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Mal Walscheid bei Tour de France: Radprofi aus Neuwied erstmals dabei

Radprofi aus Neuwied : Max Walscheid fährt erstmals die Tour de France

Der Neuwieder Max Walscheid nimmt ab Samstag erstmals an der Frankreich-Rundfahrt teil. Seinem Teamkollegen Giacomo Nizzolo soll er zu Sprintsiegen verhelfen.

Wenn es den Col de la Madeleine hinaufgeht, den Cormet de
Roselend oder den Grand Colombier, dann heißt es für Max Walscheid: leiden. „Die ganz schweren Bergetappen sind für uns Sprinter meist nur eine Fahrt ums Überleben“, sagt der Radprofi. Überleben heißt in diesem Fall: das Ziel vor dem Zeitlimit erreichen. „Wenn ich am ersten Berg merke, dass es gut läuft, kann ich mir sicher sein, mit der großen Gruppe anzukommen“, erklärt Walscheid. „Es kann aber auch das Gegenteil sein – ab dem Start der absolute Horror.“

Großes Gruseln wird den gebürtigen Neuwieder in den nächsten drei Wochen trotzdem nicht befallen, denn für ihn ist die Fahrt durch Alpen und Pyrenäen ein Meilenstein: Walscheid nimmt erstmals in seiner Karriere an der Tour de France teil, die an diesem Samstag in Nizza beginnt. „Auf diesen Moment habe ich die vergangenen Wochen gewartet“, sagte der 27-Jährige, nachdem er von seinem südafrikanischen Team NTT Pro Cycling in der Vorwoche nominiert worden war. Obwohl es seine erste Frankreich-Rundfahrt ist, weiß Walscheid, was ihn zwischen Nordsee und Mittelmeer erwartet: „Es werden wohl die drei härtesten Wochen meiner bisherigen Karriere. Ich gehe davon aus, dass die Tour-Etappen in diesem Jahr wegen der verkürzten Saison noch intensiver gefahren werden als sonst. Jedes Team will jeden Tag nutzen.“

Walscheid ist letzter Anfahrer von Nizzolo

Bei NTT Pro Cycling soll Walscheid, der seine erste Saison bei dem Team aus Südafrika bestreitet, zu Erfolgen beitragen. „Wir haben mit Giacomo Nizzolo einen klaren Leader für die Sprintetappen. Ich werde sein letzter Anfahrer sein, soll ihn also auf der Zielgeraden in eine möglichst gute Position bringen“, beschreibt Walscheid seine Aufgabe bei Flachetappen. Läuft alles perfekt, überquert der italienische Teamkollege den Zielstrich als Erster. Das optimale Zusammenspiel mit Nizzolo war daher in der Vorbereitung auf die Tour besonders wichtig. „Das haben wir in Rennen trainiert“, sagt der ehemalige deutsche Vizemeister im Straßenrennen und macht deutlich, welche Verantwortung er im Etappenfinale trägt: „Nizzolo muss mir blind vertrauen.“

Da die Sturzgefahr im Massensprint besonders hoch ist, gilt es also auch, den Top-Sprinter so gut es geht vor Unfällen zu schützen. „Im Vergleich zu anderen Rennen wird die Anfahrt aufs Finale noch hektischer sein“, glaubt Walscheid. Noch hektischer heißt: Extrem hektisch. Schon bei den jüngsten Rennen war das Fahrerfeld unruhig, es kam zu vielen Stürzen. Für den 27-Jährigen eine Folge der wegen Corona lange unterbrochenen Saison. „Niemand konnte sich mehr erlauben, ein Rennen nur als Vorbereitung zu fahren. Und da jeder Fahrer beim Restart auch in Topform war, waren das Leistungsniveau noch höher und die Positionskämpfe noch extremer als sonst“, erzählt Walscheid, der seit 2012 in Heidelberg lebt.

Freundin und Vater in Frankreich dabei

Während die Zielankünfte genauso schnell und spektakulär ablaufen werden wie in den vergangenen Jahren, ist bei der Tour 2020 ansonsten vieles anders. Die großen Zuschauermassen – vor allem in den Bergen und Zielorten – wird es in diesem Jahr nicht geben. Die unsichere Situation hat auch für Walscheid persönliche Folgen: „Es ist schade, dass es für meine Familie schwierig ist, vor Ort zusammenzukommen. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass meine Freundin und mein Vater in Frankreich dabei sein werden“, erzählt er. Die persönliche Unterstützung sei bei einer solchen Rundfahrt sehr viel wert – „vor allem während und nach einer schweren Bergetappe. Das motiviert dich zusätzlich.“

Die großen Favoriten wird Sprinter Walscheid in den Bergen naturgemäß schnell aus den Augen verlieren. Aus seiner Sicht hat ein Trio die besten Chancen auf den Gesamt-
sieg. „Die Favoriten sind für mich Primoz Roglic und Tom Dumoulin vom Team Jumbo-Visma sowie Titelverteidiger Egan Bernal von
Ineos.“ Auch dem großen deutschen Hoffnungsträger traut der Neuwieder viel zu: „Wenn Emanuel Buchmann fit ist, kann er definitiv in dieser Liga mitspielen.“

Bei Walscheid fallen die eigenen Ansprüche bescheidener aus. „Mein persönliches Ziel ist es, in Paris anzukommen“, sagt er. „Da es dieses Jahr eine harte Tour ist, wäre das ein Erfolg für mich.“ Auf dem Champs-Élysées kann Max Walscheid dann wohl auch über den Col de la Madeleine und dessen schmerzbringende Verwandte lachen.