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Eine Familie, vier Goldmedaillen

GA-Serie: Best of Olympia : Eine Familie mit vier Olympiasiegen im Hockey

Carsten Keller holt 1972 Hockey-Gold. Seine drei Kinder tun es ihm gleich. Über die erfolgreichste deutsche Mannschaftssportart.

Eine Familie, vier Olympiasieger. Allzu häufig gibt es das in der Historie der Spiele nicht. Ein Vater aus Berlin ist es, der seinen drei Kindern die Liebe für seinen Sport weitergibt. Und das Talent dazu: Carsten Keller. Seine Leidenschaft hat nur im entferntesten Sinne etwas mit Schafen zu tun; ihr Name kommt aus dem Altfranzösischen vom Hoquet, dem Schäferstock. Und in den Anfängen sieht man dem Hockey-Schläger auch noch sehr deutlich an, wonach er benannt ist.

Als Kellers Jüngster, Florian, 2008 die vierte Keller-Goldmedaille holt, ist das moderne Sportgerät deutlich handlicher, als noch in der Antike. Und auch anders als 1972, dem Jahr, in dem Carsten Keller in München dabei ist, als Deutschland im Finale die Vormachtstellung der technisch versierten Inder und Pakistani beendet und einen Siegeszug antritt.

Hockey wird mit fünf Goldmedaillen (vier für die Herren und eine für die Damen) die erfolgreichste deutsche Mannschaftssportart bei Olympischen Spielen – sieht man von Teamsportarten ab, die Einzelsportler zusammenfassen wie etwa das Dressurreiten.

Auch Florians Geschwister Andreas und Natascha füllen die Familienvitrine mit der höchsten sportlichen Auszeichnung. Andreas holt 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul Silber, ehe ihm zwanzig Jahre nach dem Triumph des Vaters der Karrierehöhepunkt gelingt. 2:1 heißt es nach zwei Treffern des Münchners Michael Hilgers im Finale gegen Australien – Gold. Man darf davon ausgehen, dass auch hier standesgemäß gefeiert wird, denn dieser Ruf eilt den Hockeyspielern voraus.

Natascha geht voraus. In London. Die beste deutsche Hockeyspielerin der Geschichte darf 2012 die deutsche Flagge ins Olympiastadion tragen und 392 Sportler aus 23 Sportarten anführen. „Das ist das i-Tüpfelchen auf meine Karriere“, sagt sie dem „Kicker“. „Eine große Ehre für mich persönlich, die Sportart und die ganze Hockey-Familie.“ Gold-dekoriert ist sie seit 2004. In Athen holen die deutschen Frauen als Außenseiter – wie immer, wenn deutsche Teams in Endspielen standen – durch ein 2:1 gegen die Niederlande ihren ersten Olympiasieg.

Begonnen hatte die Hockey-Familien-Saga schon 1936. Deutschland steht zum ersten Mal in einem olympischen Hockey-Finale. Mit dabei: Carsten Kellers Vater Erwin, der Patriarch der Berliner Dynastie. Doch Indien ist mehrere Nummern zu groß für Keller und Kollegen. Das 1:8 ist deutlich, aber Silber dennoch ein Erfolg. Die Vormachtstellung der Inder hält bis einschließlich 1956 – alle vier Jahre gibt es Gold. Dann reiht sich Pakistan in die Siegerliste ein.

Doch die Vorherrschaft der filigranen Techniker endet, als das Spiel athletischer wird. Bezeichnend, dass Carsten Keller, der bekennt ebenso gerne Fußball wie Hockey zu spielen, sich die Taktik für das Finale beim FC Bayern München und bei Borussia Mönchengladbach abguckt: Schnelles Umschalten soll die Pakistani überraschen. Und die Taktik geht im Endspiel am 10. September 1972 in München auf.

Die Asiaten nehmen geradezu beleidigt an der Medaillenzeremonie teil. Sie verstecken Silber in den Taschen ihrer Trainingsanzüge und werden für das unflätige Verhalten auf Lebenszeit gesperrt. Keller und sein Team werden in Deutschland zur Mannschaft des Jahres gewählt – noch vor den Fußball-Europameistern um Franz Beckenbauer und Günter Netzer.

Keller tritt zurück und wird Trainer bei seinem Heimatverein, dem Berliner HC, so wie später auch sein Sohn Florian, als dessen Co-Trainerin Natascha an der Seitenlinie steht. Hockey ist und bleibt Family business bei den Kellers.

2012 gewinnen die die deutschen Herren dann die bisher einzige Hockey-Goldmedaille ohne irgendeinen Keller. Aber nicht ohne Hockey-Familie. Die Mannschaft um die Brüderpaare Benjamin und Timo Wess sowie Philipp und Christopher Zeller von RW Köln schlägt im Finale die Niederlande mit 2:1. Die wilde Gold-Party auf der MS Deutschland, dem Schiff, das für die Heimreise der deutschen Olympioniken gebucht ist, fällt gewohnt zünftig aus. Die Rede ist zunächst von 500 000 Euro Schaden. Letztlich wird die Angelegenheit mit einer Entschuldigung von Kapitän zu Kapitän geklärt.