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Deutschland-Tour: Kölner Radprofi Marcel Wüst hofft auf neues Vertrauen in den Radsport

Deutschland-Tour : Kölner Radprofi Marcel Wüst hofft auf neues Vertrauen in den Radsport

Der frühere Kölner Radsport-Profi Marcel Wüst spricht im GA-Interview über die Deutschland-Tour, Radfahren im Berufsverkehr und den gefallenen Helden Jan Ullrich.

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Herr Wüst, die Deutschland-Tour lebt wieder auf. Welche Erinnerungen werden bei Ihnen wach?

Marcel Wüst: Der letzte Pedaltritt, den ich bei der Tour gemacht habe, war 1999. Ich kann mich noch gut an meinen Etappensieg in Herzogenaurach erinnern, auf der Schlussetappe in Berlin war ich, glaube ich, Dritter. Es war grandios. Hunderttausende standen an den Straßen, haben uns gefeiert wie Popstars. So eine Atmosphäre hast du sonst nur bei der Tour de France. Es war halt gerade zwei Jahre nach dem größten Erfolg eines heute gefallenen Helden.

Alle anderen Mehretappenfahrten in Deutschland, zuletzt die Bayern-Rundfahrt, sind eingestampft worden. Was macht Ihnen Hoffnung, dass die Deutschland-Tour wieder eine Zukunft hat?

Wüst: Weil wir eine Klasse-Generation von Radrennfahrern in Deutschland haben, die diese Tour einfach verdient hat. Die Top-Leistungen bringt und ein klares Statement gegen Doping abgegeben hat. Und ich glaube, dass trotz aller Einflüsse, denen wir heute ausgesetzt sind, trotz Facebook, sozialer Medien, Streamingdiensten und was auch immer, viele Leute sich nach diesem faszinierenden, fast noch archaischen Sport auch ein wenig sehnen.

Hat der deutsche Radsport nach den dunklen Jahren also wieder Vertrauen verdient?

Wüst: Natürlich hat er eine zweite Chance verdient. Ich behaupte: Kein anderer Sportler muss, was Dopingkontrollen angeht, dermaßen die Hosen runterlassen wie die Radprofis. Fabian Cancellara hat es in seiner letzten Saison mal aufgelistet: Von Februar bis Oktober wurde er 57 mal getestet. Da stehen Kontrolleure morgens um sechs im Trainingslager vor der Tür – natürlich unangemeldet. Bei den Profifußballern gäbe es einen Riesenaufschrei, wenn ihnen das zugemutet würde. Aber im Radsport hat man das akzeptiert und hält sich daran. Das finde ich gut. Unsere Jungs haben sich, was Doping angeht, klar positioniert. Denen kannst du in die Augen gucken, die sagen die Wahrheit.

Wir haben gute Sprinter, aber keinen Klassementfahrer, warum ist das so?

Wüst: Wir sind keine Radsport-Nation wie Frankreich, Italien oder Belgien, wo die Fahrer wie Rockstars vergöttert werden. Der Tom Boonen, der konnte in Belgien nicht mal über die Straße gehen, ohne dass es zu einem Menschenauflauf kam. Hier gab es nach den Dopingskandalen eine Zäsur, die bis in den Nachwuchs gewirkt hat. Wenn du als kleiner Verein zum Bäcker gegangen bist, und um Unterstützung nachgefragt hast, kam die prompte Antwort: Radsport? Dann versuch's doch besser in der Apotheke. Es gab immer weniger Rennen und immer weniger Kinder, die Radsport betrieben haben. Du bleibst dann nur dabei, wenn du Erfolg hast. Und das hast du am ehesten als Sprinter.

Sie waren ein internationaler Topsprinter. Was ist das für eine besondere Spezies im Radsport?

Wüst: Nehmen wir die Tour de France. Da sind die Sprinter in den ersten neun Tage volle Kanne gefordert. Die fahren am Limit. Die wollen und sollen eine Etappe gewinnen, das ganze Team fährt für sie. Der psychische Druck ist enorm. Ein Bergfahrer, der rollt sich in dieser Phase locker ein. Und dann kommst du als Sprinter am zehnten Tag, mental und körperlich schon ziemlich am Ende, in die Berge und musst Tausende Höhenmeter überwinden. Das wäre ähnlich, als hätte früher ein Carl Lewis vor seinem 100-m-Finale noch einen Marathon laufen müssen. Für mich sind die Sprinter die wahren Helden des Radsports.

Bei der diesjährigen Tour haben einige deutsche Sprinter wie Marcel Kittel, André Greipel oder Rick Zabel entweder das Zeitlimit nicht geschafft oder aufgegeben.

Wüst: Früher konnte jeder Radprofi ein bisschen von allem, ein Sprinter kam also auch über die Berge. Heute musst du dich als Sprinter so spezialisieren, um mithalten zu können, dass dir im Gebirge die Power fehlt. Die haben ja Körper wie römische Gladiatoren. Da fahren diese Jungs dann drei, vier Stunden ganz allein durch die Pyrenäen, immer mit der Angst im Nacken, das Zeitlimit zu verpassen. Diese Karenzzeit muss angepasst werden. So funktioniert es nicht. Das kann auch nicht im Sinne der Veranstalter sein, wenn beim Schlusssprint auf den Champs-Élysées von den Topsprintern nur noch Peter Sagan im Rennen ist.

Die Städte, in denen die Deutschland-Tour Station macht, also auch Bonn, werben für das Rad als ökologisch sauberstes Fortbewegungsmittel. Sie sind auch heute noch meist mit dem Rad unterwegs. Welche Erfahrungen machen Sie auf Deutschlands Straßen?

Wüst: Das ist Überlebenskampf, nichts anderes. Nun bin ich einer, der seit 40 Jahren Rennrad fährt, der intuitiv vieles richtig macht. Ich ahne, dass der Autofahrer vor mir, ohne zu blinken und ohne auf mich zu achten, rechts abbiegt, weil er vielleicht durch eine Whatsapp abgelenkt ist oder sowieso alle Radfahrer scheiße findet. Ich weiß, dass, wenn ein Auto rechts anhält, da gleich eine Autotür aufgeht. Viele, die tagtäglich mit dem Rad unterwegs sind, erleben haarsträubende Dinge. Auf der Straße regiert das Gesetz des Stärkeren. Da kannst du froh sein, wenn du als schwächster Verkehrsteilnehmer unversehrt auf der Arbeit ankommst.

Was muss passieren?

Wüst: Ich finde es gut, dass das E-Bike enormen Zulauf erhält. Ich stelle mal die These auf, dass in fünf bis zehn Jahren hier in Köln auf großen Einfallstraßen wie der Aachener oder der Dürener Straße von drei Spuren eine komplett nur für das Fahrrad freigegeben wird, mit grüner Welle bei Tempo 30. Wenn man sich das Etikett einer fahrradfreundlichen Stadt anheftet, müssen solche Radschnellwege das Ziel sein.

Sie leben mehrere Monate im Jahr auf Mallorca. Was machen Sie dort?

Wüst: Ich habe vor zehn Jahren auf Mallorca ein Haus gekauft und veranstalte dort seitdem Rennrad-Feriencamps. Ich habe fünf Doppelzimmer, die Gäste wohnen bei mir, werden verpflegt und betreut, bekommen von mir eine professionelle Expertise, immer bezogen auf ihr Leistungsniveau. Da sind auch viele Anfänger dabei, denen ich versuche, den Spaß am Rennsport zu vermitteln. Inzwischen habe ich Gruppen, die kommen jedes Jahr. Denen gefällt's bei mir, und Mallorca ist für Radsportler halt ein Eldorado.

Sie kennen Jan Ullrich gut, er wohnt auch auf Mallorca. Wie haben Sie die Entwicklung der letzten Woche um ihn verfolgt?

Wüst: Wir hatten immer mal wieder losen Kontakt über Whatsapp oder per Mail. Was jetzt passiert ist, hat mich erschüttert. So kenne ich ihn nicht. Ich wünsche ihm sehr, dass er wieder auf die Beine kommt. Der Jan Ullrich, den ich kennengelernt habe, ist nämlich ein feiner Mensch.