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Nach WM-Aus: Handballer brauchen dringend ein Erfolgserlebnis

Nach WM-Aus : Handballer brauchen dringend ein Erfolgserlebnis

Seit 2016 haben Deutschlands Handballer keine Medaille mehr bei einem Großereignis gewonnen. Olympia soll jetzt die Trendwende bringen. Zuvor muss sich die DHB-Auswahl aber erst einmal qualifizieren. Ein Scheitern könnte für die Sportart gravierende Folgen haben.

Schon vor dem WM-Abschiedsspiel gegen Polen erhöhte DHB-Boss Andreas Michelmann den Druck auf die deutschen Handballer.

Nach dem enttäuschenden Scheitern in der Hauptrunde muss bei den Olympischen Spielen endlich wieder ein Erfolgserlebnis her, um den seit mehr als vier Jahren anhaltenden sportlichen Sinkflug zu stoppen und die Attraktivität der Sportart in schweren Corona-Zeiten wieder zu steigern. „Wir brauchen jetzt Olympia, um die Kurve wieder nach oben zu kriegen“, betonte der Präsident des Deutschen Handballbundes mit Nachdruck.

Seit dem Superjahr 2016 mit dem sensationellen EM-Triumph und Olympia-Bronze in Rio hat die DHB-Auswahl ihre eigenen hohen Ansprüche nicht mehr erfüllen können. Bei der WM 2017 war im Achtelfinale Endstation, bei der EM 2018 schied Deutschland wie jetzt in der Hauptrunde aus. Und auch bei der Heim-WM 2019 (Platz vier) und der EM 2020 (Platz fünf) blieb der Medaillentraum unerfüllt.

Es droht das Mittelmaß und damit unweigerlich ein nachlassendes Interesse der Öffentlichkeit und Sponsoren, wie die sinkenden TV-Quoten bei der WM deutlich machten. „Damit das nicht passiert, müssen wir jetzt liefern. Auch vor dem Hintergrund des Jahrzehnts des Handballs, das wir als Verband ausgerufen haben mit den EMs und WMs, die wir geholt haben“, forderte Vizepräsident Bob Hanning in einem Interview der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Deutschland richtet 2024 die EM und 2027 die WM aus.

Seine Kritik: „Wir haben es in den Turnieren seit 2016 nicht geschafft, diese Weltklasse zu entwickeln. Wir kommen stattdessen immer wieder übers Kollektiv“, monierte Hanning. Man habe „ganz oft“ das Momentum nicht nutzen können. „Wir haben zum Teil die Qualität nicht gehabt, die notwendig wäre, um das zu lösen. Da fehlen immer diese zwei, drei Prozent, die das Besondere ausmachen.“

Das war auch in Ägypten in den entscheidenden Spielen gegen Ungarn (28:32) und Spanien (28:32) so. Hanning, der den Verband im Herbst nach acht Jahren verlassen wird, wollte das schwache Abschneiden daher gar nicht schönreden. „Wir wollten ins Viertelfinale. Dieses Ziel, das wir trotz der vielen Absagen ganz bewusst ausgegeben haben, wurde nicht erreicht“, bilanzierte der 52-Jährige.

Auch in der Bundesliga sorgte das frühe Aus für Enttäuschung. „Wir hatten uns natürlich mehr erhofft. Wir wollten sportlich erfolgreich sein, das hat nicht hingehauen“, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann in einer dpa-Umfrage. „Das Ergebnis ist leider ernüchternd“, befand Ex-Nationalspieler Frank von Behren, der heute als Geschäftsführer die Geschicke bei GWD Minden leitet. Und Viktor Szilagyi, Geschäftsführer des deutschen Rekordmeisters THW Kiel, stellte fest: „Unter dem Strich muss man sagen, es hat nicht gereicht.“

Dennoch herrscht Optimismus in der gesamten Branche, dass 2021 nach dem verpatzten Start doch noch zu einem Erfolgsjahr für die deutschen Handballer wird. „Das selbst ausgegebene Ziel Viertelfinale wurde zwar verpasst, jedoch konnte man eine Entwicklung des Teams erkennen“, resümierte Axel Geerken, Vorstand der MT Melsungen. „Ich traue der Mannschaft die Qualifikation für die Olympischen Spiele absolut zu.“

Dafür muss die DHB-Auswahl beim Ausscheidungsturnier Mitte März in Berlin unter die ersten Zwei kommen. Gegner sind Schweden, Slowenien und Algerien. „Das wird nicht einfach, und es ist noch Einiges zu tun“, mahnte Dierk Schmäschke, Geschäftsführer des deutschen Vizemeisters SG Flensburg-Handewitt.

Immerhin kann Bundestrainer Alfred Gislason dann aus einem größeren Pool an Spielern schöpfen, stehen ihm doch voraussichtlich wieder Leistungsträger wie Fabian Wiede, Finn Lemke, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek und der frisch gekürte „Handballer des Jahres“, Hendrik Pekeler, zur Verfügung. Szilagyi glaubt zudem, dass die Mannschaft von den Erfahrungen, die sie bei der WM gesammelt hat, profitieren werde. Der Österreicher sieht daher gute Chancen: „Ich bin sicher, dass Deutschland es schaffen wird.“

Davon geht auch Hanning fest aus. Er wird nicht müde zu betonen: „Wir holen die Goldmedaille.“ Mit seiner Vision hat er längst auch Michelmann angesteckt. „Das ist ja ein Ziel, das wir uns schon 2013 gesteckt haben“, sagte der 61-Jährige. „Bei der Ausgeglichenheit der Weltspitze und den Reserven, die wir noch haben an Spielern, halte ich das für ein realistisches Ziel.“

© dpa-infocom, dpa:210124-99-153511/4