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Die Olympischen Spiele in Helsinki: Emil Zatopek: Nicht schön, aber schnell

Die Olympischen Spiele in Helsinki : Emil Zatopek: Nicht schön, aber schnell

1952 gewinnt Emil Zatopek in Helsinki Gold im Marathon – sein dritter Olympiasieg in acht Tagen. Doch zu seinem Glück musste er gezwungen werden.

Es ist keine Liebe auf den ersten Schritt. Emil Zatopek muss zu seinem Glück gezwungen werden. Anfang der 1940er Jahre wird der damals 19-jährige Mitarbeiter der Bata-Schuhfabrik in Zlin von seinem Chef zur Teilnahme an einem Lauf verpflichtet. Um dem Gerenne entgehen zu können, setzt der junge Zatopek seine Hoffnungen in einen Arztbesuch, klagt dort über Knieschmerzen. Doch der Mediziner kann und will partout keine Schmerzquelle finden. Zatopek muss laufen – und rennt in seinem Premierenlauf aus Trotz als Zweiter durchs Ziel.

Zweite Plätze werden in den nächsten Jahren die Ausnahme bleiben. Der junge Tscheche findet Gefallen am Laufen und stürmt in nur wenigen Jahren in die Weltspitze und den Fokus der Öffentlichkeit. Bei den Olympischen Spielen 1948 in London siegt Zatopek über 10.000 Meter und holt Silber über 5000 Meter. Vier Jahre später bei den Spielen in Helsinki folgt der Gipfelsturm.

10.000 Meter, 5000 Meter, Marathon – innerhalb von nur acht Tagen holt der damals 29-Jährige in allen drei Disziplinen die Goldmedaille. Dass er sich nach den ersten beiden Erfolgen auch noch den Marathon antut, liegt an seiner Frau Dana Zatopkova: Kurz nach Zatopeks Goldlauf über die 5000 Meter gewinnt die Gattin – wie ihr Mann am 19. September 1922 geboren – ebenfalls Gold, im Speerwurf. Und da der schon zweimal Gekrönte auch im Familienleben Wettkämpfer ist, gibt er ein neues Ziel aus. „Es steht 2:1 für mich. Das ist zu knapp. Ich werde den Marathonlauf gewinnen müssen“, sagt Zatopek – und lässt Worten Taten folgen. Obwohl noch nie zuvor in einem Wettkampf einen Marathon gelaufen, siegt er am 27. Juli 1952 in olympischer Rekordzeit.

Trotz, Wille, Leidensfähigkeit – der Langstreckenläufer ist mit einigen Charaktereigenschaften ausgestattet, die ihm zu einer Weltkarriere in seiner Sportart verhelfen. Dazu passt auch Zatopeks Trainingspensum: In der Hauptphase der Vorbereitung rattert er 100 Läufe über jeweils 400 Meter runter – pro Tag. Die rund 250 Trainingskilometer pro Woche absolviert er zum Teil mit Waldläufen in Militärstiefeln. Als Begründung, warum er seinem Körper ein solches Pensum abverlange, soll Zatopek einmal gesagt haben, dass er den Wettkampf dann als Erholung empfinde.

Das Archivbild vom Oktober 1989 zeigt Emil Zatopek und seine Frau Dana mit einem Doppelporträt in Prag. Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb/Karelvlcek

Anzusehen ist ihm das jedoch nicht. Wenn sich der Wunderläufer in Bewegung setzt, hat das wenig mit Ästhetik zu tun: Sein Laufstil ist schwergängig, das Gesicht oft schmerzverzerrt, die Arme rudern umher. Zatopek ist auf der Aschenbahn Arbeiter, weshalb ihm der Spitzname „tschechische Lokomotive“ verliehen wird. Der Ausnahmeathlet selbst beschreibt seine Tätigkeit äußerst nüchtern: „Hier ist der Start, dort ist das Ziel. Dazwischen musst du laufen.“

Nach seinem Dreifach-Triumph von London gelingt ihm das nicht mehr so erfolgreich wie zuvor. Bei Olympia 1956 in Melbourne ist Zatopek über seinem Zenit, die riesige Belastung aus dem Training macht sich immer mehr bemerkbar. Im olympischen Marathonlauf spielt er bei der Vergabe der Medaillen keine Rolle mehr, kämpft sich aber als Sechster ins Ziel. Ein Jahr später folgt das Karriereende. Anschließend arbeitet Zatopek für das tschechoslowakische Verteidigungsministerium, fällt wegen seiner Sympathien für den Prager Frühling 1968 in Ungnade, wird später jedoch rehabilitiert. Das letzte Glanzlicht erstrahlt 1997, drei Jahre vor seinem Tod, als er in seiner Heimat zum Sportler des Jahrhunderts gewählt wird.

Geblieben sind von Zatopek nicht nur diese Auszeichnung und seine Medaillen, sondern auch ein oft zitierter Satz, der die Bodenhaftung dieses Jahrhundertsportlers verdeutlicht. „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“, sagte Zatopek einst auf Deutsch fast entschuldigend über seine Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die anfangs keine war.