf den anderen, in einer einzigen Sekunde. Es wird einem klar, wie wertvoll das nur scheinbar Selbstverständliche ist: Gesund zu sein, jeden Tag ohne Schmerzen aufzustehen. Die Dinge können schnell anders laufen. Darüber denkt man nach.

Hat Sie das in den Rennen danach gehemmt?

Rockenfeller: Nein. Ich hatte drei Wochen danach das nächste Rennen am Norisring. Das war nicht gut. Ich hatte auch noch ein bisschen Schmerzen an den Rippen. Aber im folgenden Rennen am Nürburgring war ich schon wieder Zweiter oder Dritter. Nur letztes Jahr in Le Mans, als ich an der Unfallstelle vorbeikam, da hat die Strecke einen Knick, man fährt aber über 300 Stundenkilometer. Da habe ich anders geschaut, war sensibler.

Und die Frage „was machst du da eigentlich?“ kam Ihnen nach dem Unfall nicht in den Sinn?
Rockenfeller: Nein. Ich war einfach nur enttäuscht. Als ich dann im Krankenhaus war und wusste, dass ich noch so einigermaßen an einem Stück bin und alles gut wird, da habe ich nur gedacht Scheiße, ... (Pause)

Doch nicht etwa: Wann ist das nächste Rennen...
Rockenfeller: Das nächste in Le Mans ist immer erst ein Jahr später.

Sie haben nicht darüber nachgedacht: Mensch, du hättest tot sein können?
Rockenfeller: Nein. Wirklich nicht.

Aber sie hätten tot sein können.
Rockenfeller: Klar, logisch, das geht ganz schnell, wenn es ein bisschen anders läuft. Das merkt man erst, wenn Leute einem sagen: Mann, da hast du aber wirklich Glück gehabt. Dann weißt du es.

Kennen Sie keine Angst?
Rockenfeller: Eher bei anderen Dingen. Im Rennen fühle ich mich zu Hause. Es kann immer was passieren. Ich kann jetzt auf die Autobahn fahren, und dann kommt ein Geisterfahrer.

Übrigens: Sind Sie schon die neue Achterbahn auf dem Nürburgring gefahren?

Rockenfeller: Nein. Ich bin auch kein guter Achterbahn-Fahrer.

Haben Sie dabei Angst?
Rockenfeller: Schon eher. Angst vielleicht nicht, aber ich bin keiner, der die Geschwindigkeit dort braucht. Das hat mich nie gereizt.

Und beim Skifahren?
Rockenfeller: Ich mag schon die Geschwindigkeit. Auch da hast du das Gefühl, du hast es selber im Griff, selbst unter Kontrolle.

Wie viel hilft es, dass sie gelernter Kfz-Mechaniker sind?
Rockenfeller: Leider wenig, das ist nicht mehr so wie früher, vor 20 Jahren. Die Autos werden getestet, bis ins letzte Detail. Es gibt Computersimulatoren. Alles ist perfektioniert. Ein Auto ist heute so gebaut, dass du es immer am Limit, also mit Vollgas fahren kannst. Alles was geht, du brauchst ein Auto heutzutage nie zu schonen. Früher hattest du eine H-Schaltung, keine Servolenkung. Autos, die jetzt übliche Distanzen nie geschafft hätten. Früher war es technischer, du wusstest was passiert in deinem Motor. Heute kannst du dich nicht mehr verschalten, das ist unmöglich. Früher konnte man als Fahrer einen größeren Unterschied machen.

Woran erkennt man denn heutzutage tendenziell die besseren Piloten?
Rockenfeller: Bei Regen ist der Unterschied am deutlichsten. Sehr gute Fahrer schneiden im Regen besser ab als auf trockener Piste. Beispiel Frentzen oder Heidfeld: die waren immer im Regen gut. Und Schumacher konnte einen größeren Unterschied machen.

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines guten Rennfahrers?
Rockenfeller: Das Fahrgefühl ist entscheidend. Es ist nicht wie in einer Sportart, in der man von seiner körperlichen Fitness zu 100 Prozent abhängig ist. Wenn einer den Marathon 20 Minuten schneller läuft als ein anderer, dann wird er nicht schneller mit dem Auto sein. Ein gutes Beispiel ist der Klaus Ludwig. Der hat nie Sport getrieben, ist ein bisschen Tennisspielen gegangen. War ganz entspannt. Man muss entspannt fahren. Eine spezielle Intelligenz gehört auch dazu. Ich meine: wie man ein Rennen liest und versteht.

Also ähnlich der Spielintelligenz im Fußball?
Rockenfeller: Eine Rennintelligenz gehört dazu, ganz klar. Es gibt Fahrer, die sind sauschnell, haben aber einen Nagel im Kopf.

Und die körperlichen Voraussetzungen?

Rockenfeller: Größe und Gewicht spielen eine Rolle: Mit Helm sollte man auf keinen Fall mehr als 80 Kilo wiegen.

Schauen wir nach vorne: Die erfolgreiche DTM-Titelverteidigung ist doch ein schönes Ziel, oder?
Rockenfeller: Mit der Nummer eins zu fahren ist immer schön. Aber auch wenn ich dieses Jahr Meister geworden bin, kann ich in der nächsten Saison nicht einfach kommen und denken: Das ist easy, ich hole wieder den Titel.

Hört sich auch nach Arbeit an...
Rockenfeller: Worauf ich mich jetzt freue: Über den Winter das neue Auto zu entwickeln. Dann sehen wir, ob wir mit Audi konkurrenzfähig oder vielleicht sogar in der Lage sind, von Anfang an den Takt vorzugeben. Das ist erst mal spannend.

Die Ausgangssituation wird also komplett neu festgelegt?
Rockenfeller: Die Markenwertung hat diesmal ja noch BMW gewonnen, aber wir waren dicht dran. 2012 hatten wir einen Rückstand, 2013 nur noch einen kleinen, der zum Glück nicht für den Fahrertitel gereicht hat.

Oder waren sie doch der überragende Fahrer?
Rockenfeller: Das würde ich so nicht sagen. Aber einer der konstantesten. Es gibt sicher zehn Piloten in der DTM, die Meister werden können. Klar, wenn man sieht dass der zweite Audi Siebter war, dann kann ich so schlecht nicht gefahren sein.

Wie sehen Ihre Planung für die nächsten Jahre aus?
Rockenfeller: Ich habe alles, was ich brauche, ich bin total glücklich. Ich brauche materiell nichts Besonderes. Meine größte Erfüllung ist Gesundheit, und vor allem Rennen zu gewinnen. Das habe ich mit der Meisterschaft gerade erlebt – und ich genieße es.

Wie lange kann das noch gehen?
Rockenfeller: Bis 40 kann ich mir schon vorstellen. Wenn der Tag kommt, an dem der Spaß aufhört und die Bereitschaft nicht mehr da ist für die Dinge, die man tun muss, dann wirst du automatisch aussortiert. Das geht in der DTM ganz schnell.

Was kommt bei Ihnen nach dem Rennsport?
Rockenfeller: Vielleicht kann ich bei Audi weitermachen - Beispiel „driving experience“, da gibt man seine Erfahrungen weiter. Ich habe auch schon Autos getestet für Audi. Es gibt sicher verschiedene Möglichkeiten – vielleicht mache ich aber auch etwas, was gar nichts mit Autos zu tun hat. Ich mache mir darüber auch noch nicht viele Gedanken. Die Welt verändert sich, wer weiß, was in zehn Jahren ist. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass man mit elektrisch angetriebenen Wagen Rennen fahren würde. Aber das ist schon Realität, ein solches Auto hat schon Le Mans gewonnen. Irgendwann werden die Rennwagen vielleicht nur noch elektrisch angetrieben. Auf jeden Fall genieße ich den Moment. Ich bin froh, in dieser Zeit Rennfahrer zu sein.

Sie fahren offenbar aus Freude – in der DTM, aber auch in weiteren Wettbewerben. Wo sehen wir Sie 2014?
Rockenfeller: Das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring ist ein Thema, vielleicht auch die 24 Stunden von Daytona. Ich habe von Audi die Freigabe, dort für ein Privatteam zu starten, in einem Chevrolet vielleicht.

War es nicht zuletzt ihr Erfolgsrezept, sich auf die DTM konzentriert zu haben?
Rockenfeller: Das sagen jetzt natürlich viele. Ich glaube nicht, dass das der Grund für meinen Titelgewinn ist. Grundsätzlich gilt: Was dir hilft als Fahrer, ist viel zu fahren.

Welche Gedanken machen Sie sich über die Zukunft der Rennserie?
Rockenfeller: Es ist gut, dass BMW dazugekommen ist. Gut auch, dass die asiatische GT-Serie unser Reglement übernimmt. Das wertet unseren Sport und die gesamte DTM auf.

Der darunter leidet, dass die vielen Serien ihr eigenes Süppchen kochen?
Rockenfeller: Ja, das ist schade. Die vielen unterschiedlichen Reglements machen die Sache schwierig. Es wäre der Traum zu sagen, man bündelt das, und man kann überall in der Welt fahren, wo es Rennstrecken gibt. Das ist der richtige Ansatz.

Halten Sie eine WTM, also eine Tourenwagen-Weltmeisterschaft für möglich?
Rockenfeller: Eher nicht. Aber zumindest können durch die Angleichung der Reglements die gleichen Audis auch in Asien und Amerika fahren. Und dann gibt es vielleicht ein Welt-Finale. Es muss ja nicht gleich eine Weltmeisterschaft sein.

Zu Ihren Vorlieben: Welche ist Ihre Lieblingsrennstrecke?
Rockenfeller: Der Nürburgring ist die schönste Strecke der Welt. Die ist außen vor. Von allen anderen würde ich Spa an erster Stelle nennen, und das ist ja auch nicht so weit weg.

Und Ihr Lieblings-Fußballverein?

Rockenfeller: Leider habe ich es lange nicht mehr ins Stadion geschafft, aber ich bin Anhänger des 1. FC Köln. Durch die Nähe, und vor allem durch meinen Vater, der ist ein wirklicher Fan. Ich hoffe dass Köln aufsteigt und endlich ein bisschen Ruhe im Verein behält. Ich bin aber nicht fanatisch, sondern generell Sport interessiert und Kann damit leben, wenn der andere gewinnt, weil er besser ist.

Zur Person

Mike Rockenfeller wurde am 31. Oktober 1983 in Neuwied geboren. "Rocky" hat Benzin im Blut: Soweit es seine Einsätze in der DTM erlauben, fährt er leidenschaftlich gerne auch Langstreckenrennen. 2010 entschied er die legendären 24 Stunden von Daytona und von Le Mans für sich. Bei dem Klassiker in Frankreich überstand er ein Jahr später einen schweren Unfall ohne Folgeschäden. Sein größter Erfolg: DTM-Champion 2013.

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