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Interview mit Olympiasieger Nils Schumann: "Die Freiheit, nein zu sagen"

Interview mit Olympiasieger Nils Schumann : "Die Freiheit, nein zu sagen"

Nils Schumann gewann im Jahr 2000 als 22-Jähriger Gold über 800 Meter bei den Olympischen Spielen in Sydney. Im Interview spricht er über die verlorenen Jahre des einstigen Sporthelden, über die Denkmuster in Ost- und Westdeutschland sowie über das unangenehme Thema Doping.

Am Pfingstmontag wird Nils Schumann 35 Jahre alt. Seine Karriere beendete er nach vornehmlich schwierigen Jahren erst 2009. In Erfurt betreibt er mittlerweile das Unternehmen Prana Sports, das laut Website (prana-sports.de) eine ganzheitliche persönliche Trainingsbetreuung auf höchstem Niveau anbietet – für Privatpersonen, aber auch Firmenkunden. Die prana sportslounge in Erfurt als Trainingsort soll mehr bieten als ein herkömmliches Fitnessstudio - nicht zuletzt durch individuelle Beratung, unter anderem durch den Olympiasieger.

Sportchef Berthold Mertes sprach mit Nils Schumann am Rande eines Laufcamps, das der Erfurter in Biersdorf bei Bitburg in der Eifel organisiert hatte – über die verlorenen Jahre des einstigen Sporthelden, unterschiedliche Denkmuster von Ost- und Westdeutschen, sowie besonders ausführlich über das unangenehme Thema Doping. Vor dem Interview hatten die Gesprächspartner mit einem lockeren Dauerlauf am Biersdorfer Stausee die Gehirnzellen mit Sauerstoff geflutet.

Herr Schumann, 9. November 1989 oder 27. September 2000. Welcher Tag hat Ihr Leben stärker beeinflusst?
Nils Schumann: Schwierig zu sagen. Subjektiv für mich war es der Olympiasieg von Sydney, aber im Gesamtkontext vielleicht auch der Mauerfall. Man überlegt, wenn man in Ostdeutschland die ersten Schritte getan hat: Wie wäre das im DDR-Sportsystem weitergegangen? Ich war schon sehr früh ein Sportler beider Systeme, habe die frühesten Sichtungsstufen im DDR-Leistungssport erfahren, dann aber das Glück der größeren Freiheit und Gestaltungsmöglichkeit aus dem gesamtdeutschen System genießen können. Für mich war das gut. Ich weiß nicht, ob es für mich in ganz engen Richtlinien so gelaufen wäre. Insofern haben beiden Daten für mich einen großen Einfluss.

[kein Linktext vorhanden]Fühlen Ost- und Westdeutsche grundsätzlich immer noch unterschiedlich?

Schumann: Ich glaube ja. Ein Beispiel: Als alter Ostdeutscher muss habe ich eine ganz andere Einstellung zum Leistungssport. Das merke ich auch heute immer wieder: Für mich hat immer noch der Athlet, der Leistung bringt, einen höheren Stellenwert als für viele jüngere. Ich habe einen Bruder, der ist 12 Jahre alt und hat einen ganz anderen Bezug zu Leistungsthemen als ich. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die stattgefunden hat und die ich gar nicht bewerten möchte. Ich persönlich habe das große Glück gehabt, dass ich als vielleicht einer der letzten Profis Leichtathletik als Leistungssport betreiben durfte.

Sie sind der letzte deutsche Lauf-Olympiasieger aus Deutschland – auf lange Sicht, oder?

Schumann: Ich hoffe nicht. Für mich ist es zwar auf einer Seite schön. Ich würde aber gerne darauf verzichten. Momentan erscheint es mir aber ziemlich utopisch, dass ein deutscher Läufer Olympiasieger werden könnte.

Haben die Olympiasiege von Heike Drechsler 1992 und 2000, von Lars Riedel 1996 und Ihrer von 2000 den Prozess der Annäherung zwischen Ost und West beschleunigt?
Schumann: Ich weiß es nicht. Ich wurde immer als Angehöriger der ersten Generation der gesamtdeutschen Sportler bezeichnet. Ich persönlich mache diese Unterscheidung nicht mehr. Ich habe eher einen regionalen Bezug, freue mich über Thüringer Sieger. Ich finde schon, dass es in den letzten Jahrzehnten eine Annäherung gegeben hat. Nichts trägt mehr zur Annäherung bei als Erfolge.

Haben Sie diese Unterscheidung früher empfunden?
Schumann: Eher. Ich war zur Wende 11 Jahre alt und erinnere noch die Denkweisen und Strukturen aus der alten Zeit.

Was waren Ihre Sporthelden?
Schumann: Ich habe in meiner Jugend Bücher von Waldemar Cierpinski gelesen, dem Marathon-Olympiasieger von 1976 und 1980. Für mich war auch der Olympiasieg von Dieter Baumann sehr bewegend. In dem Fall war es mir egal, ob das ein Ost- oder ein Westdeutscher war. 1992 war ich 14 und es war für mich unglaublich, dass ein Weißer, dazu noch ein deutscher Läufer, diese damals bereits bestehende afrikanische Übermacht bezwingen konnte. Ich werde nie vergessen, dass ich damals mit meinem Vater das 5000-m-Finale von Barcelona sah. Und wie er mich anschließend fragte: Warum nicht du? Das war eine Idee, die mich verfolgt hat. Mein großes Ziel war dann, zu Olympia fahren zu dürfen. Damals habe ich natürlich nicht damit gerechnet, da gewinnen zu können.

Welchen Beitrag hat der Sport insgesamt zur deutsch-deutschen Integration geleistet?
Schumann: Er war früher ein großes Trennungsmerkmal, man hat sehr viele Barrieren im Sport aufgebaut. Und viele haben sich gewundert, dass aus zwei starken Sportsystemen nicht ein überragendes geworden ist, sondern eher das Gegenteil. Vieles hat sich zurückentwickelt - weil einfach der Partner zum Messen gefehlt hat. Man darf den Sport nicht überschätzen. Er ist auch nur eine gesellschaftliche Attitude wie viele andere auch.

Also nicht überzubewerten …
Schumann: Sportler sind keine besseren Menschen.

Was empfinden Sie bei diesem Bild? (ich reiche ihm die Olympia-Ausgabe des Fachmagazins Leichtathletik, das ihn in Jubelpose in Sydney zeigt)

Schumann (schmunzelt): Lange nicht mehr gesehen.

Die Zeitungen schrieben damals: Schumi gibt Vollgas. Und Sie sagten unmittelbar nach dem Goldlauf von Sydney: Es war das Rennen meines Lebens …

Schumann: Diesen Satz konnte ich leider nicht mehr revidieren.

Also kein schöner Satz – oder nur der falsche Zeitpunkt?

Schumann: Ja doch, mit 13 Jahren Abstand schön, toll. Aber im Alter von 22 Jahren hat man ja die Vorstellung, dass noch mehr kommt. Es gab noch ein paar Momente, die schön waren, aber es gab nach dem Olympiasieg vor allem auch viele nachdenkliche Momente, sogar einige sehr unglückliche. Die Kehrseite des Sports musste ich erst nach meinen Erfolgen kennenlernen – dann aber richtig. Andererseits finde ich die Aussage richtig, denn was soll für einen Leichtathleten nach einem Olympiasieg noch passieren?

Wahrscheinlich ist es der letzte deutsche auf lange Sicht in einer Laufdisziplin, ein Meilenstein, wie der von Dieter Baumann, dennoch mit weniger Nachhall. Werden Sie auf der Straße noch erkannt?

Schumann: In meiner Heimat in Thüringen ja. Dort weiß man auch, dass ich weiterhin umtriebig im Sport bin. Ich arbeite als Personal Trainer, beschäftige mich viel mit Problemen anderer Menschen - sei es Gewicht, sei es Verbesserung von Zeiten, sei es Gesundheit. Das macht mir sehr viel Spaß. Ich bin ohnehin nicht der selbstverliebte Mensch, der überall erkannt werden muss. Erkannt werde ich hin und wieder von Leuten, die sich im Sport auskennen. Das ist mir zehnmal lieber als ein platter Bekanntheitsgrad, der nur auf Fernsehpräsenz beruht.